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Gesellschaft+Psychologie

Früher Charakter prägt nachhaltig

Wenn Kinder ein sehr vorsichtiges, ängstliches und ausweichendes Verhalten zeigen, spricht man von einer Verhaltenshemmung. (Bild: NiDerLander/iStock)

Vorsichtig und schüchtern: Manche Kleinkinder besitzen einen auffallend zurückhaltenden Charakter. Eine Langzeitstudie belegt nun, dass dieses Verhaltensmuster auch voraussagt, welche Persönlichkeitsmerkmale ein Mensch im Erwachsenenalter besitzen wird: 14 Monate alte Kinder, die diese sogenannte Verhaltenshemmung zeigten, entwickelten sich später zu vergleichsweise introvertierten Erwachsenen mit wenig sozialen Aktivitäten. Auch mit psychischen Gesundheitsproblemen können diese Merkmale verknüpft sein, geht aus der Studie hervor.

Jeder Mensch ist anders – und diese Individualität zeichnet sich bekanntlich schon sehr früh im Leben ab. Ein wichtiger Aspekt des frühkindlichen Charakters ist dabei, wie die Kleinen emotional und im Verhalten auf andere Personen und ihre Umwelt reagieren. Während viele Kleinkinder vergleichsweise abenteuerlustig und kontaktfreudig sind, gibt es auch den gegenteiligen Charakter: Die sogenannte Verhaltenshemmung zeichnet sich durch vorsichtiges, ängstliches und ausweichendes Verhalten gegenüber unbekannten Menschen, Objekten und Situationen aus.

Dieses Persönlichkeitsprofil bei Kindern stand bereits im Fokus von früheren Untersuchungen. „Obwohl Studien bereits frühkindliche Verhaltensweisen mit der Entwicklung von bestimmten Merkmalen in Verbindung gebracht haben, sind die Ergebnisse unserer Studie besonders“, sagt Daniel Pine vom National Institute of Mental Health in Bethestda. Er und seine Kollegen haben den Blick auf eine sehr frühe Entwicklungsphase gerichtet und ihre Studie erfasste einen ausgesprochen langen Zeitraum: Sie geht bis auf die frühen 1990er Jahre zurück. Damals gewannen die Forscher 165 kleine Probanden für ihre Studie. „Es ist erstaunlich, dass wir mit dieser Gruppe von Menschen über so viele Jahre hinweg in Kontakt bleiben konnten. Zuerst ihre Eltern und jetzt sind sie weiterhin interessiert und an der Arbeit beteiligt“, sagt Co-Autor Nathan Fox von der University of Maryland in College Park.

Frühkindliche Zurückhaltung zeichnet sich ab

Für die Langzeitstudie wurden die Kinder im Alter von 14 Monaten mit Videokameras aufgenommen, während sie in Begleitung ihrer Mütter drei ungewohnten Situationen ausgesetzt waren: Ein fremder Erwachsener näherte sich, sie kamen in ein unbekanntes Spielzimmer und sie wurden mit einem Spielzeugroboter konfrontiert, der so groß war wie sie selbst. Die Wissenschaftler werteten dann aus, wie lange die Kinder brauchten, um sich an die Situationen anzupassen und wie nahe sie bei ihren Müttern blieben. Daraus leiteten sie dann den Grad der Verhaltenshemmung ab.

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Im Alter von 15 Jahren wurden die Teilnehmer dann erneut zu Tests gebeten. Sie absolvierten dabei am Computer Aufgaben, während ihre Hirnaktivität durch Elektroenzephalographie (EEG) erfasst wurde. Im Fokus standen dabei die Reaktionen der Probanden, wenn sie Fehler machten. Wie die Forscher erklären, kann dies Einblicke in den Grad der Empfindlichkeit gegenüber diesen Negativerlebnissen geben, was wiederum mit anderen psychischen Merkmalen eines Menschen verknüpft ist. Abgerundet wurde die Studie dann durch eine detaillierte Befragung der Probanden im Alter von 26 Jahren. Sie lieferte detaillierte Einblicke in die Persönlichkeitsmerkmale, die psychische Gesundheit und das Sozialleben der Studienteilnehmer.

25 Jahre später…

Die Forscher stellten fest, dass eine Verhaltenshemmung im Alter von 14 Monaten bestimmte Persönlichkeitsmerkmale im Alter von 26 Jahren voraussagte: Diese Probanden wiesen als Erwachsene einen vergleichsweise hohen Grad an Zurückhaltung und Introvertiertheit auf und pflegten eher wenig Umgang mit Freunden und Familienmitgliedern. In ihrem Liebesleben waren sie allerdings nicht unbedingt erfolgloser: Sie berichteten von vergleichsweise wenigen Partnern in den letzten zehn Jahren, waren im Alter von 26 aber nicht seltener in einer festen Beziehung als andere. Auch beim Bildungserfolg und der Berufstätigkeit stellten die Forscher keine besonderen Auffälligkeiten fest.

Wie sie weiter berichten, zeichnete sich bei den Probanden, die im Alter von 14 Monaten eine Verhaltenshemmung gezeigt hatten, auch eine Neigung zu psychischen Problemen wie Angststörungen und Depressionen ab. Allerdings war dies nur bei denjenigen deutlich ausgeprägt, die auch erhöhte fehlerbezogene Negativitätssignale im Alter von 15 Jahren zeigt hatten.

Veranlagung und Erfahrungen prägen

Zur Frage, auf was der prägende Effekt der frühkindlichen Verhaltenshemmung beruhen könnte, verweisen die Forscher auf eine mögliche Mischung aus Veranlagung und damit verknüpften Erfahrungen. „Mit zunehmendem Alter kann sich die grundlegende Persönlichkeit durch Erfahrungen, die von den Individuen selbst ausgewählt oder geschaffen werden, zunehmend verfestigen“, schreiben die Wissenschaftler. Beispielsweise könnten manche Eltern mit ihren schüchternen Kindern überfürsorglich umgehen, wodurch der Grundcharakter und das Meiden von sozialen Interaktionen weiter verstärkt werden.

Was auch immer die genauen Hintergründe sind – die Studie unterstreicht den Einfluss des frühkindlichen Temperaments auf den Charakter im Erwachsenenalter, resümieren die Wissenschaftler. Die Ergebnisse legen zudem nahe, dass neurophysiologische Marker wie die fehlerbezogene Negativität dabei helfen können, Personen zu identifizieren, die am stärksten gefährdet sind, im Erwachsenenalter bestimmte psychische Probleme zu entwickeln.

Quelle: National Institute of Mental Health, Fachartikel: PNAS, doi: 10.1073/pnas.1917376117

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