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Göttliche Gesellschaften

Menschen in Ländern mit größeren Einkommens- unterschieden und schwierigeren Lebensumständen sind religiöser. Das ist kein Zufall.

„Not lehrt beten“ lautet ein Sprichwort. Dass es oft zutrifft, bestätigen jetzt wissenschaftliche Untersuchungen. Aber auch der umgekehrte Zusammenhang besteht: Wo viel gebetet wird, herrscht größere Not. Mehr noch: Der Gottesglaube ist für diese prekären Verhältnisse mit verantwortlich. Das sind nur ein paar der Erkenntnisse von Soziologen und Psychologen in jüngster Zeit. Mit aufwendigen Analysen und raffinierten Experimenten verstehen sie die Bedingungen und Folgen des Glaubens immer besser.

Ob es Gott gibt, kann die Wissenschaft vielleicht nicht beantworten. Sehr wohl lässt sich aber erforschen, warum viele Menschen trotz fehlender Beweise an Übernatürliches glauben. Inzwischen haben Soziologen und Psychologen einige Faktoren identifiziert, von denen es abhängt, ob Menschen gläubig sind. Zwar ist der individuelle Glaube ganz unterschiedlich motiviert und ausgeprägt. Doch in verschiedenen Gesellschaften oder Ländern ist der Prozentsatz der Gläubigen keineswegs zufällig verteilt.

Deutlich zeigt sich: Je ungerechter die Einkommen in einem Land verteilt sind, desto wichtiger ist die Religion für die Bevölkerung. Und: Menschen, die weniger als ihre Mitbürger verdienen, sind häufiger oder stärker gläubig.

Der amerikanische Statistiker Gregory Paul wies nach, dass die Einkommensungleichheit sogar signalisiert, wie gut oder schlecht es um eine Gesellschaft bestellt ist. Denn damit korrelieren viele andere Größen wie das Ausmaß von Arbeitslosigkeit, Armut, geringer Bildung, Übergewicht, Alkoholismus und psychischen Erkrankungen sowie die Lebenserwartung und die Zahl der Geschlechtskrankheiten, Teenager-Schwangerschaften, Abtreibungen, Drogendelikte, Suizide, Morde und Gefängnisinsassen. Je schlechter in dieser Hinsicht eine Gesellschaft abschneidet, so Paul, desto religiöser ist sie – und umgekehrt.

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JE UNGLEICHER DESTO RELIGIÖSER

Pauls Ergebnis stimmt gut mit mehreren Untersuchungen anderer Sozialwissenschaftler überein. Wie „religiös“ eine Gesellschaft ist, wurde dabei empirisch ermittelt anhand der Selbsteinschätzung der Einwohner, der Häufigkeit des Betens, der Zahl der Gottesbesuche oder des Anteils an Kirchenmitgliedern oder anderen religiösen Gemeinschaften. Je ungerechter es in einer Gesellschaft zugeht und je weiter die Schere zwischen den Einkommen geöffnet ist, desto höher ist der Stellenwert der Religion, so Gregory Paul und seine Kollegen. Und: In Ländern mit größeren Einkommensunterschieden sind sowohl ärmere als auch reichere Menschen eher religiös als in Ländern mit geringeren Unterschieden – Reiche sogar überproportional stark. In wirtschaftlich ausgeglichenen Ländern sind sie dagegen weniger religiös als die Armen.

Dass „ungläubigere“ Länder hinsichtlich der Einkommensverteilung und den anderen soziologischen Indikatoren besser abschneiden, zeigten inzwischen mehrere Analysen auch einzelner Gesellschaftsmerkmale. So ist die Demokratie dort stärker ausgeprägt, wo Gott eine geringere Rolle spielt.

