Asphalt-Rüpel - wissenschaft.de
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Gesellschaft+Psychologie

Asphalt-Rüpel

Am meisten ärgert sich der Automobilist über seinesgleichen – und wird rasch wütend. Warum verändert sich der Mensch, sobald er am Steuer sitzt?

Die Ampel wurde zum dritten Mal grün, und der Fahrer des blauen Golfs hatte es wieder nicht über die Kreuzung geschafft. Da verlor der Hintermann die Geduld und feuerte mit dem Revolver auf die Reifen des Autos.

Bei einem anderen Vorfall in Deutschland ärgerten sich drei junge Männer maßlos darüber, dass der Fahrer vor ihnen vorschriftsmäßig Tempo 30 fuhr. Sie gingen mit Knüppeln auf ihn los, einer erstach ihn mit dem Messer.

Derlei Wut im Straßenverkehr (Road Rage) scheint sich auszubreiten: Der amerikanische Automobil-Club meldet einen jährlichen Zuwachs von sieben Prozent für die erste Hälfte der neunziger Jahre und schätzt die Folgen auf 200 Tote und 12 000 Verletzte. Der Road-Rage-Forscher Jerry Deffenbacher von der Colorado State University: „Jeder Fahrer wurde schon einmal durch das Verhalten eines wütenden, aggressiven Fahrers in Gefahr gebracht.“

In Deutschland bekommen es im Straßenverkehr 71 Prozent der Männer „oft mit der Angst zu tun“. So viele fanden diese Aussage bei einer aktuellen Repräsentativ-Umfrage des Kölner Instituts Psychonomics für die Axa-Versicherung „voll und ganz zutreffend“ oder zumindest „eher zutreffend“. Man selbst fahre „defensiv“, „ vorsichtig“, „ruhig“ – aber die anderen: „aggressiv“, „riskant“ und „rücksichtslos“. So weit klaffen Selbstbild und Fremdbild bei – männlichen – deutschen Straßenpiloten auseinander.

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Während Wüteriche abseits der Straßen ihrem Ärger am liebsten durch lautes Brüllen Luft machen, so eine Studie des Oxford-Psychologen Brian Parkinson, drücken sie hinterm Steuer gern auf die Hupe oder rücken dem Vordermann aufs Blech. Bedenklich sind auch die Ergebnisse von US-Forscher Deffenbacher, der besonders aggressive Fahrer per Fragebogen um Auskunft zu ihren Praktiken bat. Die Zornes-Lenker setzen sich öfter als andere angetrunken ans Steuer, fahren häufiger ohne Sicherheitsgurt und spurten immer wieder bei nahendem Rot über die Kreuzung.

Damit war ihr Repertoire riskanter Manöver nicht erschöpft. Im Vergleich zu weniger unter Strom stehenden Vergleichspersonen leisteten sie sich viermal mehr Aggressionen im Straßenverkehr – sie nahmen anderen die Vorfahrt oder beleidigten sie durch Gesten. Nebenbei gefährdeten sie sich und ihr Fahrzeug häufiger selbst, indem sie auf die Windschutzscheibe schlugen oder gegen die Tür traten. Als Deffenbacher die wütenden Führerscheinbesitzer in einen Fahrsimulator setzte, gaben sie heftiger Gas, fuhren dichter auf und bauten doppelt so viele virtuelle Unfälle wie andere.

Dabei sind schon Normalfahrer keineswegs friedliche Lämmer. In der deutschen Axa-Studie gestanden 40 Prozent, dass sie beim Autofahren oft fluchen. 19 Prozent berichteten: „Manchmal komme ich beim Autofahren so in Rage, dass ich mich erst nach einiger Zeit beruhige.“ Die Zahl ist womöglich untertrieben. Bei angelsächsischen Durchschnittslenkern, die zwei Wochen lang ein Fahrtenbuch führten, berichteten 85 Prozent von mindestens einem Wutanfall. In einer anderen Studie kam heraus, dass nur 11 Prozent noch nie einen anderen Fahrer wütend angehupt oder bedrängt hatten. Das Drängeln hat auch in Deutschland seine Anhänger. 21 Prozent glauben: „Bei manchen Fahrern muss man auf der Autobahn schon mal dicht auffahren.“

Es sind nicht die überfüllten Straßen, die die Leute zur Raserei treiben – außerhalb der Stoßzeiten wird genauso aggressiv gefahren wie während der Rushhour. Und die Finnen wüten auf ihren leeren Strecken nicht weniger als Engländer oder Niederländer auf ihren überfüllten. In Rage gebracht werden Autofahrer vor allem durch andere Automobilisten – wenn etwa einer plötzlich vor einem in die eigene Spur zieht oder jemand von hinten zu dicht auffährt.

