Forscher fordern die - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie

Forscher fordern die

Geschönte Ergebnisse und Fälschungen sind ein großes Problem in der Wissenschaft. Eine neue Veröffentlichungsstrategie soll das verhindern.

Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, braucht möglichst viele Veröffentlichungen, am besten in Prestige-Journalen wie „Science“ oder „Nature“. Doch das setzt gefährliche Anreize und spiegelt nicht wider, was wirklich in der Forschung passiert. Brian Nosek, einer der Herausgeber der Zeitschrift „Social Psychology“ moniert: „Für eine Veröffentlichung werden Studien bevorzugt, die neu sind, positive Resultate haben und kaum Widersprüche aufweisen.“

Er weiß aus eigener Erfahrung, dass der wissenschaftliche Alltag anders aussieht. Doch: „Wir machen verschiedene Experimente zu einer Fragestellung, analysieren die Daten und wählen letztlich die Ergebnisse aus, die sich am besten veröffentlichen lassen“, gibt der Psychologie-Professor von der Universität von Virginia zu. „Das ist schlecht für die Wissenschaft“, resümiert Nosek, der sich als Direktor am Center for Open Science in Charlottesville, Virginia, für mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit in der Branche einsetzt.

Er fordert die Wissenschaftler zum Umdenken auf: Noch ehe der erste Handschlag im Labor getan wird, sollen die Forscher eine garantierte Zusage für den Abdruck ihrer Arbeit erhalten – unabhängig vom späteren Ergebnis. Experten sollen diese als „ Registered Reports“ bezeichneten Beiträge im Vorfeld bloß auf ihre Fragestellung und Methode hin abklopfen. Aktuell kommen Arbeiten erst dann in die Fachpresse, wenn sämtliche Daten erstellt und interpretiert sind und die Studie dem „Peer review“ – der Prüfung durch Redaktion und externe Gutachter – standhalten konnte. Bei der Zeitschrift „Science“ schaffen das gerade einmal acht Prozent der eingereichten Arbeiten.

Im Mai 2014 bekamen Nosek und seine Kollegen erstmals die Chance, das neue Format zu testen: In einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Social Psychology“ veröffentlichten sie 15 Studien, die gut zwei Jahre zuvor als registrierte Beiträge grünes Licht erhalten hatten. „Wir hatten dazu aufgerufen, klassische Studien aus der experimentellen Sozialpsychologie zu wiederholen, die bereits hundertfach zitiert worden waren und die jeder Student kennt“, erklärt der Kölner Professor Christian Unkelbach, Mitherausgeber von „Social Psychology“.

Anzeige

Die Aktion brachte erstaunliche Ergebnisse: Mehr als die Hälfte der 15 registrierten Beiträge, nämlich 9, kamen zu anderen Ergebnissen als die Originalstudien, darunter auch eine Arbeit zum sogenannten Romeo-und-Julia-Effekt bei Liebesbeziehungen. Das US-amerikanische Forschertrio Colleen Sinclair, Kristina Hood und Brittany Wright konnte nicht bestätigen, dass verbotene Liebe stärker wird, weil Familie und Freunde sich gegen die Beziehung stellen, wie in Shakespeares Drama dargestellt. Ganz im Gegenteil: Die Romanze sei dann schneller vorbei.

Hatten die Autoren der Originalstudie von 1972 geschlampt? Keinesfalls: Sinclair, Hood und Wright begründeten ihr Ergebnis damit, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten 40 Jahren verändert hätte und Beziehungen heute anders bewertet würden. Zudem hatten die Forscher damals nur verheiratete Paare befragt, für die Neuauflage gaben hingegen auch Lebensgemeinschaften ohne Trauschein sowie homosexuelle Paare Auskunft. Auch war die Zahl der Befragten jetzt höher: 396 Personen gegenüber 280.

Frauen mögen keine Mathe – wirklich?