Das wies ein Forscherteam unter der Leitung von Marc Bühlmann von der Universität Zürich und Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung nach. Sie hatten 30 Nationen anhand von über 100 empirischen Indikatoren für demokratische Prinzipien wie Freiheit, Gleichheit und Kontrolle untersucht – also beispielsweise die Möglichkeit der Mitbestimmung, der Transparenz von Entscheidungsprozessen und das Ausmaß der Korruption. (Die Top Ten der Demokratie waren übrigens Dänemark, Finnland, Belgien, Island, Schweden, Norwegen, Kanada, die Niederlande, Luxemburg und die USA. Deutschland kam auf Platz 11, die Schweiz auf 14, Österreich auf 20, Italien auf 22, und die letzten fünf Plätze belegten Großbritannien, Frankreich, Polen, Südafrika und Costa Rica.) Die religiösen Selbsteinschätzungen stammen vom World Values Survey (WVS), einer groß angelegten weltweiten Umfrage, die seit den 1980er-Jahren immer wieder durchgeführt wird.

Atheistischere Länder sind friedlicher. Das zeigte der britische Religionswissenschaftler und Biologe Tom Rees mit einer Auswertung des Global Peace Index 2009. Dieser bewertet den Friedensgrad anhand von 23 Kriterien – darunter Kriege, Bürgerkriege, das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen und Waffenhandel, die Zahl der Morde und der Gefängnisinsassen sowie der Grad der Demokratisierung. Wie friedlich ein Land ist, korreliert positiv mit dem Prozentsatz der Atheisten und negativ mit dem Prozentsatz derjenigen religiösen Menschen, die gemäß dem WVS mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen.

In weniger religiösen Ländern schauen Menschen der Zukunft tendenziell positiver entgegen: Mehr von ihnen nennen auf einer Skala von 0 bis 10, die einen erwarteten Aufwärtstrend erfasst, einen Wert von mindestens 7. Der Effekt ist allerdings nur für Länder signifikant, die früher nicht kommunistisch waren. Auch Japan fällt wegen wirtschaftlicher Probleme aus dem Trend.

Um die Gesundheit ist es in weniger religiösen Ländern – gemessen anhand der Häufigkeit des Betens – meist besser bestellt. Das zeigte Tom Rees an Indikatoren wie der allgemeinen Lebenserwartung, der Kindersterblichkeit, der Zahl von Gewalttaten, Abtreibungen und Aids-Erkrankungen. Innerhalb eines Landes kann das anders aussehen. Viele Studien ergaben eine Korrelation von Religiosität mit Wohlbefinden oder Gesundheit. Doch das ist zum Teil ein Selektionseffekt der Datenerhebung, da kranke und depressive Menschen häufiger sozial isolierter leben, und weil Probleme wie Drogenmissbrauch in engeren Sozialverbänden seltener vorkommen. Rechnet man das heraus, ist der Zusammenhang nicht mehr eindeutig. Ein Team um Dan Ariely von der Duke University in Durham, North Carolina, fand nur bei Tiefgläubigen einen positiven Effekt. Diejenigen, die zuweilen an ihrem Glauben zweifelten, waren weniger glücklich als Atheisten und Agnostiker.

Mit einem positiven Gottesbild scheinen mehr Menschen einen Sinn im Leben zu sehen als mit einem negativen oder gar keinem. Das ergab eine Studie von Samuel Stroope und seinen Kollegen an der Baylor University im texanischen Waco für bestimmte Teile der USA. Auch Forscher um David Rosmarin von der Harvard Medical School, die rund 100 strenggläubige Christen und 200 Juden befragten, wiesen nach, dass das Gottesbild Unsicherheitsgefühle und das Ausmaß von Zukunftsangst beeinflusst: Nur wer glaubt, Gott kümmere sich um ihn und sei ihm nicht übel gesonnen, macht sich weniger Sorgen.

