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Interessante Parallele

Auch bei Affen reift Freundschaft im Alter

Ähnlich wie ältere Menschen bevorzugen offenbar auch reifere Schimpansen eher kleinere, aber dafür hochwertigere Freundeskreise. (Bild: Ronan Donovan)

In der Jugend sind Partys mit möglichst vielen Freunden angesagt – mit zunehmenden Alter setzen Menschen dann hingegen meist eher auf Qualität statt Quantität. Diese Tendenz zu kleineren aber engeren Freundeskreisen haben Forscher nun auch bei alternden Schimpansenmännchen festgestellt. Die Beobachtung stellt damit einen bisherigen Erklärungsansatz des Phänomens infrage, der mit dem komplexen Zukunftsdenken des Menschen verbunden ist. Es zeichnet sich damit ab, dass das Reifen von Freundschafts-Systemen grundlegendere Ursachen hat, die auch bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich eine Rolle spielen.

Der Begriff Freundschaft lässt sich gar nicht so einfach definieren. Grundlegend bezeichnet Freundschaft ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis, das mit Vertrauen und Hilfsbereitschaft verbunden ist. Menschen haben allerdings recht unterschiedliche Vorstellungen von diesem Konzept und die Merkmale ihrer freundschaftlichen Netzwerke unterscheiden sich deutlich. Wie Untersuchungen in verschiedenen Kulturen zeigen, spielt dabei auch das Alter eine Rolle. In der Jugend bauen Menschen demnach tendenziell größere, aber eher lockere Freundeskreise auf. Mit zunehmendem Alter wird das Netzwerk dann meist kleiner, aber dafür tiefgründiger: Menschen setzen mehr auf engere, positivere Beziehungen – sie wollen offenbar ihre Zeit bevorzugt mit „echten Freunden“ verbringen.

Die Endlichkeit des Lebens im Sinn?

Einen Erklärungsansatz der Psychologie zu dieser Tendenz bildete bisher die sogenannte sozioemotionale Selektivität. Demnach spielt das mit zunehmendem Alter wachsende Bewusstsein der eigenen Endlichkeit eine Rolle: Menschen wollen ihre verbleibende Lebenszeit lieber intensiv den engen Freunden widmen als dem Umgang mit loseren Kontakten oder der Suche nach neuen – so die Vermutung. Ob der Mensch tatsächlich so mit dem Thema umgeht, bleibt allerdings fraglich. Vor diesem Hintergrund sind nun die Forscher um Alexandra Rosati von der University of Michigan in Ann Arbor der Frage nachgegangen, wie sich Freundschafts-Systeme bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich im Lauf des Lebens entwickeln.

Die Ergebnisse basieren auf Beobachtungen wildlebender Schimpansen (Pan troglodytes) im Kibale Nationalpark in Uganda. Das Verhalten der Tiere wird dort seit 25 Jahren systematisch dokumentiert. Im Rahmen der Studie analysierten die Forscher die Beziehungen von 21 Männchen im Alter von 15 bis 58 Jahren. Der Fokus lag auf den Entwicklungen bei den Männerfreundschaften, da weibliche Tiere sich schwerer erfassen lassen, denn sie wechseln Gruppen häufiger. Die Forscher untersuchten für die Studie, wie häufig die Männchen Kontakt aufnahmen und in welcher Weise. Als ein Zeichen für die Intensität und Wechselseitigkeit der Freundschaften unter bestimmten Individuen werteten sie das Verhalten bei der gegenseitigen Fellpflege.

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Parallele zu Schimpansen-Freundschaften

„Es zeichneten sich Prinzipien ab, die denen beim Menschen ähneln“, resümiert Rosati das Ergebnis der Analysen. Im Gegensatz zu den jüngeren verbrachten die älteren Schimpansenmännchen demnach deutlich mehr Zeit mit Individuen, mit denen sie über viele Jahre hinweg intensive Beziehungen entwickelt hatten. Diese alten Freundschaften zeichneten sich dabei durch ihre Wechselseitigkeit aus, die sich im gegenseitigen Fellpflegeverhalten widerspiegelten. Bei jüngeren Schimpansen beobachteten die Forscher hingegen häufiger eher einseitige Beziehungen, bei denen die Pflege nicht immer erwidert wurde. „Bei jungen Tieren haben wir eher diese weniger intensive Form der Freundschaft festgestellt und dann, wenn sie älter sind, verbringen sie immer mehr Zeit mit Individuen, die gleichermaßen zu geben bereit sind“, sagt Co-Autorin Zarin Machanda von der Tufts University in Medford. „Die Tiere investieren wirklich viel in diese Beziehungen“, so die Verhaltensforscherin.

Damit richtet sich nun wieder der Blick auf den Menschen. Welche Prinzipien dem Phänomen zugrunde liegen, bleibt zwar weiter fraglich, doch der Erklärungsansatz der sozioemotionalen Selektivität erscheint angesichts der Befunde bei den Schimpansen nun wenig plausibel. „Obwohl Schimpansen sehr intelligent sind, verstehen sie nicht, dass sie sterben werden“, sagt Co-Autor Richard Wranham von der Harvard University in Cambridge. „Offenbar prägt ein anderer Prozess, warum sich ihre Beziehungssysteme mit zunehmendem Alter in der beobachteten Weise ändern. Damit stellt sich die Frage: Gilt das auch für den Menschen? Es ist möglich, dass wir Verhaltenssysteme sehen, die evolutionär bis auf unsere gemeinsamen Vorfahren vor etwa sieben oder acht Millionen Jahren zurückgehen“, sagt Wranham.

Quelle: Harvard University, Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.aaz9129

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