Weil die Aufgebrachten den Verursachern ihren Zorn nicht ohne Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung demonstrieren können, „ knurren“ sie häufig ihre Beifahrer an. Eine solche Verschiebung des Ärgers leisten sich Menschen hinterm Steuer häufiger als in anderen ärgerlichen Situationen. Das wies die Psychologin Rebecca Lawton von der University of Leeds in einer Internet-Umfrage nach.

Aber warum verwandeln sich Mitmenschen gerade auf der Straße in Rüpel? Weil, so die psychologische Analyse, die normalen Mechanismen der Kommunikation und Befriedung von Blechkiste zu Blechkiste schlecht bis gar nicht funktionieren. Der Missetäter, der vielleicht gar keine bösen Absichten hatte, kann sich nur schwer entschuldigen. Das Opfer kann seinem Ärger auf zivilisierte Art kaum klar Ausdruck verleihen. Zudem bekommt der „ Gegner“ die persönliche Verstimmung weniger schnell mit als sonst im Alltagsleben. Und das, so berichteten die von Parkinson Befragten, treibt sie noch höher auf die Palme. So kommt es zu einer Wut-Eskalation auf den Straßen.

Auch der Kölner Psychologie-Professor Egon Stephan vermutet, dass das Unheil im Verkehr oft ohne böse Absicht seinen Lauf nimmt. Weil Autofahrer weitgehend automatisch lenken, bekommen sie mitunter gar nicht mit, wie sie etwa einen anderen Wagen schneiden. Dessen Fahrer aber glaubt an Vorsatz und reagiert aggressiv.

Auch Stephan wurde bereits gefährlich geschnitten – und kam erst später darauf, dass er dem Kontrahenten wohl vorher unbeabsichtigt in die Quere gekommen war. Seine Schlussfolgerung: Mehr Polizei auf die Straßen! Schon deren Anblick sorgt dafür, dass die Fahrer bewusster am Steuer sitzen.

Andere Faktoren verschärfen die Situation noch. Autofahrer verspüren oft eine „existenzielle Angst“, sagt der langjährige Verkehrsforscher Stephan. Denn sie können sich nicht darauf verlassen, dass der von hinten heranrauschende Wagen rechtzeitig bremst. Dadurch kreisen Stresshormone im Organismus und lassen den Fahrer bereits bei kleinen Patzern anderer aufbrausen. Schon eine Kleinigkeit wird „als richtig schweres Verbrechen erlebt“ .

Für die Minderheit besonders aggressiver Fahrzeug-Piloten, die nach Rebecca Lawtons Umfrage im Verkehr auch tätlich werden, gibt es jetzt eine spezielle psychologische Therapie, die nur acht Stunden dauert – allerdings bloß für amerikanische Straßenrüpel.

US-Psychologe Deffenbacher zeigt dabei den Bedürftigen zunächst, wie sie sich schnell beruhigen können – durch Muskelentspannung und die Vorstellung von friedvollen Szenen. Dann lernen sie, aufkommende Wut rechtzeitig zu erkennen und die gelernte Entspannung dagegen zu setzen. Außerdem trainieren sie, die Situation mit anderen Augen zu sehen: Womöglich wollte der Kontrahent ja gar nichts Böses.

Nach dem kurzen Training sank die Wut der Heißblütigen am Steuer unter den Durchschnittswert der Autofahrer. Und sie ließen sich nicht mehr so oft zu riskanten Fahrmanövern hinreißen.

Allerdings dürften gerade die, die ein solches Training besonders nötig hätten, selten freiwillig hingehen. Tara Galovski von der University at Albany, Hauptstadt des US-Bundestaates New York, überprüfte daher, ob eine Therapie etwas nützt, wenn die Teilnehmer von einem Gericht zwangsweise hingeschickt werden. Resultat: Auch die abkommandierten Verkehrs-Rowdys besserten sich, allerdings nicht ganz so stark wie die freiwillig erschienenen Wütenden.

Jochen Paulus

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Fa|thom  〈[fæðm] n.; –s, – od. –s〉 altes engl. Längenmaß, vor allem in der Schifffahrt verwendet, 1,828 m [engl., ”Faden“]

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