FREUNDE, NICHT PREDIGT UND GEBET

Was genau ein Mensch glaubt, spielt kaum eine Rolle, wenn er nicht gerade Höllenängste aussteht. Viel wichtiger ist die Einbindung in eine Gemeinschaft. „Zur Lebenszufriedenheit führen die sozialen Aspekte, nicht die Theologie oder Spiritualität. Die Freundschaften in der Gemeinde sind das Geheimnis der Religion, das Menschen glücklicher macht“, ist Chaeyoon Lim überzeugt. Der Soziologe von der University of Wisconsin-Madison schließt dies aus einer großen Umfrage unter Christen in den USA – Protestanten, Evangelikalen, Katholiken. Bei Juden und Mormonen kam er zu einem ähnlichen Ergebnis. „Es sind nicht Kirchgang, Predigt und Gebet, was glücklicher macht, sondern die Freunde und die engen sozialen Netzwerke.“

Chaeyoon Lim belegt das mit Befragungen, bei denen Menschen auf einer Skala von 1 bis 10 sagen sollten, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. „Sehr zufrieden“ (10 Punkte) äußerten sich 33 Prozent derer, die jede Woche eine religiöse Feier besuchen und dort drei bis fünf enge Freunde haben – aber nur 19 Prozent jener, die dort keine Freunde treffen. Von denen, die bloß ein paar Mal jährlich einen Gottesdienst besuchen, in der Gemeinde jedoch 3 bis 5 nahe Freunde besitzen, empfinden immer noch 23 Prozent eine sehr hohe Zufriedenheit. Dagegen sind nur 19 Prozent zufrieden, die keine religiösen Feiern besuchen.

Gute Sozialkontakte reduzieren den Stress. In schwierigeren Lebensverhältnissen, wie sie in ungerechteren Gesellschaften häufiger vorkommen, sind Religionen wohl mehr gefragt, weil sie die Sehnsucht nach Solidarität und Sicherheit zu stillen versprechen.

UNSICHERHEIT MACHT RELIGIÖS

Viele Studien haben auch einen engen Zusammenhang zwischen Ängstlichkeit und Religiosität nachgewiesen. Einerseits sind religiöse Menschen ängstlicher, andererseits kann Religion die Angst auch mindern. Dies ist eine weitere Erklärung, warum in kritischen Situationen und instabilen Ländern mehr Menschen gläubig sind.

Wie sich das konkret auswirkt, hat ein Psychologenteam um Christopher Lewis von der Glyndwˆ r University in Wrexham, Wales, am Beispiel Nordirlands gezeigt, wo Protestanten und Katholiken strikt getrennt leben. Männer sind dort weniger ängstlich als Frauen, und Protestanten sind weniger ängstlich als Katholiken. Katholische Frauen haben im Schnitt die meiste Angst. Außerdem sind regelmäßige Kirchgänger weniger ängstlich als seltene Kirchgänger. Und so besuchen männliche Protestanten einen Gottesdienst nicht so häufig (im Schnitt alle paar Monate) wie weibliche Katholiken (alle zwei Wochen). Aber auch innerhalb derselben Gruppe zeigt sich der Beruhigungseffekt: Gläubige, die seltener in die Kirche gehen, sind etwas ängstlicher. Zumindest in Nordirland fühlen Frauen und Katholiken also größere Risiken, und sie kompensieren das stärker durch ihren Glauben.

Der Zusammenhang zwischen Lebensqualität und Gläubigkeit lässt sich generalisieren. Das hat Ed Diener von der University of Illinois in Urbana-Champaign mit seinen Kollegen kürzlich durch eine umfangreiche Studie belegt. Grundlage war unter anderem die gewaltige Datenbasis des Gallup World Poll, bei dem 455 000 Menschen in 150 Ländern befragt wurden. Die Soziologen verglichen die Lebensumstände in verschiedenen Ländern miteinander sowie speziell auch in einzelnen Bundesstaaten der USA.

Ergebnis: Die gesellschaftlichen Bedingungen haben einen größeren Einfluss auf das Wohlbefinden als individuelle Faktoren oder die Art der Religion (Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Islam). Die Religionszugehörigkeit verbessert das Wohlbefinden nur in Gesellschaften mit schwierigen Lebensbedingungen – etwa in Bangladesch und in Ägypten (international gesehen) beziehungsweise in Mississippi und Alabama (bezogen auf die USA). Die Forscher ermittelten „schwierige“ Lebensumstände durch Indikatoren wie Lebenserwartung, Einkommen, Bildung, Nahrungsangebot und Sicherheit.