„Das ist genau die Diskussion, die wir brauchen“, kommentiert Nosek. „Wir kommen nur weiter, wenn wir zeigen, wo die Wissenschaft nicht richtig liegt und warum.“ Diese Fragen muss sich Nosek auch selbst stellen, denn eine seiner Studien befand sich unter den 15 Wiederholungsarbeiten. Es ging darin um Geschlechter-Stereotype bei der Wahrnehmung von Mathematik und Naturwissenschaften. Nosek hatte gezeigt, dass viele Frauen unbewusst eine negative Einstellung dazu haben, obwohl sie selbst das Gegenteil behaupten. Der von ihm ge- fundene Effekt wurde für die Sonderausgabe von 36 internationalen Teams erneut untersucht. Zwar konnten die Wieder- holer den Effekt bestätigen – doch er war nur noch halb so stark wie vor zwölf Jahren.

Für Christian Unkelbach zeigen solche Ergebnisse, dass die Wiederholung von Studien extrem wichtig ist – und nicht nur, weil sein Fachgebiet jüngst unter einem Fälschungsskandal litt. Dem holländischen Sozialpsychologen Diederik Stapel war letztes Jahr nachgewiesen worden, dass er mehr als 30 von 150 veröffentlichten Studien manipuliert hatte.

„Die Krux ist, dass Wiederholungsstudien kaum veröffentlicht werden, insbesondere, wenn die Ergebnisse von denen der Originalstudie abweichen“, sagt Unkelbach. Diese verschwänden häufig in der Schublade oder würden höchstens unter der Hand weitergegeben. „Dabei verdienen gerade sie es, Gehör zu finden.“ Unkelbach will künftig in jeder Ausgabe von „Social Psychology“ eine Wiederholungsarbeit veröffentlichen. Dass er damit einen Nerv getroffen hat, zeigen die über 3000 Downloads in den ersten Wochen nach Erscheinen des Sonderhefts.

Immerhin: Seit Mai haben sich ein Dutzend Fachzeitschriften in der Psychologie und eine in der Politikwissenschaft für die Übernahme des „Registered- Reports“-Formats ausgesprochen. Sogar das hoch angesehene „Journal of Experimental Psychology“ rief vor wenigen Wochen dazu auf, Wiederholungsstudien einzureichen. Und künftig werden auch andere Fachbereiche aktiv: Das Center for Open Science verteilte gerade 1,3 Millionen Dollar für die Replikation (Wiederholung) von Schlüsselexperimenten aus den 50 wichtigsten Arbeiten der Krebsbiologie zwischen 2010 und 2012.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Eine andere Idee verfolgt Ivan Oransky, Professor für Medizinjournalismus an der New York Universität. Er dokumentiert auf seinem Blog retractionwatch.com, wann und warum Fachzeitschriften veröffentlichte Studien zurückziehen. Oransky fordert einen „Replikationsindex“: Statt Journale danach zu bewerten, wie häufig Beiträge darin von anderen Wissenschaftlern zitiert werden, sollte man sie daran messen, wie häufig die Beiträge von anderen Wissenschaftlern reproduziert werden. „ Dadurch würde man eine ‚langsame Wissenschaft‘ und ein sehr gründliches Peer-review-Verfahren fördern“, sagt Oransky. Und es würde Fachzeitschriften bremsen, Studien zu veröffentlichen, die auf dünnen Resultaten beruhen. •

von Désirée Karge

Nur wenige Untersuchungen kommen auf den Prüfstand

In den letzten Jahrzehnten wurden immer mehr Studien in internationalen psychologischen Fachjournalen veröffentlicht (für die letzte Dekade liegen erst Daten bis 2013 vor). Doch nur ein geringer Teil davon wurde wiederholt (repliziert) und damit überprüft.

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Liken und keine News mehr verpassen!

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Uvu|la  〈[–vu–] f.; –, –lae [–l:]; Anat.〉 Gaumenzäpfchen; Sy Staphyle ... mehr

un|terset|zen  〈V. t.; hat〉 1 unter etwas setzen 2 〈Tech.〉 die Drehzahl verringern ... mehr

Bun|des|ver|fas|sungs|ge|richt  〈n. 11; unz.; Rechtsw.; BRD〉 oberstes Verfassungsgericht

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige