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Gesellschaft+Psychologie

Die Übermüdung beginnt mit elf

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Übermüdete Schulkinder - auch eine Folge des zu frühen Schulbeginns (thinkstock)
Teenager sind notorische Langschläfer: Wenn es nach ihnen ginge, sollte der Tag am besten erst mittags beginnen. Schuld an diesem morgendlichen Schlafbedürfnis ist eine für die Pubertät typische Veränderung ihres Schlaf-Wach-Rhythmus – ihr Takt ist quasi nach hinten verschoben. Wann diese Verschiebung beginnt und wie sie sich konkret bei Jugendlichen äußert, haben nun US-Forscher in einer Langzeitstudie untersucht. Ihre Beobachtungen zeigen, dass schon elfjährige Schüler unter notorischem Schlafmangel leiden, weil sie zwar immer später einschlafen, aber dennoch für die Schule früh aufstehen müssen.

Teenager sind vor allem eines: übermüdet. Studien zeigen, dass Kinder in der Pubertät in den meisten Ländern viel zu wenig Schlaf bekommen. Statt im Durchschnitt neun Stunden, wie für sie eigentlich nötig, sind es meist deutlich weniger. Das wiederum hat Folgen für ihre schulischen Leistungen, aber auch für die Gesundheit. Denn Schlafmangel kann auf Dauer zu Konzentrationsschwächen, Stimmungsschwankungen, Depressionen und auch Übergewicht führen, wie ebenfalls mehrfach durch Untersuchungen belegt. Diese Befunde brachte die American Academy of Pediatrics im August 2014 dazu, eindrücklich für einen späteren Schulbeginn für Mittelstufe und High School zu plädieren. Ein Anfang des Unterrichts vor 08:30 Uhr entspreche nicht dem Biorhythmus der Jugendlichen und sei daher eine unnötige Belastung. Doch wie stark sich der Tagesrhythmus von Teenagern im Laufe ihrer Pubertät verschiebt und welche individuellen Unterschiede es dabei gibt, war bisher nur in Teilen geklärt. Stephanie Crowley vom Rush University Medical Center in Chicago und ihre Kollegen haben dies nun in einer Langzeitstudie untersucht.

„Dies ist eine der wenigen Studien, die das Schlafverhalten und die Tagesrhythmen bei einzelnen Kindern über zweieinhalb Jahre hinweg verfolgt hat“, sagt Crowley. Dafür statteten die Forscher 94 Kinder, die zu Studienbeginn zwischen neun und 15 Jahren alt waren, mit Aktivitäts-Sensoren aus. Diese als Armband getragenen Geräte registrieren die Bewegung der Kinder und erlauben es so, auch ihren Schlaf-Wachrhythmus zu verfolgen. Zusätzlich sammelten die Wissenschaftler von einigen Kindern Speichelproben von verschiedenen Zeitpunkten abends und morgens, um so auch ihren biologischen Rhythmus zu ermitteln. Wichtiger Indikator dafür ist das Schlafhormon Melatonin, das abends ausgeschüttet wird und müde macht und dann im Laufe der Nacht vom Körper abgebaut wird.

Es beginnt mit einer halben Stunde pro Nacht

Die Ergebnisse lieferten einen individuellen und gleichzeitig altersspezifischen Einblick in Schlafrhythmus und Schlafbedürfnis der Teenager. So zeigte sich, dass die Verschiebung der Einschlafzeiten bereits im Alter zwischen neun und elf Jahren beginnt. Während ein typischer Neunjähriger wochentags gegen 21:30 Uhr einschlief, war es mit elf Jahren erst um 22:00 Uhr. Aufstehen mussten die Kinder aber dennoch in jedem Alter gleich früh, meist gegen 06:40 Uhr, wie die Forscher berichten. Schon in diesem Alter verliert ein Schulkind damit durchschnittlich rund eine halbe Stunde Schlaf pro Nacht. Und diese Verschiebung setzt sich bei älteren Jugendlichen weiter fort. „Die Schlafdauer an Wochentagen schrumpft dadurch mit dem Alter immer weiter“, so die Forscher. Wie sie betonen, gibt es dabei allerdings große individuelle Unterschiede: Bei einigen Kindern verschob sich die Einschlafzeit stärker und sie litten dadurch noch mehr unter Schlafentzug als andere Altersgenossen.

Die Analysen der Speichelproben zeigten einen weiteren Effekt der Pubertät auf den Schlafrhythmus: Je älter die Kinder waren, desto größer wurde die Diskrepanz zwischen dem vom Hormon Melatonin vermittelten Schlafsignal und ihrer tatsächlichen Einschlafzeit. Ältere Jugendliche blieben bis zu zwei Stunden über den Zeitpunkt hinaus wach, an dem ihr Gehirn eigentlich schon auf Schlaf gepolt war, wie die Forscher berichteten. „Sie schlafen dann zwar schnell ein, weil sie schon weit jenseits des Punktes sind, an dem sich das biologisch Schlaftor öffnet“, erklärt Crowley. „Aber am nächsten Morgen beginnen die Probleme.“ Denn der hohe Melatoninspiegel kann dann während der zu kurzen Schlafdauer nicht vollständig abgebaut werden. Als Folge fühlen sich die Kinder noch immer benommen und müde und sind – zumindest hormonell gesehen – tatsächlich nicht ganz wach.

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Nach Ansicht der Forscher illustrieren diese Ergebnisse, wie ausgeprägt und grundlegend die Verschiebung des Schlafrhythmus bei Heranwachsenden ist. Schon für Kinder am Ende der Grundschule und dem Beginn der Mittelstufe mache sich dies bemerkbar und führe zu chronischem Schlafmangel. Die Kinder einfach früher ins Bett zu schicken, hilft nach Meinung von Crowley und ihren Kollegen dagegen nur wenig, denn es widerspricht dem natürlichen Rhythmus der pubertierenden Jugendlichen. Stattdessen plädieren auch die Forscher dafür, den Schulbeginn besser an die Bedürfnisse der Teenager anzupassen – zum Vorteil für alle Beteiligten.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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