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NS-Lagerkommandant Franz Stangl

Zynischer Massenmörder statt bloßer Mitläufer

Franz Stangl
Während er den Tod abertausender Menschen orchestrierte, inszenierte sich Franz Stangl als jovialer Dandy in blütenweißer Uniform. © historisch/ FernUniversität in Hagen

Der Österreicher Franz Stangl war in der NS-Zeit Kommandant der Vernichtungslager Treblinka und Sobibor und direkt für den Tod von hunderttausenden Menschen verantwortlich sowie am Mord an zwei Millionen weiteren Opfern im Zuge der „Aktion Reinhardt“ beteiligt. Doch trotz dieser Taten erfasst das Bild dieses Massenmörders selbst in der Wissenschaft nicht immer das wahre Ausmaß seiner mörderischen Menschenverachtung, wie ein Historiker festgestellt hat.

Das Maß an Gewalt und Leid, für das Franz Stangl verantwortlich ist, scheint abseits von Zahlen kaum begreiflich: Der gebürtige Österreicher war unter anderem Kommandant der NS-Vernichtungslager Treblinka und Sobibor im besetzten Polen. Hier beteiligte er sich im Zuge der „Aktion Reinhardt“ am systematischen Mord von fast zwei Millionen jüdischen Menschen, Romnja und Roma. Schon zuvor hatte sich der ehemalige Polizist und Gestapo-Beamte in der „Aktion T4“ hervorgetan und unter anderem die Tötungsanstalt Hartheim verwaltet. „Das T4-Kollektiv, das die Euthanasie organisiert hat, bildet später auch das Täterkollektiv der Aktion Reinhardt“, erklärt der Historiker Florian Gregor von der Fernuniversität in Hagen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Stangl zwar vorübergehend inhaftiert, konnte aber 1948 aus der Untersuchungshaft zuerst nach Syrien fliehen, später wanderte er nach Brasilien aus und lebte dort zunächst unbehelligt mit seiner Familie unter seinem echten Namen. Erst durch die Recherchen und Bemühungen von Simon Wiesenthal wurde Stangl im Februar 1967 von den brasilianischen Behörden verhaftet und kurz darauf nach Deutschland ausgeliefert. 1970 wurde der NS-Täter vom Landgericht Düsseldorf zu lebenslanger Haft verurteilt wegen der gemeinschaftlichen Ermordung von mindestens 400.000 Menschen. Zwar legten Stangls Anwälte Revision ein, bevor es jedoch zu einem erneuten Prozess kam, starb der Verurteilte im Jahr 1971.

Verzerrtes Bild bis heute

Doch über seinen Tod hinaus ist es Stangl gelungen, die Sicht auf seine Taten und sich selbst entscheidend zu beeinflussen, wie Florian Gregor quasi durch Zufall feststellte. Ursprünglich hatte der Historiker geplant, eine Typologie verschiedener NS-Täter zu erstellen und sie zu vergleichen. Franz Stangl sollte einer von ihnen sein. Bei seiner Archivarbeit wurde Florian Gregor jedoch klar, dass er auf eine wissenschaftliche Leerstelle gestoßen war: „Das, was aus den Quellen über Franz Stangl hervorgeht, stimmt oft nicht mit dem Bild überein, das in der Wissenschaft von ihm zirkuliert. Hier musste ich intensiver nachforschen“, so der Forscher.

Nach genauerem Studium der historischen Quellen kommt Gregor zu dem Schluss: Einerseits wusste sich der Massenmörder in ein strategisch günstiges Licht zu rücken, andererseits kamen jahrzehntelang zu wenig Zweifel an seiner Selbstdarstellung auf. Als entscheidend für das bis heute vorherrschende Bild erweist sich dabei vor allem eine Reihe von Interviews, die Stangl in den neun Wochen vor seinem Tod der britischen Journalistin Gitta Sereny gegeben hatte. Das daraus resultierende Buch erschien 1974. „Auf Grundlage dieses Buchs hat sich ein Bild von Stangl etabliert, das bis heute – größtenteils auch von der Wissenschaft – einfach rezipiert wurde, ohne hinterfragt zu werden“, sagt Gregor. Sereny habe damals zwar durchaus versucht, Stangls Version der Wahrheit kritisch zu reflektieren. „Man muss aber sagen: Letztlich ging sie ihm auf den Leim“, so der Historiker.