WO ES NICHTRELIGIÖSEN BESSER GEHT

So unterscheidet sich in den „besten“ 25 Prozent der untersuchten Ländern – darunter Schweden, Frankreich und Japan – das Wohlbefinden von religiösen und nichtreligiösen Menschen kaum. In den „schlechtesten“ 25 Prozent dagegen fühlen sich Nichtreligiöse im Schnitt nicht so gut wie Religiöse – wahrscheinlich, weil sie weniger soziale Unterstützung und Respekt erfahren. Denselben Unterschied ergibt die Gegenprobe: In den „besten“ Staaten haben Nichtreligiöse weniger negative Gefühle als Religiöse, in den „schlechtesten“ Staaten verhält es sich umgekehrt. Ähnlich ist es in den US-Bundesstaaten: Durchschnittlich 68 Prozent der Befragten berichteten, Religion sei wichtig in ihrem täglichen Leben – aber im sozial schwachen Mississippi waren es 88 Prozent, im relativ wohlhabenden Vermont nur 44 Prozent.

Wenn es um das Ausmaß des Glaubens geht, ist das Einkommen des Einzelnen weniger wichtig als die Qualität der Gesellschaft: In Ländern mit größeren Problemen sind mehr Menschen religiös – unter den Armen genauso wie unter den Reichen. In stark religiösen Ländern sind Nichtreligiöse im Schnitt unglücklicher als Religiöse. In weniger religiösen Ländern haben sie hingegen weniger negative Emotionen als ihre religiösen Mitbürger. Das Fazit von Dieners Analysen lautet: In besser gestellten Gesellschaften leben mehr Nichtreligiöse, und sie fühlen sich tendenziell gleich gut oder besser als Religiöse – in Ländern mit ungünstigeren Lebensbedingungen dagegen haben Religionen mehr Anhänger, und religiöse Menschen fühlen sich besser als nichtreligiöse.

„Schwierige Lebensumstände führen dazu, dass mehr Menschen religiös sind“, sagt Diener. „Und in religiösen Gesellschaften und unter schwierigen Umständen sind religiöse Menschen glücklicher als nichtreligiöse. Doch in weniger religiösen Gesellschaften oder in besser gestellten, in denen die Bedürfnisse von mehr Menschen erfüllt werden, sind Religiöse nicht glücklicher als Nichtreligiöse, sondern insgesamt sind alle glücklicher.“

Wohlstand, Sicherheit und Lebensqualität haben in den letzten Jahrzehnten in vielen Teilen der Welt zugenommen. Diese Tendenz ist zusammen mit Bildung und Aufklärung entscheidend dafür, dass die Zahl der Gläubigen in den meisten Nationen prozentual abnahm. Das belegt zum Beispiel der General Social Survey, bei dem im Abstand einiger Jahre wiederholt eine repräsentative Zahl von Menschen befragt wird – auch nach ihrem Gottesglauben.

Tom W. Smith von der University of Chicago hat die Entwicklung in 30 Ländern zwischen 1991 und 2008 miteinander verglichen. Die Unterschiede zwischen den Nationen sind beträchtlich, aber fast überall ging der Glaube zurück – bis auf Russland, Slowenien und Israel. So gaben 2008, bei der letzten Befragung, 94 Prozent der Menschen auf den Philippinen an, „schon immer“ an Gott geglaubt zu haben. In den USA sind es 81 Prozent, im Gebiet der ehemaligen DDR nur 13 Prozent. Der Atheismus ist am stärksten in Nordwesteuropa verbreitet sowie in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion – außer in Polen. 59 Prozent der Bevölkerung in Ostdeutschland sagten, nie an einen Gott geglaubt zu haben, aber nur 4 Prozent in den USA.

