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Gesellschaft+Psychologie

Charmante Bestien

Psychopathische Gewaltverbrecher stellen die Polizei vor große Rätsel. Jetzt haben FBI-Spezialisten die Gesprächstechniken für das Verhör ausgefeilt.

Hannibal Lecter gehört zu den beliebtesten Verbrechern der Filmgeschichte: ein blutrünstiger Psychopath, der mit seinem Charme, seinem Humor und seiner Cleverness die Bewunderung der Zuschauer gewinnt. Ein Hollywood-Märchen? Keineswegs, sagen FBI-Spezialisten um Paul Babiak, die 2012 im Fachjournal „FBI Law Enforcement Bulletin“ über ihre Arbeit mit kriminellen Psychopathen berichteten.

Die Spezialisten haben gezeigt, dass Hollywood recht hat: Im Alltag und beim ersten Verhör wirken Psychopathen meist angenehm, geradezu sympathisch und humorvoll. Diese bewusst und unbewusst eingeübten Schachzüge sollen die Umwelt von ihrer Harmlosigkeit überzeugen. Und das gilt nicht nur für Serienkiller. Auch mancher Topmanager ist ein Psychopath, sind Paul Babiak und Robert D. Hare überzeugt: Von „Snakes in Suits“, also „Schlangen in Anzügen“ , sprechen sie in ihrem gleichnamigen Bestseller.

Gene oder Umwelt?

Was hinter der Fassade steckt: Psychopathen haben eine schwere Persönlichkeitsstörung. Sie sind gefühlskalt, empathielos, manipulativ und antisozial, und sie übernehmen keine Verantwortung für ihre Taten. Eine weitergehende Definition ist kaum möglich. In den beiden Standardwerken zur Klassifikation von psychischen Erkrankungen findet man keinen Eintrag zu „ Psychopathie“. Die Frage, ob Gene oder Umwelt einen Psychopathen formen, ist weitgehend unbeantwortet – vermutlich ist es eine Mischung aus beidem.

Einer der weltweit führenden Experten für Psychopathie, der Neurowissenschaftler Kent Kiehl von der University of New Mexico, forscht im Gehirn nach möglichen Ursachen. Als er 2012 mit seinem Team über 1200 Gefängnisinsassen mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) untersuchte, stellte er fest, dass bei knapp 300 von ihnen das limbische System – verantwortlich für Gefühle und Emotionen – stark unterentwickelt war. Laut Schätzungen anderer Experten ist in den westlichen Industrienationen etwa ein Prozent der Bevölkerung als psychopathisch einzustufen – und für rund ein Fünftel aller Verbrechen verantwortlich.

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small Talk ist kein Problem

Auf was muss sich ein Polizist beim Verhör einstellen, wenn er einen Robert Pickton vor sich hat, der 49 Frauen zerstückelt haben soll, oder einen Massenmörder wie Anders Behring Breivik, der zumindest eine schwere Persönlichkeitsstörung aufweist?

„Bei Befragungen und in Gesprächen zeigen hochpsychopathische Menschen häufig ein subtiles Verhalten. Meist läuft die Unterhaltung sehr leicht an, Small Talk ist kein Problem. Die Personen berichten gerne über sich und stellen sich dabei sehr gut dar“, berichtet Hedwig Eisenbarth, Expertin für Psychopathie an der Universitätsklinik Regensburg. „Bei kritischen Nachfragen können sie jedoch sehr schnell aufbrausend werden, die Meinung ihres Gegenübers übergehen und auf ihrem Standpunkt beharren.“ Viele seien auch geschickt darin, ihr Gegenüber zu manipulieren, um eigene Interessen durchzusetzen.

