Die Mär vom Weltfrieden - wissenschaft.de
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Gesellschaft+Psychologie

Die Mär vom Weltfrieden

Seit 1992 gab es weltweit immer weniger Kriege und Kriegstote, bezeugt der „Human Security Report“. Das klingt, als steuere die Menschheit in eine Epoche des friedlichen Miteinanders.

Es widerspreche zwar der Gefühlsstatistik der meisten Menschen, räumen die Autoren des „Human Security Report“ ein. Und dennoch: „Seit den frühen Neunzigerjahren sind alle Formen politisch motivierter Gewalt, mit Ausnahme des internationalen Terrorismus, weltweit zurückgegangen.“ Sogar drastisch: „Die Zahl der mit Waffen ausgetragenen Konflikte ist seit 1992 um 40 Prozent gesunken.“

Im Oktober 2005 verbreitete das Human Security Center in Vancouver, das den Bericht erstellt hat, diese gute Nachricht. Unter dem Dach der University of British Columbia und finanziell unterstützt von den Regierungen Kanadas, Norwegens, Schwedens, der Schweiz und Großbritanniens, hatte eine Arbeitsgruppe in dreijähriger Fleißarbeit einen Datenberg über kriegerische Konflikte weltweit zusammengetragen und ausgewertet – zwischen 1946 und 2003.

Projekt- und Institutsleiter Andrew Mack, bis 2001 ein enger Mitarbeiter von UN-Generalsekretär Kofi Annan, sieht damit eine Lücke geschlossen: „Keine internationale Agentur sammelt bisher die Daten über Kriege, Völkermorde, terroristische Akte und Menschenrechtsverletzungen.“ So sei es der Weltöffentlichkeit schlicht entgangen, dass nach einem jahrzehntelangen Anstieg von Konflikt- und Opferzahlen im Jahr 1992 der Trend umgeschlagen sei. Auch die Journalisten hätten Schuld an dem generellen Eindruck, die Welt werde immer gewalttätiger: „Die Medien berichten weit intensiver über den Ausbruch von Kriegen als über deren friedliche Beilegung.“

Andrew Macks Projektgruppe hat aus den gesammelten Konfliktdaten unerwartete Aussagen herausgefiltert:

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• Klassische Kriege zwischen Nationen machen derzeit weniger als 5 Prozent der mit Waffen ausgetragenen Konflikte aus.

• Die meisten bewaffneten Konflikte finden heute in den ärmsten Ländern der Welt statt, der Löwenanteil in Afrika südlich der Sahara.

• Die Kriege haben in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer weniger Tote gefordert. So sank die durchschnittliche Zahl der Kriegstoten pro Konflikt und Jahr von 38 000 in 1950 auf nur noch 600 in 2002.

Der Human Security Report beschränkt sich aber nicht auf Statistik. Die Autoren haben auch Ursachenforschung betrieben. Den von ihnen festgestellten Rückgang bewaffneter Konflikte seit 1992 führen sie auf drei Faktoren zurück:

Erstens: das Ende des Kolonialismus. Zwischen den frühen Fünfziger- und Achtzigerjahren seien zwischen 60 und 100 Prozent aller internationalen Konflikte Kolonialkriege gewesen.

Zweitens: das Ende des Kalten Krieges. USA und Sowjetunion hätten nach 1989 keine Stellvertreterkriege mehr geführt.

Drittens: die Zunahme an Friedensmissionen unter Federführung der Vereinten Nationen. Andrew Mack, bis 2001 Direktor der Strategischen Planung im Executive Office der UN, konstatiert mit spürbarem Wohlbehagen: Obwohl man beim gelegentlichen Scheitern von Blauhelm-Missionen immer eine schlechte Presse hatte, seien die Missionen der Hauptgrund für den weltweiten Rückgang der Kriege gewesen.

Der Konsument von TV-Nachrichten und Tageszeitungen reibt sich die Augen: Geht etwa die Ära der Kriege ihrem Ende entgegen – ohne dass er es so recht mitbekommen hat?

„Ich kenne Andrew Mack gut und schätze ihn“, schickt Hans-Joachim Gießmann voraus, Stellvertretender Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) der Universität Hamburg. „Aber ich halte Macks Schlussfolgerungen zumindest für voreilig.“

Die Auswertung der Zahlen im Human Security Report, begründet Gießmann, sei sicherlich korrekt – aber die Datengrundlage sei schief: „In dem Bericht sind ausschließlich Zahlen über kriegerische Auseinandersetzungen erfasst, an denen Regierungen beteiligt waren.“ Dies jedoch, sagt der Friedenswissenschaftler und Professor der Sozialwissenschaften, vermittle zu Unrecht das Bild einer immer friedlicheren Welt.

Gießmann: „Kriege finden heute oft in Ländern statt, wo Staatsgewalt praktisch nicht existiert oder die Regierung keinen Einfluss auf Konflikte im Land nehmen will oder kann.“ Als Beispiel verweist er auf die Demokratische Republik Kongo (früher: Zaire), in deren Osten seit 1998 rebellierende Armee-Einheiten und Hutu-Milizen einander bekriegen und Massaker unter der Bevölkerung anrichten.