Was sind die Ursachen dafür? Die Korrelationen allein, die soziologische Studien finden, verraten noch nichts über die Beziehung von Ursachen und Wirkungen. Eine Größe könnte die andere verursachen oder umgekehrt, oder es könnte eine gemeinsame dritte Ursache geben, oder der Zusammenhang könnte zufällig sein. So korreliert beispielsweise die Zahl der Autos in den verschiedenen Ländern mit der Zahl der TV-Geräte – aber nicht, weil mehr Autos zu mehr Fernsehern führen, sondern weil beide die Folge eines dritten Faktors sind: des wachsenden Wohlstands. Wie verhält es sich mit der Korrelation zwischen der Qualität der verschiedenen Gesellschaften und der Zahl der Gläubigen darin? Wo mehr gebetet wird, sind die staatlichen Hilfen für Arbeitslose beispielsweise geringer. Mehreren neuen Studien zufolge sind solche Zusammenhänge keineswegs zufällig. Vielmehr scheint es eine Wechselwirkung zu geben, die sich womöglich sogar verstärkt.

Erwiesenermaßen tragen Religionen zur sozialen Ungleichheit bei. Das geht beispielsweise aus einer Studie von Ceyhun Elgin hervor, der an der Bogazici-Universität in Istanbul forscht. Sein Resultat: Entscheidend ist die Einstellung zur Besteuerung. Jeder möchte weniger Steuern zahlen, aber Religiöse besonders, weil sie mehr auf Spenden zur Unterstützung Bedürftiger setzen und weniger auf staatliche Wohlfahrtsausgaben. Ein niedrigerer Steuersatz führt aber zu größeren Einkommensunterschieden. Atheisten sind höheren Steuern gegenüber im Schnitt weniger ablehnend eingestellt.

Fest steht: Höhere Steuern verringern in demokratischen Gesellschaften das Auseinanderklaffen der Einkommensschere und die „Ausbeutung“ öffentlicher Mittel. In Ländern mit mehr religiösen Menschen sind die Einkommensunterschiede in der Regel größer, die Steuersätze niedriger und die staatlichen Sozialausgaben geringer.

Gleichverteilung unerwünscht

Aber warum geben Länder mit einer religiöseren Bevölkerung weniger für die soziale Wohlfahrt aus? Die Antwort klingt überraschend: Weil es eine Mehrheit der Gläubigen so will. Denn nichtreligiöse Menschen befürworten staatliche Wohlfahrt meist stärker als religiöse. Das ergaben unter anderem Untersuchungen von David Stasavage, Politikwissenschaftler an der New York University.

Dass Religiöse sich weniger für staatliche Wohlfahrt und eine gerechtere Einkommensverteilung aussprechen, zeigte auch eine akribische Analyse von Daniel Stegmüller. Der Soziologe von der Oxford University hat mit seinem Team Daten des European Social Survey, 2002 bis 2006, ausgewertet. Dabei wurden Bürger aus 16 westeuropäischen Ländern unter anderem gefragt, wieweit sie der Aussage zustimmen: „Die Regierung sollte die Unterschiede in den Einkommen reduzieren.“

Mitglieder von religiösen Gemeinschaften befürworteten diese Aussage weniger als Nichtreligiöse. Und zwar auch dann, wenn Faktoren wie Alter, Kinder, soziale Klasse, Einkommen, Arbeitsstatus und sogar das „politische Klima“ in den verschiedenen Ländern (sozialdemokratisch, liberal oder konservativ) herausgerechnet wurden. Katholiken und Protestanten unterschieden sich in ihrer Antwort kaum. Die Differenz zu den Nichtreligiösen war hingegen sehr groß. „Sie entspricht rechnerisch fünf Jahren Ausbildung oder einem Einkommensunterschied von 500 Euro pro Monat“, schreiben die Forscher – wer besser ausgebildet ist und/oder mehr verdient, steht einer Umverteilung kritischer gegenüber.

Nächstenliebe nicht für jeden

Die Gründe für die Differenz sind weniger klar. Eine Möglichkeit ist, dass Religiöse denken, Gott würde schon für seine Anhänger sorgen und ihnen im Notfall beistehen. Eine andere Hypothese lautet: Religiöse bauen auf die Unterstützung durch die Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft, sodass ihnen staatliche Hilfe weniger wichtig erscheint. Doch dagegen spricht die Datenbasis, die zeigt, dass die Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs eine untergeordnete Rolle spielt – dabei wäre ja gerade er wichtig für das soziale Netz in der Gemeinde.

Eine weitere Erklärung besagt, dass Menschen ihren Besitz nicht an andere Gruppen verteilen wollen. Das Gebot der „ Nächstenliebe“ bei Religiösen bezieht sich vor allem auf die eigenen Glaubensgenossen. Ähnliches gilt für verschiedene Ethnien: Länder mit einer größeren Bevölkerungsvielfalt investieren weniger in soziale Wohlfahrt. Die Bürger unterstützen mit ihren Steuern lieber „Ihresgleichen“ als andere, zu denen Religiöse auch Nicht- und Andersgläubige zählen. „Ein wachsender Antagonismus zwischen säkularen und religiösen Gruppen führt zu einer geringeren Befürwortung von Umverteilung“, ziehen Stegmüller und seine Kollegen Bilanz.

Obwohl Staat und Kirchen in vielen Ländern mehr oder weniger deutlich getrennt sind, spielen bei demokratischen Wahlen auch religiöse Überzeugungen eine Rolle. So sind ältere, weniger gebildete und ärmere Menschen – und Frauen – in der Regel religiöser. Diese Bevölkerungsgruppen präferieren eher Politiker, die ihren religiösen Glauben stark betonen, oder die behaupten, ihr Glaube hätte einen Einfluss auf ihre politischen Entscheidungen. Das ergab eine Auswertung des World Values Survey von Ekrem Karakoç, Binghamton University, und Birol Bas¸kan, Georgetown University. Überraschend: Es bestanden kaum Unterschiede hinsichtlich der Religionszugehörigkeit. Egal ob Katholiken, orthodoxe Christen, Muslime und Hindus, alle bevorzugten religiösere Führer – nur Protestanten nicht. Die Tendenz ist umso ausgeprägter, je größer die Einkommensunterschiede in einem Land sind. Ob das Land insgesamt eher reich ist oder arm oder im Mittelfeld liegt, spielt dagegen kaum eine Rolle. Allerdings ist der Effekt in ärmeren Nationen deutlicher – vielleicht, weil die Menschen dort ihre Hoffnung stärker auf religiöse Einrichtungen setzen. In gewisser Weise verschlechtert der Glaube also das Leben im Diesseits, weil die Handlungen der Religiösen das allgemeine Wohl weniger fördern, obwohl viele religiösen Lehren das Gegenteil predigen.

Immer wieder wurde vermutet, dass Reiche und Mächtige die Religion instrumentalisieren, um die bestehenden ungerechten Verhältnisse zu stabilisieren und zu tarnen. Doch dass der Glaube zur Sozialkontrolle benutzt wird, um die arme Bevölkerung ruhig zu stellen, lässt sich empirisch schwer überprüfen.

PARADIES STATT UMVERTEILUNG

Für die USA liegt immerhin eine gute Daten-Sammlung zu den letzten 50 Jahren vor. Der allgemeine Wohlstand hat in dieser Zeit zugenommen, die soziale Ungleichheit aber auch. Und die Zahl der Gläubigen ist zurückgegangen, obschon sie nach wie vor eine der höchsten in der westlichen Welt ist. Die Daten ermöglichen interessante Einblicke in die Dynamik dieser Entwicklung. Das hat eine Forschergruppe um den Politikwissenschaftler Frederick Solt von der Southern Illinois University herausgefunden: Wenn sich die Einkommensschere in einem Jahr weiter öffnete, nahm im darauffolgenden Jahr der Zuspruch zur Religion zu beziehungsweise weniger stark ab als sonst. Einen umgekehrten Effekt gab es jedoch nicht: Die religiöse Dynamik beeinflusste weder die Entwicklung der Einkommensungleichheit noch die des Wohlstands im folgenden Jahr.