Jeder Versuch, an das Gewissen eines Psychopathen zu appellieren, ist zum Scheitern verurteilt. So sagte Ted Bundy, der mindestens 28 junge Frauen ermordet hat, bei einem Verhör: „ Ich fühle mich für nichts schuldig. Menschen, die sich schuldig fühlen, bedauere ich nur.“ Entgegen dem Klischee kennen Psychopathen die gesellschaftlich geprägten Unterschiede zwischen moralisch gut und schlecht sehr wohl – doch nicht auf emotionaler, sondern auf analytischer Ebene. Versucht man bei einem Verhör Schuldgefühle zu wecken, führt das bloß dazu, dass sich der Psychopath langweilt. Schließlich haben ihm seine Verbrechen Freude und Machtgefühle bereitet.

Picknick oder Häcksler?

Diese Gefühlskälte ist nicht gespielt. Sie lässt sich sogar nachweisen: Betrachtet man die Videoaufzeichnungen der Verhöre von Robert Pickton und schaltet dabei den Ton aus, dann sieht man einen Mann, der von einem Picknick im Grünen zu erzählen scheint – statt davon, wie er seine Opfer zuerst folterte und dann im Häcksler zerkleinerte: Er lächelt, wiegt den Kopf hin und her und wirft locker die Arme in die Luft.

Wer in die dunkle Gedankenwelt eines Psychopathen hinabsteigen will, muss dessen Ego stärken und ihm eine Bühne bieten, auf der er mit seinen „genialen Taten“ prahlen kann, empfehlen die FBI-Spezialisten. Sie geben zu, dass das geschmacklos klingen mag – doch alle anderen Befragungstechniken haben sich als Zeitverschwendung entpuppt. Ebenfalls gut funktionieren Fragen, die die Logik und „Genialität“ des Verbrechens infrage stellen. Sie verunsichern den sich überlegen fühlenden Psychopathen und provozieren impulsive entlarvende Antworten.

Auch eine Warnung haben die FBI-Spezialisten für ihre Kollegen. Sie klingt ebenfalls nach Hollywoods Hannibal Lecter, beruht aber auf Erfahrung: Psychopathen sehen die Menschen in ihrer Umgebung als Beute an. Sie analysieren das Verhalten des Befragers auf Zeichen von Nervosität, Ängstlichkeit, Frustration und Wut und reagieren entsprechend. Und sie ergreifen jede Gelegenheit, sich Vorteile zu verschaffen.

gefährliche langeweile

Das zeigen beispielsweise die Videoaufnahmen eines Interviews, das ein Journalist mit dem berüchtigten Kriminellen Charles Manson führte. 1969 hatte er mit seiner Hippie-Gruppe die Schauspielerin Sharon Tate und vier andere Menschen bestialisch ermordet.

Drei schwer bewaffnete Polizisten führten Manson herein und zeigten ihm einen Stuhl, auf den er sich zu setzen habe. Kaum erblickte Manson den Reporter, schritt er um den Tisch, und fasste den Mann an den Schultern an. Der geriet völlig aus der Fassung. Und er beging den Fehler, Manson nach belanglosen Dingen wie dem kalifornischen Wetter und seinem Befinden in der Isolationshaft zu fragen. Die Folge: Manson verlor augenblicklich jegliches Interesse an dem Gespräch.

Psychopathen brauchen die Sensation, den Kick, und sie langweilen sich schnell, zumal wenn sie in Einzelhaft sitzen und keinerlei Macht ausüben können. Der Reporter hätte klare Ansagen erteilen und anregende Fragen stellen müssen, etwa: „Was macht Sie so einzigartig?“

Abgesehen von einer geschickten Fragestrategie sollte man bei einem Verhör oder einer Befragung vor allem während der ersten fünf Minuten, wenn der erste Eindruck entsteht, darauf achten, nicht nervös herumzuzappeln und auch nicht mit einem Mobiltelefon oder einem Kugelschreiber spielen oder andere Signale der Anspannung senden. Doch das fällt vielen schwer in der Gegenwart eines brutalen psychopathischen Mörders. ■

von Patrick Spät

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