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Zynischer Mörder statt bloßer Erfüllungsgehilfe

Konkret stellte sich der Lagerkommandant in den Interviews und auch schon im Prozess als bloßer Erfüllungsgehilfe dar. Als Beamter habe er keine andere Wahl gehabt, als sich unterzuordnen, so sein Narrativ. „Stangl erzählte, er sei nur schicksalhaft ins System verstrickt gewesen, habe einfach nur versucht, durchzukommen, dabei gut zu handeln und niemandem etwas Böses zu tun“, berichtet Gregor. Auch die Schilderungen der wenigen Überlebenden seien oft zu ausschnitthaft gewesen, um das wahre Ausmaß von Stangls Verantwortung zu belegen. Doch wie der Historiker erklärt, gibt es in den historischen Quellen zahlreiche Dokumente, die den vermeintlichen Mitläufer als überzeugten Nationalsozialisten entlarven: „Es ist klar, dass er seine Leitungsposten bekommen hat, weil er – wie es zum Beispiel in einer dienstlichen Beurteilung der Gestapo von 1941 heißt – ‚weltanschaulich zuverlässig‘ und ein alter Kämpfer für die Sache war“, so Gregor.

Zeitzeugenberichte zeigen zudem, wie wenig Stangl sich von den ihn umgebenden Leichenbergen bekümmern ließ. „Er wurde von den Überlebenden als jemand geschildert, der sich durch einen sehr erhabenen Habitus ausgezeichnet hat. Er trug eine weiße Fantasieuniform mit Schiffchenmütze“, so Gregor. „Für sich und seine Kameraden hatte er Ringe mit Lebens- und Todesrunen anfertigen lassen. In dieser Uniform trat er – so schildern es die Überlebenden – nicht militärisch stramm auf, sondern sehr selbstbewusst, jovial und glücklich.“ Dies änderte sich auch nicht, wenn Stangl in den Vernichtungslagern der Verbrennung von tausenden Leichen beiwohnte: „Stangl hat sich danebengestellt, die Häftlinge im beiläufigen Plauderton gegrüßt oder ihnen auch mal gönnerhaft eine Zigarette zugeworfen“, gibt der Historiker die Berichte wieder.

Einfluss der Täterperspektive wirkt noch nach

Nach Ansicht des Historikers legt der Fall Stangls legt exemplarisch offen, dass die NS-Täterinnen und -Täter eben nicht nur oder gar erzwungene Handlanger oder Rädchen im Getriebe der automatisierten Tötungsfabriken waren. „Wenn man sich die Berichte von Überlebenden anschaut, werden die Handlungen der Einzelnen auf einmal sehr sichtbar. Sie haben wenig mit einem automatisierten Prozess zu tun, sondern mit Eigeninitiative“, so Gregor. Die Täter profitierten letztlich davon, sich als willenlose Erfüllungsgehilfen ohne Eigenverantwortung und in Abgrenzung zu Exzess-Tätern zu gerieren, in einer Zeit, da Gerichte eben diese Lesart unterstützten.

In den 1960er Jahren sprachen sogar historische Sachverständigengutachten vom verbindlichen „Endlösungsbefehl“, wonach den meisten Angeklagten keine Direkttäterschaft zugeschrieben wurde. Diese Annahme wurde von der Wissenschaft zwar längst verworfen – das Bild von Täterinnen und Tätern prägt sie jedoch mittelbar weiter. „Der Einfluss der Täterperspektive auf unser Wissen über die NS-Verbrechen wurde lange vernachlässigt“, erklärt der Historiker. Ausgehend von dieser Beobachtung möchte Florian Gregor die NS-Forschung generell dazu anregen, sich selbst und ihren Quellen gegenüber kritisch zu bleiben.

Quelle: FernUniversität in Hagen

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