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Erde+Klima Gesellschaft+Psychologie

Hollywoods Klima-Show

Mit seiner Kino-Dokumentation über die weltweite Klimakatastrophe rüttelte Al Gore die US-Bevölkerung wach. Ab 12. Oktober läuft „Eine unbequeme Wahrheit“ auch in den deutschen Kinos. Mit dem gleichen Erfolg?

Es ist ein Film, in dem ein langweiliger Politiker über dröge Umweltdaten doziert – könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore begeisterte mit seiner Dokumentation „An Inconvenient Truth“ über den klimatischen Status quo unserer Erde bereits zwei Millionen Zuschauer in den USA. Der Film spielte das 20-Fache seiner Produktionskosten ein und sorgte für einen überwältigenden Medienrummel: Gore tauchte wochenlang auf jedem Titelblatt und in jeder US-Talkshow auf.

Ehe die Hollywood-Produzenten Laurence Bender und Scott Burns dem Stoff cineastisches Format verpassten, war der Demokrat um die Welt getingelt und hatte Vorträge über den Zusammenhang von Erderwärmung und CO2-Anstieg gehalten – kostenlos. Mit ernüchternden Statistiken und Dias belegte Gore, dass wir auf einer Zeitbombe sitzen: Schmelzende Polkappen, ausgetrocknete Flussbetten in Nordafrika und Käferplagen in Alaska sind nur die Vorboten einer Katastrophe, deren Stürme, Hitzewellen und Fluten in naher Zukunft über 100 Millionen Menschen weltweit heimatlos machen werden.

Regisseur Davis Guggenheim hat aus der filmischen Umsetzung der Diashow eine politische Biografie gemacht: Persönliche Schicksalsschläge – wie der tragische Autounfall seines Sohns – sollen Gores Botschaft Nachdruck verleihen: „Amerikaner, auch ihr könnt aus Tragödien Mut schöpfen!“ Immer wieder betont Gore, dass die USA große Schuld am Klimaproblem trage und sich mit der Nichtunterzeichnung des Kyoto-Protokolls vor der Verantwortung drücke.

Der Filmstart hätte günstiger nicht sein können: Rekordverdächtige Temperaturen und Benzinpreise ließen im Sommer vor allem die Kalifornier schwitzen. Dass die Amerikaner sensibilisiert sind – die Tragödie des Wirbelsturms Katrina ist noch frisch im Gedächtnis –, zeigte sich in Umfragen des Public Policy Institute California im Juli: 80 Prozent der Sonnenstaatler stuften die globale Erwärmung als ernste Bedrohung ein. Über 65 Prozent wünschten sich, dass das Klimaproblem fernab der Politik angegangen werde.

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Doch kann ein Kinofilm das Verhalten der Bevölkerung beeinflussen? Aufklärung ist sicher der erste Schritt: „Die Amerikaner sind schlecht informiert. Für viele ist das Klimaproblem ein Novum“, urteilt Dan Kammen, Professor für alternative Energien und Politik an der University of California in Berkeley. Der Film sei wichtig, weil er wissenschaftlich korrekt und für jedermann verständlich sei.

Davis Guggenheim lobt das Engagement der Kinobesucher: Viele seien dem Aufruf „Become carbon neutral!“ („Werde kohlenstofffrei!“) auf der Film-Webseite www.climatecrisis.de gefolgt. Dort kann man seinen persönlichen CO2-Ausstoß errechnen und ihn mit Hilfe konkreter Tipps reduzieren. Wie weit das greift, können erst Verkaufszahlen benzinfressender Geländewagen und die kalifornischen Wahlen im November verraten.

Politisches Kalkül – genau hier setzen Kritiker an: Gore habe einen 100-minütigen Werbespot in eigener Sache gedreht. „Wählt mich, oder wir werden alle sterben“, verstand das Time Magazine als Kernaussage. Konservative Medien und Politiker nicken aber offenbar – bis auf Präsident Bush, der sich weigert, den Film zu sehen – die Inhalte ab. Zudem stehen „grüne Themen“ immer häufiger auf der politischen Tagesordnung: „In Washington werden gerade 200 Umweltgesetze diskutiert“, betont Kammen, der für einige gute Chancen sieht.

In Deutschland ist man da deutlich weiter, stellte Davis Guggenheim bei einem Besuch in München fest. Die Tipps im Filmabspann werden deshalb wohl einige schmunzeln lassen: „ Bringen Sie eigene Tüten zum Einkauf mit“ und „Recyclen Sie Ihren Abfall“. Vielleicht kann der Film aber doch einige deutsche Kinobesucher dazu bewegen, ihr Auto öfters stehen zu lassen. ■

Désirée Karge

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