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Gesellschaft+Psychologie

Ab wann Normen die Großzügigkeit prägen

Das „Diktatorspiel“ kann die Bereitschaft einer Person zeigen, auf eigne Kosten mit anderen zu teilen. (Bild: Julie Gatenby, University of York)

„Das macht man so“ – soziale Normen spielen eine wichtige Rolle in menschlichen Gesellschaften und sie unterscheiden sich bekanntlich von Kultur zu Kultur. Forscher sind nun in acht verschiedenen Gesellschaften der Welt der Frage nachgegangen, ab wann Normen beginnen, unser prosoziales – großzügiges – Verhalten deutlich zu beeinflussen. Der Wunsch zu teilen, wird bei Kindern demnach ab einem Alter von etwa acht Jahren zunehmend davon geprägt, wie „man“ sich in einer jeweiligen Gesellschaft prosozial verhält. Es scheint sich dabei um ein entwicklungspsychologische Grundprinzip beim Menschen zu handeln.

Die Fähigkeit zur Kooperation ist eines der Schlüsselelemente des Erfolgs des Menschen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass wir nicht immer nur an uns selbst denken – das sogenannte prosoziale Verhalten gehört zu den Grundlagen des Kooperationsverhaltens und damit auch des Erfolgs von Gesellschaftsformen. In einem gewissen Rahmen ist der Mensch bereit, mit anderen zu teilen, auch wenn daraus für ihn kein unmittelbarer Vorteil entsteht. Allerdings gibt es bei der Art und Weise, wie man sich prosozial verhält Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen der Menschheit. Man geht davon aus, dass dies auf der Vermittlung und Verfestigung von Normen bezüglich dieses Aspekts beruht. Details der Entwicklungsprozesse dieses Systems sind bisher aber wenig erforscht.

Frühere Studien haben gezeigt, dass Kinder grundsätzlich schon sehr früh empfindsam auf normative Informationen reagieren: Im Alter von 1,5 bis 4 Jahren passen sie ihr Verhalten moralischen und konventionellen Regeln an und begreifen zudem, dass verschiedene Menschengruppen unterschiedlichen Normen folgen. Im weiteren Verlauf der Kindheitsentwicklung nimmt die Anpassung an soziale Normen dann weiter zu. In diesem Zusammenhang haben die Forscher um Bailey House von der Universität York nun der Verbindung von sozialen Normen und der Entwicklung des prosozialen Verhaltens eine Studie gewidmet.

Das „Diktatorspiel“ gibt Einblicke

Sie führten dazu experimentelle Spiele mit insgesamt 255 Erwachsenen und 833 Kindern aus acht unterschiedlichen Kulturen durch, die ländliche und städtische Gesellschaftsstrukturen umfassten. Gespielt wurde das in der psychologischen Forschung oft eingesetzte „Diktatorspiel“, das die Bereitschaft einer Person aufzeigen kann, auf eigne Kosten mit anderen zu teilen. Die Probanden hatten bei dem Spiel prinzipiell die Wahl zwischen zwei Optionen: Einer großzügigen, die ihnen selbst, aber auch dem Mitspieler eine Belohnung ermöglichte und einer egoistischen Option, die dem Probanden beide Belohnungen einbrachte. Durch bestimmte Variation ihres Versuchskonzepts gewannen die Forscher zudem Einblicke in die Gedankenwelt der Probanden und welche Rolle gesellschaftliche Normen für ihre Entscheidungen spielten.

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Zunächst erfassten die Wissenschaftler das kulturspezifisch typische Verteilungsverhalten der Erwachsenen. Generell gab es dabei eine Tendenz zum prosozialen Verhalten, es zeichneten sich allerdings auch kulturspezifische Muster ab: „Die Menschen in all diesen Gruppen teilen, aber sie sind es gewohnt, dies in unterschiedlichen Situationen und wahrscheinlich aus unterschiedlichen Gründen zu tun“, sagt House. Ihm zufolge ist dies wohl der Grund für die unterschiedlichen Testergebnisse bei den verschiedenen Kulturen. Wie die Forscher berichten, zeigt sich in diesem Zusammenhang zudem: Das prosoziale Verhalten von Erwachsenen ist davon geprägt, was andere Mitglieder ihrer Gesellschaft für die richtige soziale Norm halten, schreiben die Wissenschaftler.

Wenn die Egozentrik schwindet

Was die Kinder betrifft, zeichnete sich bis zu einem Alter von bis zu etwa sieben Jahren die Tendenz zur kindlichen Egozentrik ab. Danach setzte sich dann zunehmend die Großzügigkeit durch. Dabei folgten die Kinder wiederum den jeweiligen Verhaltensmustern der Erwachsenen ihrer Kultur. Durch weitere Experimente konnten die Forscher zudem belegen, dass etwa im gleichen Alter die Kinder aller Gesellschaften immer stärker beginnen, die ihnen vermittelten Normen auch umzusetzen: Sie teilten mehr, wenn ihnen zuvor über ein Video suggeriert worden war, dass die großzügige Option „richtig“ sei, und sie teilten weniger, wenn ihnen vermittelt wurde, dass die egoistische Option der Norm entspricht.

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kinder in der mittleren Kindheit besonders empfindlich auf kulturspezifische Informationen zum Verhalten reagieren“, sagt House. Aus den Ergebnissen geht hervor, dass die Entwicklung des prosozialen Verhaltens von einer Reaktion auf normative Informationen geprägt ist, die sich in den Gesellschaften entwickelt haben, schreiben die Wissenschaftler. „Eine Botschaft der Studie ist, dass wir nicht nur darauf achten sollten, was Kinder wissen, sondern warum sie anfangen, sozialen Normen zu folgen. Der nächste Schritt besteht nun darin, Fragen zu stellen, was in der Entwicklung eines Kindes zwischen den Altersstufen vor sich geht. „Das Ziel unserer Arbeit ist es letztlich, besser zu verstehen, wie Kultur und psychologische Reifung bei der Entstehung kultureller Vielfalt im Kooperationsverhalten und in anderen Verhaltensweisen zusammenwirken“, sagt der Forscher abschließend.

Quelle: University of York, Fachartikel: Nature Human Behaviour, doi: 10.1038/s41562-019-0734-z

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