Zivilisten, argumentiert der Hamburger Wissenschaftler, sind ohnedies die am meisten Betroffenen. Deshalb hält er die Zahl von heute „nur noch durchschnittlich 600 Kriegstoten pro Konflikt“ für missweisend – sie gilt nur für tote Soldaten beziehungsweise Bewaffnete. Die Zahl sämtlicher Kriegsopfer liege weit höher: „ Für 2002 gibt die Weltgesundheitsorganisation WHO die Zahl der direkt und indirekt – also auch durch kriegsbedingte Krankheiten und Unterernährung – Getöteten mit insgesamt 172 000 an.“

Die Zickzack-Kurve der weltweiten Konflikte kann ohnedies jederzeit wieder nach oben ausschlagen, sagt Gießmann und verweist auf den jüngsten Trend im internationalen Waffenhandel: „ Im Human Security Report steht richtig, dass die Rüstungstransfers bis 2000 zurückgegangen sind. Aber es gibt vom SIPRI, dem Stockholmer Institut für Friedens- und Konfliktforschung, Zahlen für 2004, wonach die Rüstungstransfers in diesem Jahr stark gestiegen sind und wieder den Stand von 1987 haben.“

Und diese Zahlen beträfen sowieso nur die offiziellen Rüstungsgeschäfte – darüber hinaus gäbe es ja den Grauen Markt. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen existieren weltweit 500 Millionen vagabundierende Kleinwaffen. Dieser Pool speist sich vor allem aus den Waffenkammern zerfallender Staatsmacht. Ein Beispiel: Als im März 1997 das stalinistische Herrschaftssystem in Albanien in bürgerkriegsähnlichen Wirren zusammenbrach, verschwanden dort 1,2 Millionen Kleinwaffen aus den Arsenalen von Polizei und Armee. Die Europäische Union startete ein Rückkauf-Programm, aber nur 15 000 Waffen ließen sich dadurch wieder aus dem Verkehr ziehen.

Am allerwenigsten ist Hans-Joachim Gießmann mit dem Fazit des Human Security Report einverstanden, wonach friedenstiftende Militärmissionen der UNO das Mittel der Wahl seien, um eine friedlichere Welt zu schaffen. „Konflikte einfach durch den Einmarsch von Truppen ausmerzen zu wollen, ist doch eine Illusion“ , betont er. „Am Beispiel Irak kann jeder sehen, was passiert, wenn man allein auf internationale Intervention setzt. Der Gordische Knoten des bewaffneten Konfliktaustrags muss, um das 21. Jahrhundert sicherer zu machen, anders durchschlagen werden – durch bessere Prävention!“

Die deutsche Sicherheitsstrategie der Neunzigerjahre habe unter dem Motto gestanden: „Konflikte auf Distanz halten“. Aber das funktioniere heute nicht mehr, die Konflikte rückten Deutschland näher. Es gelte, Empathie zu entwickeln für die Probleme anderer Ethnien und Nationen. Auch im eigenen Interesse sei es angezeigt, im Vorfeld bei der Entschärfung dieser Probleme zu helfen, bevor sie zu Gewaltausbrüchen eskalieren. Prävention ist für den Hamburger Wissenschaftler der Königsweg zu einer Welt mit tatsächlich weniger Kriegstoten und zum dauerhaften Frieden für die eigene Nation.

Hans-Joachim Gießmann sieht sich selbst als Optimisten – ein Wesenszug, der für den Alltag eines Friedensforschers offenbar dringend notwendig ist: „Versuchen Sie mal, im Deutschen Bundestag 100 Millionen Euro für internationale Krisenprävention locker zu machen. Da tut man sich schwer. Erst wenn das Kind im Brunnen liegt, bekommt man Mittel, und dann oft sogar in Milliardenumfang – um eine ursprünglich vermeidbare Krise zu beenden.“ Thorwald Ewe■

Ohne Titel

Die weltweit meisten Kriege seit 1946 – nämlich 21 – hat Großbritannien geführt. Es folgen Frankreich (19) und die USA (16), danach die Sowjetunion beziehungsweise Russland (9). Am längsten im Kriegszustand war Myanmar (früher: Burma) mit 232 Jahren, danach Indien mit 156, Großbritannien brachte es auf 77. Diese enorm großen Zahlen kommen so zustande: War ein Land mehrere Male innerhalb eines Jahres in einen kriegerischen Konflikt verwickelt, zählten die Autoren des „Human Security Report“ das jedes Mal als separates „Konfliktjahr“.

Ohne Titel

• Die Studie „Human Security Report“ postuliert, Zahl und Schwere der kriegerischen Konflikte seien seit 1992 rückläufig. UN-Friedensmissionen hätten daran entscheidenden Anteil.

• Der Friedensforscher Hans-Joachim Gießmann widerspricht.

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