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Gesellschaft+Psychologie

DNA enthüllt historische Seitensprünge

Seitensprung
Wie oft kam es früher zu außerehelichen Stelldicheins mit Folgen? (Bild: Umkehrer/ istock)

Folgenschwere Seitensprünge sind in unserer Gesellschaft vergleichsweise selten, kommen aber immer mal wieder vor. Doch wie war das bei unseren Ahnen? Mithilfe von Familienstammbäumen und DNA-Analysen haben Forscher nun einen Blick auf das Sexualverhalten von Familien vergangener Jahrhunderte geworfen. Ihre Ergebnisse offenbaren, dass die Häufigkeit außerehelicher Vaterschaften stark vom sozialen Kontext abhing. Besonders oft kam es demnach in Familien der unteren Gesellschaftsschichten dazu – vor allem in den vollen und wachsenden Städten des 19. Jahrhunderts.

Untreue ist in unserer modernen Gesellschaft gemeinhin verpönt. Dabei können Seitensprünge aus evolutionärer Sicht durchaus Vorteile haben: Für Männer ergibt sich dadurch die Möglichkeit, ohne Investitionen in elterliche Fürsorge ihr genetisches Erbe weiterzugeben. Frauen profitieren, wenn sie sie sich mit besonders fruchtbaren oder genetisch besser ausgestatteten Männern paaren. Auch die Aussicht auf zusätzliche Ressourcen wie Geld kann aus Sicht des weiblichen Geschlechts für ein außereheliches Stelldichein sprechen. Während folgenschwere Seitensprünge mithilfe von Vaterschaftstests heute ohne weiteres zu enthüllen sind, war dies früher nicht so leicht. „Natürlich ist Ehebruch ein populäres Thema beim Klatsch und Tratsch, in Witzen, Fernsehen und Literatur“, sagt Maarten Larmuseau von der Katholischen Universität Leuven. „Doch das wissenschaftliche Wissen über dieses Phänomen ist noch immer beschränkt – vor allem mit Blick auf die Vergangenheit.“

Wie oft kam es bei verheirateten Paaren früher zu Seitensprüngen, die außereheliche Vaterschaften zur Folge hatten? Dieser Frage sind Larmuseau und seine Kollegen nun mithilfe von Familienstammbäumen und DNA-Analysen auf den Grund gegangen. Für ihre Studie suchten sich die Forscher in Belgien und den Niederlanden 513 Kombinationen aus jeweils zwei erwachsenen Männern, die genealogischen Belegen zufolge einen gemeinsamen Vorfahren väterlicherseits haben. Die Idee dahinter: Gab es in der Familiengeschichte dieser Männer „Kuckuckskinder“ müsste sich dies aus dem genetischen Profil ihrer Y-Chromosomen herauslesen lassen. Insgesamt blickte das Team mit dieser Methode 500 Jahre weit in die westeuropäische Vergangenheit zurück und damit auch in Phasen, die von drastischen gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt waren: zum Beispiel die rasche Urbanisierung während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.

Verlockung in der Großstadt

Die Auswertungen ergaben: Insgesamt waren folgenschwere Seitensprünge verheirateter Männer früher nicht häufiger als heute. Die Rate solcher Ereignisse lag demnach im Schnitt bei nur rund einem Prozent. Gleichzeitig offenbarten die Ergebnisse jedoch, dass dieser Wert abhängig von sozioökonomischen und demografischen Faktoren stark schwankte – den Schätzungen zufolge von 0,4 bis 5,9 Prozent. Wie die Wissenschaftler herausfanden, kam es etwa in Bauern- oder Kaufmannsfamilien deutlich seltener zu solchen Ereignissen als bei Arbeitern aus den unteren Gesellschaftsschichten. Einen großen Einfluss hatte darüber hinaus die Bevölkerungsdichte: Je größer die Stadt war, in der eine Familie lebte, desto mehr Indizien für Seitensprünge fanden die Forscher.

Zusammengenommen ergab sich dadurch ein Spitzenwert der Seitensprünge bei Familien aus unteren Gesellschaftsschichten, die in den dicht besiedelten und stetig wachsenden Städten des ausgehenden 19. Jahrhunderts wohnten. „Unsere Forschung zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für außereheliche Fortpflanzungsereignisse in der Familiengeschichte stark von den sozialen Umständen der Vorfahren abhängt“, konstatiert Larmuseau. Damit bestätigen die Ergebnisse gängige Theorien: Sowohl die Motivation als auch die Möglichkeiten für Seitensprünge variieren demnach je nach sozialem Kontext. Für die betroffenen Familien im 19. Jahrhundert war es auch die Anonymität der Großstadt, die außereheliche Stelldicheins leichter realisierbar machte. Die Motivation war dabei vor allem bei armen Menschen hoch, weil sie sich von außerehelichen Verbindungen womöglich ein besseres Leben erhofften.

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„Viel Variation“

Die teilweise hohen Seitensprungraten in einigen westeuropäischen Bevölkerungsgruppen scheinen auf den ersten Blick überraschend. „Bisher dachte man, dass dies nur in einigen wenigen traditionellen Gesellschaften Südamerikas und Afrikas auftritt, in denen eine informelle Form der Polyandrie sozial akzeptiert ist“, erklären die Forscher. „Dem wurde meist die vergleichsweise geringe Häufigkeit solcher Ereignisse in westlichen Bevölkerungen gegenübergestellt.“ Der Blick in die Vergangenheit bestätige nun zwar, dass diese Annahme grundsätzlich stimmt. „Es zeigt sich aber auch, dass diese Raten keineswegs unveränderlich sind und in manchen Teilen der Gesellschaft hohe Werte erreichen können. Indem wir in bestimmte soziale Schichten hineinzoomen, lässt sich viel Variation in dem Ausmaß außerehelicher Vaterschaften innerhalb der Gesellschaft entdecken“, so das Fazit des Teams.

Quelle: Maarten Larmuseau (Katholische Universität Leuven) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2019.09.075

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