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Gesellschaft+Psychologie

Helm suggeriert Sicherheit beim Kartenspiel

Ein Fahrradhelm suggeriert offenbar sogar Sicherheit, wenn man nicht auf einem Sattel sitzt. (Bild: Jan-Peter Kasper/FSU)

Er kann uns bekanntlich beim Radfahren vor Verletzungen schützen – doch offenbar vermittelt ein Helm sogar ein Sicherheitsgefühl, wenn er seine Schutzfunktion gar nicht erfüllen kann: Wenn Menschen einen Helm tragen, verhalten sie sich auch beim Kartenspiel risikobereiter und ihre Hirnaktivität zeigt Auffälligkeiten, berichten Forscher. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Tragen eines Helmes die kognitive Kontrolle während des Abwägens verringert.

Ein Fahrradunfall kann böse ausgehen – besonders unser Kopf ist dabei in Gefahr: Wenn ein menschlicher Schädel ungeschützt auf eine harte Oberfläche knallt, drohen schlimme Schäden. Um sich gegen diese Gefahr zu wappnen, tragen mittlerweile viele Menschen einen Fahrradhelm. Welche Schutzfunktionen er ausüben kann, lässt sich vergleichsweise einfach untersuchen. Doch welche psychologischen Effekte gehen mit dem Helmtragen einher? Klar scheint: Menschen setzen ihn auf, weil sie sich mit der Kopfbedeckung sicherer fühlen. Aus Studien geht hervor, dass dies zu einem riskanteren Verhalten beim Fahrradfahren führen kann. In diesem Zusammenhang wird kontrovers diskutiert, inwieweit diese Wirkung den positiven Effekt des Helmtragens schmälern kann.

Kartenspiel mit Helm

Der Psychologie des Helmtragens haben nun die Forscher um Barbara Schmidt von der Universität Jena erneut eine Studie gewidmet. In ihrem Fokus stand die Frage, ob die Vorstellung des Helms als Schutzobjekt über das Radfahren hinaus geht. Bereits in einer früheren Studie hatten Forscher diesen Effekt bei Versuchen festgestellt. Schmidt und ihre Kollegen haben ihren Probanden nun allerdings zusätzlich bei den Experimenten ins Gehirn geblickt, um Informationen zu gewinnen, auf welchen Prozessen dieser Effekt beruht.

Die Wissenschaftler ließen dazu 40 Freiwillige am Computer ein Kartenglücksspiel spielen, bei dem sie sich zwischen einer risikoreichen und einer risikoärmeren Variante entscheiden mussten. Die Hälfte der Probanden trug dabei einen Fahrradhelm. Der tatsächliche Grund dafür war ihnen allerdings nicht bekannt: Die Forscher gaben als Vorwand an, dass ein auf dem Helm montierter Eyetracker die Augenbewegungen der Probanden misst. Um Einblicke in die Hirnfunktionen zu gewinnen, erfassten die Forscher die Nervenaktivität der Teilnehmer mittels Elektroenzophalografie (EEG).

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Die Auswertungen des Spielverhaltens ergaben: Insbesondere, wenn sie sich zwischen der sichersten und der riskantesten Option entscheiden mussten, wählten die Teilnehmer der Helmgruppe häufiger die riskantere Option als die Teilnehmer der Kontrollgruppe. Die Wissenschaftler konnten somit eine verminderte Empfindlichkeit gegenüber Risiken bestätigen, die in keinerlei Zusammenhang mit Radfahren und körperlicher Sicherheit steht.

Interessante Hirnaktivität

Wie sie berichten, spiegelte sich dieses Verhalten auch in der Hirnaktivität der Probanden wider. Demnach war die sogenannte „Frontal Midline Theta Power“ bei den Helmträgern weitaus weniger ausgeprägt als bei den Probanden ohne Helm. Dabei handelt es sich um eine Hirnaktivität, die mit dem Abwägen bei Entscheidungsprozessen verknüpft ist, erklären die Wissenschaftler. Die Ergebnisse legen somit nahe, dass die kognitive Kontrolle während des Abwägens mit Helm weniger ausgeprägt ist. „Das bedeutet, dass der Helm die Entscheidungsfindung im Risikospiel eindeutig beeinflusst. Offensichtlich assoziieren die Probanden mit dem Tragen des Fahrradhelms ein Gefühl der Sicherheit“, resümiert Schmidt. „Möglicherweise liegt hier eine Art Priming vor. Das heißt, dass der Bedeutungsinhalt, den jeder mit einem Helm verbindet, automatisch Auswirkungen auf die Kognition im Gehirn hat“, erklärt die Psychologin.

Neben den Informationen zum Effekt des Helmtragens liefern die Ergebnisse nun auch Anregungen für weitere Forschungsfragen, sagt Schmidt. Konkret: Sie beschäftigt sich im Rahmen ihre Forschungsarbeiten mit der Untersuchung der Wirkung von Hypnose. „Für uns ist es sehr interessant zu beobachten, wie stark Suggestionen die Hirnaktivität beeinflussen können. Im hypnotischen Zustand sind Probanden sehr offen für angebotene Vorstellungen, zum Beispiel für die Vorstellung eines sicheren Ortes, an dem sie sich geborgen fühlen. Das Tragen eines Fahrradhelms kann auch als eine Suggestion verstanden werden, die unbewusst wirkt. Die aktuelle Studie zeigt, dass selbst solch eine subtile Maßnahme Entscheidungsprozesse signifikant beeinflussen kann“, so Schmidt.

Quelle: Friedrich-Schiller-Universitaet Jena, Fachartikel: Psychophysiology, doi: 10.1111/psyp.13458

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