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Gesellschaft|Psychologie

DIE STÄRKEN DER SCHWACHEN

Menschen mit einer dependenten Persönlichkeitsstörung klammern sich krankhaft an andere. Ein New Yorker Psychologe beobachtete: Der Verzicht auf Autonomie verschafft vielen durchaus Vorteile.

Im Grunde ist jeder Mensch von anderen abhängig. Wer ist nicht niedergeschlagen, wenn eine Beziehung zu Ende geht? Und wer braucht nicht manchmal den Rat eines Freundes, um eine wichtige Entscheidung zu treffen? Doch manche erleben solche Situationen in extremer Weise: Sie fühlen sich alleine völlig hilflos, haben panische Angst davor, verlassen zu werden, und übergeben sowohl die Wahl beim Einkauf als auch weitreichende Lebensentscheidungen in die Hände anderer.

Diese Menschen leiden an einer dependenten (abhängigen) Persönlichkeitsstörung. Rund ein Prozent der Bevölkerung ist von einer Dependent Personality Disorder (DPD) betroffen – Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Die Störung zeichnet sich laut ICD-10, dem internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten, durch folgende Merkmale aus: Die Menschen ordnen sich den Bedürfnissen anderer, vor allem nahe stehender Personen unter und äußern kaum eigene Wünsche oder Forderungen. Sie haben große Angst, nicht alleine für sich sorgen zu können, und brauchen auch bei Alltagsentscheidungen immer wieder Rat und Beistand von anderen. Insgesamt fühlen sie sich schwach, minderwertig und wenig kompetent. Die Betroffenen leiden vor allem dann unter ihrem Verhalten, wenn ihr permanenter Wunsch nach Nähe und Sicherheit nicht erfüllt wird.

Mehrere Studien der vergangenen Jahre zeigen allerdings eine ganz andere Seite dieser Störung: Viele Abhängige kommen erstaunlich gut im Leben zurecht, wie der Psychologe Robert F. Bornstein von der Adelphi University in New York in einer aktuellen Übersichtsarbeit darlegt. Die DPDler sind häufig nicht so passiv wie bislang gedacht. Im Gegenteil: Viele arbeiten aktiv darauf hin, eine gute Beziehung zu ihren Mitmenschen herzustellen – insbesondere zu denen, die ihnen helfen könnten.

„Menschen mit abhängigen Persönlichkeitsmerkmalen sind im Familien- und Freundeskreis häufig beliebt, weil sie zuverlässig für andere da sind“, sagt Sven Barnow, Professor für klinische Psychologie an der Universität Heidelberg. Auch in einer Partnerschaft legen sie oft ein aktives Verhalten an den Tag – zum Beispiel, wenn es darum geht, den Partner an sich zu binden oder zu verhindern, dass er die Beziehung beendet. „Dies zeigt sich etwa darin, dass abhängige Menschen ihren Partner liebevoll umsorgen und besonders zuverlässig sind“, berichtet Barnow. Auch an anderer Stelle zahlt sich das anhängliche Verhalten aus, wie Robert F. Bornstein feststellte: So haben Studenten mit DPD-Merkmalen häufig einen besseren Notendurchschnitt als ihre Kommilitonen. „Das hängt damit zusammen, dass sie bei Fragen und Problemen eher einen Professor um Hilfe bitten“, vermutet der Psychologe. „Nicht-dependente Studenten denken dagegen meist: ‚ Ich muss alleine damit zurechtkommen‘.“

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Besonders die Neigung, sich an die Erwartungen anderer anzupassen, wirkt sich günstig aus. Studenten mit derartigen Persönlichkeitszügen setzen sich in einer Diskussion meist gegen ihre weniger abhängigen Kommilitonen durch, wie Bornstein bereits 1996 herausgefunden hat. Eine anschließende Befragung hatte gezeigt, dass diese Studenten vor allem im Sinn hatten, den Versuchsleiter zu beeindrucken. „Offenbar suchen die Betroffenen die Nähe zu Autoritätspersonen, die ihnen Unterstützung oder Schutz bieten können“, erläutert der Psychologe.

Auch wenn es um die Gesundheit geht, erweisen sich die besonderen Wesenszüge als vorteilhaft: Wenn Menschen mit DPD-Merkmalen ein beunruhigendes Symptom bei sich entdecken, gehen sie früher zum Arzt als andere – und halten sich gewissenhafter an das, was er ihnen verordnet. „Dadurch haben sie häufig ein besseres Behandlungsergebnis“, stellte Bornstein fest. Ähnliches gilt bei Psychotherapien: Abhängige Menschen passen sich stärker an die Erwartungen des Therapeuten an als nicht-dependente Patienten. Sie arbeiten zum Beispiel bei ihnen gestellten Aufgaben gewissenhafter mit und sagen seltener Termine ab. Dadurch machen viele bessere Fortschritte, wie eine Meta-Analyse des Psychologen Witold Simon von der Brigham Young University in Provo, Utah, 2009 gezeigt hat.

