Anzeige
Anzeige
1 Monat GRATIS testen, danach für nur 9,90€/Monat!

Gesellschaft|Psychologie

Gibt es das Helfergen wirklich?

Symbolbild Hilfsbereitschaft
Woher kommt eigentlich Hilfsbereitschaft? Liegt die Ambition anderen zu helfen, in den Genen oder ist Hilfsbereitschaft anerzogen? © pixabay.com, Anemone123 (CC0 Public Domain)

Mit den Augen gen Himmel gerollt werden die Wohltäter und Engagierten dieser Welt nur allzu oft (und nicht selten mit einem abschätzigen Unterton) als geborene Helfer bezeichnet. Die Frage, die jedoch bei vielen Interessierten im Raum steht, ist die Frage danach, ob sich der geborene Helfer auch wissenschaftlich entdecken lassen würde, oder anders gesagt: Gibt es ein Helfergen, das die einen Menschen hilfsbereiter macht als die anderen? Und wenn dem so sei – was bedeutet das für die Berufswelt von heute? Müssten dann nicht diejenigen, die das Helfergen in sich tragen, helfende Berufe ergreifen, wie etwa in der Kinderbetreuung oder als Krankenpfleger?

Zahlreiche Studien kreisen um die Hilfsbereitschaft der Menschen

Wer den Untersuchungsergebnissen von Martin Nowak folgt, einem Biomathematiker, der in Österreich geboren wurde und an der Harvard University forscht, könnte zu dem Schluss kommen, dass es das Helfergen wirklich gibt. Nowak konnte einen sogenannten Phänotyp nachweisen. Forscher, die in der Schweiz und in Österreich forschten, wollen evolutionäre Wurzeln hilfsbereiter Menschen entdeckt haben und David Rand, der an der Yale University tätig ist, ging dem Zusammenhang von Egoismus, Kooperationsfähigkeit und Wettbewerbsorientierung nach. Das Ergebnis: Diejenigen, die sich beim Spielen kooperativ zeigten, würden auch in der realen Welt besonders hilfsbereit agieren. So weit. So logisch.

Aus den Reihen der Hirnforscher tut sich eine andere Argumentationslinie auf, die der Idee folgt, dass Moral und altruistisches Vorgehen tief im Inneren von einer Eitelkeit geleitet seien. Den Forschern zufolge löse jede gute Tat im Kopf eine Kettenreaktion aus, die in einem Glücksgefühl münden könnte. Ähnliches ließe sich bei beim Konsum von Musik, beim Sex, aber auch beim Genuss von Schokolade nachweisen. Etwas Gutes zu tun, hebt also die Stimmung ebenso wie der Genuss. Und genau diese Tatsache könnte sich positiv auf das Zusammenleben, das Engagement in Vereinen oder auch auf die Arbeitswelt auswirken.

Ist Hilfsbereitschaft anerzogen oder liegt der Altruismus in den Genen?

Wer dem Kollegen hilft, obgleich die eigene Projektdeadline naht, handelt ebenso altruistisch wie eine Tochter, die ihre an Demenz erkrankte Mutter pflegt und dabei Beschimpfungen in Kauf nimmt. Darwin, der die Evolutionstheorie formulierte, scheint bei diesem Ansatz passé. Stattdessen ließe sich mit Blick auf die Evolution wohl durchaus nachweisen, dass der pure Egoismus, der dazu verleiten könnte, nach mehr zu streben, im Scheiden begriffen ist. Oder konzentriert er sich nur auf einige, wenige?

Darwin und auch Richard Dawkins verwehren sich der Idee vom hilfsbereiten Menschen und erklären die menschliche Spezies eher zu Überlebensmaschinen, die auf Selbsterhalt programmiert seien. Statt einem Helfergen spricht Dawkins vom „egoistischen Gen“, dem er sogar ein Buch gewidmet hat. Würde man dieser Argumentation folgen, liege der Schluss nahe, dass Moral und Hilfsbereitschaft lediglich anerzogen seien und hilfsbereites Verhalten keine Diktatur der Gene sei. Durch das empathische Engagement für andere gerate dann jedoch häufig der Gedanke an die eigene Zukunft ins Hintertreffen, was auch bedeutet: Wer sein Leben ausschließlich anderen widmet, läuft Gefahr, keinen ebenso tickenden Nachwuchs in die Welt zu setzen.

