Auch für Hunde bedeutet ein hoher Ton „oben“ - wissenschaft.de
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Gesellschaft+Psychologie

Auch für Hunde bedeutet ein hoher Ton „oben“

Verknüpfen Hunde audio-visuelle Reize?(shorrocks/iStock)

Objektiv betrachtet ist es eine seltsame mentale Verknüpfung: Wenn sich ein Punkt von unten nach oben bewegt, assoziieren wir dies mit einem höher werdenden Ton und umgekehrt. Offenbar ist dieses Phänomen nicht nur typisch menschlich, legt eine Studie an Hunden nahe. Dies lässt vermuten, dass die audio-visuelle Verknüpfung nicht auf sprachlichen Aspekten oder Notenkenntnissen beruht, sondern eher auf grundlegenden neuronalen Prozessen, sagen die Wissenschaftler.

Audiovisuelle Crossmodale Verknüpfung heißt das Phänomen: Der Mensch stellt dabei intuitiv Zusammenhänge zwischen bestimmten Eindrücken her. Wir assoziieren etwa große Objekte mit tiefen Tönen und kleine mit hohen. Ebenso ordnen wir dunkle Farben tiefen Klängen zu und helle Nuancen höheren Tönen. Auch mit der Position im Raum verbinden wir Tonhöhen: Tiefe Töne werden mit einer niedrigen Lage verknüpft und hohe mit einer Position weiter oben. Dies kann sich sogar in der Intonation beim Sprechen widerspiegeln: „Schau mal da oben!“ sagen wir tendenziell in einer höheren Tonlage als „schau mal da unten!“.

Warum der Mensch diese Verbindungen herstellt, ist bislang unklar. Im Fall der Positionen im Raum liegt allerdings die Vermutung nahe, dass die Ursache sprachlicher Natur ist: Wir bezeichnen Töne als hoch oder tief und benutzen die gleichen Begriffe für Positionen im Raum. Dies ist interessanterweise in den meisten Sprachen der Fall – doch es gibt Ausnahmen und die widersprechen wiederum dem sprachlichen Erklärungsansatz: Auch Sprecher von Sprachen, die keine gemeinsamen Bezeichnungen für Tonhöhen und Positionen verwenden, verknüpfen intuitiv hohe Töne mit gehobener Lage und tiefe mit niedriger, haben Untersuchungen gezeigt.

Einem Verknüpfungs-Phänomen auf der Spur

Um die Grundlagen der audiovisuellen Crossmodalen Verknüpfung auszuloten, sind die Wissenschaftler um Anna Korzeniowska von der University of Sussex in Brighton nun der Frage nachgegangen, ob auch Hunde diese mentale Zuordnung zeigen. Sie präsentierten ihren Versuchstieren dazu Kombinationen aus Seh- und Höreindrücken. In einem Fall erschien auf einem Bildschirm ein Punkt, der sich von oben bis zum unteren Rand bewegte und dann wieder nach oben stieg, sodass er eine U-Form nachzeichnete. Bei der zweiten Version startete der Punkt hingegen am unteren Bildschirmrand und folgte einer umgekehrten U-Form.

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Begleitet waren diese visuellen Eindrücke von unterschiedlichen Tonverläufen. Als stimmig empfindet der Mensch es dabei, wenn die Tonhöhe beim nach oben wandernden Punkt ansteigt und wenn sie tiefer wird, sobald sich die Markierung nach unten bewegt. Genau diese Version und die entsprechend asynchrone präsentierten die Forscher den Hunden im Rahmen ihre Experimente. Ob die Vierbeiner die jeweilige audiovisuelle Kombination als ähnlich passend oder unpassend wie der Mensch empfinden, ließ sich den Forschern zufolge am Blick- und Aufmerksamkeitsverhalten der Versuchstiere erkennen.

Hunde reagieren auf die „passende Musik“

Ihre Auswertungen der Videoaufnahmen ergaben: Die Hunde schenkten den audiovisuellen Kombinationen, die auch wir als stimmig empfinden, deutlich mehr Aufmerksamkeit als den Versionen, die uns als unpassend erscheinen. Konkret: Sie folgten einem Punkt, der eine U-Form nachzeichnet mit den Augen eher, wenn er von einem abfallenden und dann wieder steigenden Tonverlauf begleitet wurde, als wenn die Musik „verkehrt herum“ spielte. Die Forscher interpretieren diesen Befund als einen Beleg dafür, dass es das Phänomen der audiovisuellen Crossmodalen Verknüpfung auch bei Hunden gibt.

Abgesehen von der interessanten Parallele zwischen Mensch und Vierbeiner wirft dieses Ergebnis nun auch Licht auf die möglichen Grundlagen dieser mentalen Verknüpfung, sagen die Wissenschaftler. Der Befund bei Hunden spricht erneut gegen die Vermutung, dass die Verknüpfung lediglich darauf beruht, dass in vielen Sprachen Begriffe für „hoch“ und „tief“ sowohl für Töne als auch für räumliche Positionen verwendet werden. Möglicherweise ist der Zusammenhang demnach sogar umgekehrt: Die Wahrnehmung hat die Sprache geprägt. Was tatsächlich hinter dem Phänomen steckt, bleibt nun allerdings weiterhin offen. „Zukünftige Studien sollten sich nun unter anderem mit der Frage befassen, inwieweit es sich um ein weit verbreitetes Phänomen bei Säugetieren handelt“, schreiben die Wissenschaftler abschließend.

Quelle: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2019.0564

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