Diese günstigen Aspekte können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Betroffenen mitunter durchaus Schwierigkeiten haben und psychologische Unterstützung brauchen. Denn infolge ihrer Persönlichkeitsmerkmale kann es zu weiteren psychischen Problemen wie Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Beschwerden kommen. Der Stress, unter dem manche stehen, schwächt ihr Immunsystem und macht sie anfälliger für Infektionskrankheiten.

Auch in der Partnerschaft kann es zu Problemen kommen – und sogar zu körperlicher Gewalt. „Dabei kann der dependente Partner sowohl Opfer als auch Täter sein“, erläutert Bornstein. „Einige abhängige Menschen verhalten sich unterwürfig und lassen sich zu viel gefallen. Andere werden zu Tätern. Das gilt vor allem für männliche Betroffene: Sie schlagen ihre Partnerin aus Eifersucht oder zwingen sie durch körperliche Gewalt, in der Beziehung zu bleiben.“

Aufgrund der diversen Probleme begeben sich viele in eine Psychotherapie. „Das Ziel dabei ist nicht, aus einem abhängigen Patienten einen vollkommen selbstständigen, autonomen Menschen zu machen“, betont der Heidelberger Forscher Sven Barnow. „Es geht vielmehr darum, starres abhängiges Verhalten durch flexiblere Verhaltensmuster zu ersetzen.“ Zum Beispiel könnte eine Frau, die bisher verzweifelt versucht hat, Geschäftsreisen ihres Mannes zu verhindern, lernen, sich einen kleinen Freundeskreis aufzubauen. „ Dann hat sie während der Abwesenheit ihres Mannes andere Bezugspersonen, an die sie sich wenden kann“, sagt Barnow.

Ein weiteres wichtiges Ziel der Therapie ist, das Selbstwertgefühl zu steigern und die Stärken des Patienten gezielt zu fördern. „Letztlich geht es darum, die ungesunde Abhängigkeit durch eine Art gesunde Abhängigkeit zu ersetzen“, betont Bornstein. Dazu gehört, dass ein Patient in der Therapie immer mehr Verantwortung übernimmt, eigene Schritte geht und lernt, die positiven Aspekte des anhänglichen Verhaltens gezielt zu nutzen. ■

CHRISTINE AMRHEIN, Wissenschaftsjournalistin und studierte Psychologin, interessiert sich für alles, was Menschen einzigartig macht.

von Christine Amrhein (Text) und Matthias Schwoerer (Illustrationen)

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LESEN

Heinz-Peter Röhr Wege aus der Abhängigkeit Destruktive Beziehungen überwinden dtv, München 2008, € 8,90

Sven Barnow Persönlichkeitsstörungen Hans Huber, Bern 2007, € 39,95

Robert F. Bornstein an interactionist perspective on interpersonal dependency Current Directions in Psychological Science 20 (2), 2011, S. 124–128

Wie eine dependente Persönlichkeitsstörung entsteht

Im Gegensatz zu anderen Störungen der Persönlichkeit wie dem Borderline-Syndrom sind die Ursachen einer dependenten Persönlichkeitsstörung noch wenig erforscht. Es gibt zwei Theorien über die Entstehung des krankhaft anhänglichen Verhaltens.

Die erste lautet: „Übermächtige Eltern, die ihrem Kind wenig zutrauen und keine Selbstständigkeit zulassen, tragen zur Entstehung abhängiger Eigenschaften bei“, erklärt der Heidelberger Psychologie-Professor Sven Barnow. Eine Untersuchung seines Kollegen Jeffrey Baker von der Southeastern Louisiana University in Hammond bestätigt: Sowohl ein autoritärer als auch ein sehr behütender Erziehungsstil tragen dazu bei, dass jemand sich als schwach und wenig kompetent erlebt. „Die Betroffenen lernen nicht, sich von ihren Eltern abzugrenzen – und sind deshalb später emotional stark auf andere Menschen angewiesen“, vermutet Barnow.

Die zweite Theorie: Kinder, die von ihren Eltern wenig liebevoll behandelt oder sogar abgelehnt werden, entwickeln einen starken andauernden Wunsch nach Nähe und Fürsorge. „Diese Kinder scheinen auch als Erwachsene permanent das Gefühl zu haben, dass sie alleine nicht sicher sind“, erklärt Sven Barnow. „Erst die Anwesenheit einer nahen Bezugsperson vermittelt ihnen diese Sicherheit.“

Allerdings entstehen Persönlichkeitsmerkmale in der Regel durch eine Wechselwirkung zwischen Umwelteinflüssen und genetisch bedingten Faktoren wie dem Temperament eines Kindes. Der Heidelberger Psychologe ist überzeugt: „Ein von Natur aus ängstliches Kind entwickelt unter den beschriebenen Umständen vermutlich eher dependente Persönlichkeitszüge als ein Kind, das ein lebhaftes Temperament besitzt.“

KOMPAKT

· Menschen mit einer dependenten Persönlichkeitsstörung haben Angst, im Leben nicht alleine zurechtzukommen.

· Häufig entwickeln sie geschickte Strategien, um andere Menschen an sich zu binden.

· Eine Therapie kann ihnen helfen, die ungesunde Abhängigkeit durch flexiblere Beziehungsmuster zu ersetzen.

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