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Gesellschaft+Psychologie

FRAGWÜRDIGE STUDIEN

Wenn Psychologen das menschliche Verhalten studieren wollen und dazu möglichst viele Probanden brauchen, greifen sie oft auf eine praktische Ressource zurück: Studenten ihrer Universität. Denn die sind meist gerne bereit, sich für die Forschungen ihres Professors zur Verfügung zu stellen. Doch was für die Wissenschaftler eine große Erleichterung ist, verfälscht die Ergebnisse der Studien, macht sie nicht allgemeingültig – und somit wertlos. Diese provokante These vertreten Forscher um den Psychologen Joseph Henrich von der kanadischen University of British Columbia in Vancouver.

Henrich hatte mit seinem Team psychologische Verhaltensstudien aus den Jahren 2003 bis 2007 unter die Lupe genommen. Wie sich zeigte, kamen 96 Prozent der Studien aus Ländern, die nur 12 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Die Teilnehmer der Untersuchungen waren meist Studenten aus einem Kulturkreis, den Henrich als „WEIRD“ bezeichnet. Dieser englische Begriff, der übersetzt soviel wie „verrückt“ oder „seltsam“ bedeutet, ist das Akronym von „Western, Educated, Industrialized, Rich und Democratic“ (westlich, gebildet, industrialisiert, reich, demokratisch). Die Verhaltensmuster der Probanden zeugten demnach oft von Individualismus, analytischem Denken, aber auch von einer gewissen Existenzangst. Sie könnten daher nicht generell auf andere Kulturkreise übertragen werden, bemängelt Joseph Henrich.

„Verhaltensforschung, die fast ausschließlich mit WEIRD-Probanden arbeitet“, kritisiert der kanadische Psychologe, „ liefert keine zuverlässigen Daten und genügt nicht dem wissenschaftlichen Anspruch der Allgemeingültigkeit.“ Dazu komme, dass WEIRDs die Ausnahme und die am wenigsten repräsentative Gruppe darstellten – auch wenn sie als Studienteilnehmer kostengünstig und bequem zu rekrutieren seien.

Der Psychologe fordert seine Kollegen auf, endlich ihren Elfenbeinturm zu verlassen: Es sei für die Wissenschaft dringend erforderlich, Vergleichsstudien mit „non-WEIRDs“ durchzuführen. Ein erster Schritt dazu wäre die Schaffung von Forschungsgemeinschaften verschiedener Kulturkreise, meint Henrich, um die empirische Basis der Verhaltensforschung voranzubringen und auszuweiten.

Redaktion: Hans Groth, nachrichten@bild-der-wissenschaft.de

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