Anzeige

Ein Blick auf den tierischen Nachwuchs zeigt: Sozialverhalten erlernt man in der Gruppe

Um herauszufinden, woher Menschen die tief verwurzelte Eigenschaft der Hilfsbereitschaft haben, brauchte es also mehr als nur die genetische Veranlagung, wenn es diese überhaupt gibt. Forschungen zufolge habe eine gemeinschaftliche Aufzucht in der Gruppe einen positiven Einfluss auf die Hilfsbereitschaft. In Studien mit Primaten konnten die Forscher entdecken, dass eine Aufzucht des Nachwuchses in der Gruppe einen positiven Effekt auf deren Fürsorgeverhalten hatte. So konnten sie beobachten, dass junge Tiere (ebenso wie Kinder im Alter zwischen vier und sieben Jahren), sich in erster Linie um andere sorgten , beispielsweise wenn es um die Nahrung ging. Auch eine Beobachtung von gerade mal 18 Monate alten Kindern zeigte, dass sie schnell ihr eigenes Spielzeug beiseitelegten, um einem Erwachsenen beim Öffnen der Schranktür zu helfen. Hilfsbereit waren die Kleinsten allerdings nur dann, wenn der Erwachsene mit vollbepackten Händen vor dem Schrank stand.

Die Schlussfolgerung: Soziales Verhalten sei weniger in den Genen verwurzelt, dafür vielmehr auf soziales Verhalten während des Großwerdens zurückzuführen. Zudem könne man bereits bei Kleinkindern sehen, wie schnell und logisch sie eine Situation begreifen, die ein Dritter nicht allein bewerkstelligen kann. Die Vermutung, dass eine Belohnung zum beherzten Eingreifen der Eineinhalbjährigen führte, sei übrigens falsch. Wer eine Belohnung bekam, war – in der weiteren Betrachtung – oft weniger hilfsbereit im Umgang mit anderen als jene, die keine Belohnung erhalten hatten. Ohne das bewusste Erkennen, dass Hilfsbereitschaft notwendig ist, könne sich kein hilfsbereites Agieren entwickeln. Und da eben diese Erkenntnis sich nur in einer Gruppe zeigen kann, ist der Zusammenhalt in der Gruppe der entscheidende Faktor, wenn es darum geht, ob ein Mensch hilfsbereit ist oder nicht.

Fazit: Oft agieren die Hilfsbereiten im Verborgenen

Dass sich der Hang zur Hilfsbereitschaft im Laufe der Zeit verwachse, sei nicht das Problem der heutigen Gesellschaft. Stattdessen führen Forscher es eher darauf zurück, dass Menschen zunehmend häufiger ihre Wünsche unterdrücken. Das Misstrauen in die eigene Großzügigkeit sinkt, die Sorge darüber, ausgenutzt zu werden, verschlimmert die Entwicklung zusehends. Wird ein Gutmensch dann noch öffentlich belächelt, schürt das eine Entwicklung, die den Menschen glauben macht, dass Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit eher belächelt werden. Nur die Wenigsten erkennen hingegen die Stärke eines hilfsbereiten Menschen, der sich mit Intelligenz, Gelassenheit und Empathie um das Wohl anderer kümmert. Wer sich den gesellschaftlichen Zwängen widersetzt, seine Hilfsbereitschaft privat und beruflich zu leben, der findet sich häufig in pflegenden Berufen oder als Vereinsakteur wieder. Und unterm Strich braucht es wohl mehr dieser Mutigen, die sich dafür entscheiden, ihre angeborene und anerzogene Hilfsbereitschaft zu leben.

Anzeige

bdw-Neujahrsrätsel 2023

Wissensbücher 2022

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Pon|cho  〈[–to] m. 6〉 1 von den Indianern Mittel– u. Südamerikas getragener, viereckiger Überwurf mit einem Loch in der Mitte für den Kopf 2 〈Mode〉 weiter, mantelartiger Umhang für Frauen u. Mädchen … mehr

Bron|to|sau|rus  〈m.; –, –ri|er; Zool.〉 riesiger Saurier aus der unteren Kreidezeit Nordamerikas [<grch. bronte … mehr

per|ku|tan  〈Adj.; Med.〉 durch die Haut hindurch (wirkend) [<lat. per … mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]