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Gesellschaft+Psychologie

GEWARNT WIRD NICHT UMSONST

Der Darmstädter Psychologe Jens Hoffmann (links) hat eine Software namens DyRiAS entwickelt, die vor potenziellen Amokläufern warnen soll. Wer sie nutzen will, muss allerdings zahlen.

TRAUER, ENTSETZEN, FASSUNGSLOSIGKEIT: So reagieren Menschen auf einen Amoklauf. Lassen sich solche Taten verhindern? Ja, sagt Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, denn ihnen gehen deutliche Warnsignale voraus. Der Psychologe hat eine Früherkennungs-Software entwickelt (bild der wissenschaft 9/2008, „Was Amokläufer verrät“). Das sogenannte Dynamische Risiko-Analyse- System (DyRiAS) fragt nach 31 Verhaltensvariablen eines möglicherweise gefährdeten Jugendlichen: Hat er Probleme in der Schule? Identifiziert er sich mit früheren Amokläufern? Beschäftigt er sich mit Gewaltvideos? Anhand dessen ermittelt das Programm, ob und wie gefährlich der Schüler einzustufen ist. Bei Stufe 3 genügen vorerst schulpsychologische Maßnahmen, bei Stufe 6 sollte die Schule sofort die Polizei verständigen.

DyRiAS ist gedacht für Pädagogen, Schulpsychologen, Polizisten und Beratungsstellen. Nach Abschluss der Testphase steht die Präventions-Software jetzt zur Verfügung. Doch ihr Preis schreckt manchen Schulleiter vom Kauf ab: Der „Spezialpreis“ für drei Lizenzen pro Schule beträgt saftige 845 Euro. Warum stellt Jens Hoffmann das Programm nicht umsonst zur Verfügung – bei dem guten Zweck? „Gleich nach dem Amoklauf in Erfurt 2002 haben wir mit der Arbeit an DyRiAS begonnen“, berichtet Hoffmann. „Leider erhielten wir aber keinerlei Forschungsgeld vom Bund. Die gesamten Entwicklungskosten für das Programm hat das Institut über sein Weiterbildungsangebot finanziert.“

Daher, argumentiert der Darmstädter Psychologe, braucht er die Lizenzgebühren, um die eigenen Aufwendungen zu decken. Werde DyRiAS flächendeckend eingesetzt, seien die Kosten gering. Der Gewaltforscher führt Zürich als Beispiel an: Rund 7000 Euro Lizenzgebühren bezahlt die Stadt für die Betreuung von 112 Schulen, pro Schule weniger als 70 Euro. „Wir sind keine Geschäftemacher“, betont Hoffmann. Doch es gibt auch anderweitig Kritik an dem Präventionsprogramm. „Abgesehen vom Preis ist für mich die Idee, einen Amoklauf voraussehen zu wollen, irreal“, sagt eine Schulpsychologin aus Rastatt.

Sie lässt kein gutes Haar an Hoffmanns DyRiAS: Das Programm erzeuge ein beängstigendes Ausmaß an Kontrolle und Überwachung, ein Klima des Misstrauens. Gewaltprävention müsse viel früher beginnen – und anders. Die Schule, an der sie tätig ist, setzt verstärkt auf Streitschlichtung („Schulmediation“) und auf die Ausbildung von „Mediatoren“: Speziell trainierte Schüler sollen Konfliktsituationen beizeiten entschärfen. Würden stattdessen Daten von auffälligen Schülern gesammelt, schaffe das nur Stigmatisierungen, warnt die Schulpsychologin.

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Nach dem Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009 hat Hoffmann erneut bei den Länderministerien für sein Programm geworben. Auch im baden-württembergischen Kultusministerium ist Hoffmanns Anti-Amok-Modell bekannt. Indes: „Eine Einführung an Schulen des Landes ist derzeit nicht vorgesehen“, stellt Corinna Ehlert fest. Warum nicht, will die stellvertretende Leiterin der „Stabsstelle für Prävention und Intervention bei Gefahrenlagen“ nicht sagen. Baden-Württemberg beteiligt sich stattdessen an dem Projekt NETWASS des Psychologen Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. Sein „Network Against School Shootings“ ist ebenfalls ein Programm zur Früherkennung und Intervention von Amokläufen. Es wird in den nächsten drei Jahren an 120 Schulen in Berlin, Baden-Württemberg und Brandenburg erprobt. Diesmal fließt ja auch, anders als bei DyRiAS, Geld vom Staat: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung spendiert 1,2 Millionen Euro. Sabine Löcher-Bolz ■

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