Solt schließt daraus, dass wohlhabende und einflussreiche religiöse Menschen sich oft nicht dafür einsetzen, ihren ärmeren Mitbürgern ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern vielmehr die Religion als eine Art Kontrollmittel verwenden, um Unterprivilegierte gleichsam in Schach zu halten: „Viele wohlhabende Menschen reagieren auf eine höhere gesellschaftliche Ungleichheit nicht, indem sie sie durch eine Umverteilung mithilfe demokratischer Prozesse beheben, sondern indem sie einen religiösen Glauben annehmen und unter ihren ärmeren Mitbürgern verbreiten.“ Solt schließt: „Religion lässt das Interesse an materiellem Wohlbefinden sinken und verspricht Belohnung im Jenseits. Dadurch bleiben die Privilegien der Reichen bestehen, genau wie die Bedingungen sozialer Ungleichheit.“ ■

RÜDIGER VAAS, Redakteur bei bdw, hat bereits vier Titelgeschichten und mehrere Buchbeiträge zum Thema Religion veröffentlicht.

von Rüdiger Vaas

Ärmere Menschen wollen religiösere Politik

Je ungleicher die Einkommensverteilung in einer Gesellschaft ist, desto religiöser ist sie. Das zeigt sich auch in der politischen Einstellung. Dies gilt für alle Einkommensklassen, aber besonders für die ärmeren Bevölkerungsschichten, die im Schnitt religiöser sind. Die Einkommensungleichheit ist in der Grafik mit einem statistischen Maß (Gini-Index) dargestellt, die „ Ungläubigkeit“ erfasst eine willkürliche Skala (Daten aus dem World Values Survey).

Lebenserwartung eines 55-jährigen Bürgers der USA

Statistisch hängt die Lebenserwartung auch von der Religionszugehörigkeit ab. Dies geht aus den Daten der Health and Retirement Study hervor. Die Studie verfolgt seit 1992 das Schicksal von 18 000 US-Amerikanern. Seither sind mehr als 4000 davon gestorben. Hochgerechnet fällt die Zahl der verbleibenden Lebensjahre ganz unterschiedlich aus. Das hängt aber nicht von der religiösen Einstellung selbst ab, sondern von der sozialen Einbindung – eifrige Kirchgänger sind sozial häufig besser integriert. Einer der Hauptfaktoren ist der Familienstatus. Wer geschieden oder getrennt lebt, dessen jährliches Sterberisiko erhöht sich um 60 Prozent, bei nie Verheirateten um 45 Prozent. Nichtreligiöse sind etwa 50 Prozent wahrscheinlicher geschieden, getrennt oder unverheiratet – und das erklärt den Großteil der unterschiedlichen Lebenserwartung, wie Allison Sullivan vom Population Studies Center der University of Pennsylvania herausgefunden hat.

Religion und Demokratie

Länder, in denen der Glaube eine relativ geringe Rolle spielt, schneiden im Hinblick auf den Zustand ihrer Demokratie besser ab – Spitzenreiter sind nordeuropäische Nationen. Berücksichtigt wurden für die Auswertung rund 100 politische Indikatoren unter anderem für Freiheit, Gleichheit, Kontrolle von Ämtern (die Skala gibt ein willkürliches Maß dafür an) sowie Befragungen der Bevölkerung zur individuellen Bedeutung von Gott in ihrem Leben (1 = keine bis 10 = sehr groß).

Ängstlichkeit und Religion

Viele Studien haben gezeigt: Menschen mit einer stärker ausgeprägten Autoritätsgläubigkeit sind oft ängstlicher und religiöser. Aber der Glaube kann die Angst auch reduzieren oder sogar umgekehrt verstärken. Hier das Fazit einiger neuer Untersuchungen (in Klammern die Namen der Forscher):

· Ängstlichkeit, Kontrollverlust und Autoritätsgläubigkeit – an Gott oder Regierung – hängen eng zusammen (Kristin Laurin, Aaron Kay), und Menschen, die Religion für wichtig halten, sind meist ängstlicher (Chris Jackson, Leslie Francis).

· Physiologische Angst-Indikatoren sind stark ausgeprägt bei Menschen, die Patriotismus, Todesstrafe, höhere Militärausgaben und Krieg stark befürworten (Douglas Oxley u.a.).

· In ängstlichen Situationen steigt die Zustimmung zu religiösen Aussagen, auch zu Märtyrer-Aktionen und höheren Militärausgaben (Thomas Pyszczynski, Abdolhossein Abdollahi).

· In Ländern mit stärker verbreitetem Höllenglauben sind Menschen ängstlicher – in überwiegend muslimischen, orthodoxen und katholischen mehr als in protestantischen (Daniel Treisman).

· Glaube an gutes/schlechtes Jenseitsleben reduziert/fördert Psychosen (Kevin Flannelly).

· Der Glaube an einen mächtigen Gott kompensiert den Mangel eigener Einflussmöglichkeiten (Aaron Kay).

· Religiöse haben einen reduzierten „Fehler-Alarm“ im Gehirn und deshalb weniger Angst vor Fehlern (Michael Inzlicht).

· Die Angst vor Fehlern wächst aber, wenn sie an Gott denken (Tina Tooburen, Brian Meier).

· Religiöse fürchten Arbeitslosigkeit weniger (Andrew Clark).

· Religion reduziert finanzielle Sorgen (Matt Bradshaw).

· Menschen beschreiben sich als religiöser, wenn in ihnen Einsamkeitsgefühle ausgelöst werden (Nicholas Epley) oder sie an ihre Sterblichkeit erinnert werden (Ara Norenzayan).

· Ältere Menschen sind oder werden religiöser, weil ihnen ihre Sterblichkeit bewusster ist (Tom W. Smith).

· Beten reduziert Ängstlichkeit (Janie Wilson), ebenso häufige Gottesdienstbesuche (Chris Lewis).

· Gläubige schreiben Zufallsereignisse Gott zu (Kurt Gray).

Religionszugehörigkeit in Deutschland

In den ersten Jahrzehnten der BRD war fast jeder Mitglied einer der beiden großen christlichen Kirchen. Das hat sich durch Kirchenaustritte und nach der Wiedervereinigung drastisch geändert. Konfessionsfreie bilden mit einem Bevölkerungsanteil von über einem Drittel inzwischen die relative Mehrheit. Bei den evangelischen und katholischen Kirchenmitgliedern gibt es in der Tabelle Mehrfachzählungen, bedingt durch doppelte Wohnsitze. Auch die Zahlen für Muslime sind zu hoch, weil Migranten „aus einem überwiegend muslimischen Land“ vom Statistischen Bundesamt als religiöse Muslime erfasst werden. Laut Umfragen trifft dies jedoch nur für 20 bis 50 Prozent der 3,2 Millionen Migranten zu – die Zahlen für das Jahr 2010 wurden daher korrigiert. Für 2011 beträgt der konfessionsfreie Bevölkerungsanteil 37,6 Prozent. Um 2025 werden voraussichtlich mehr als 50 Prozent keiner der beiden großen Kirchen angehören.

Kompakt

· Demokratie, eine gerechte Einkommensverteilung und Sozialhilfe sind in Staaten, in denen mehr Atheisten leben, stärker ausgeprägt.

· Religion kann Angst und Stress reduzieren – aber auch verursachen.

· Nicht die Glaubensinhalte fördern das Wohlbefinden, sondern die Gemeinschaft.

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Mo|le|ku|lar|sieb  〈n. 11〉 Stoff mit dreidimensionaler, netzförmiger Struktur, der als selektives Adsorptionsmittel für Gase od. Flüssigkeiten vielseitig verwendet wird

po|ly|the|is|tisch  〈Adj.〉 zum Polytheismus gehörend, auf ihm beruhend

Gür|tel  〈m. 5〉 1 breites Band aus Stoff od. Leder zum Festhalten der Kleidung (Kleider~, Leder~) 2 〈Anat.〉 Hüftgegend (Lenden~) ... mehr

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