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Gesellschaft|Psychologie

Länger leben – folgenschwer

Die Rente mit 67 kommt – und schon sind die Demographen einen Schritt weiter. Sie halten den Rentenbeginn mit 73 Jahren für vertretbar und tüfteln an einer neuen Altersformel.

Neben dem wahren und dem gefühlten Alter soll es künftig eine dritte Lesart des Alters geben. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock schlagen die Einführung des „prospektiven Alters“ vor – mit weitreichenden Folgen für private und politische Entscheidungen. Die bisherige Angabe des Alters ist rein retrospektiv. Sie gibt nur an, wie lange ein Mensch schon gelebt hat. Genau wie die Forscher des Wiener Instituts für Demographie halten die Rostocker dieses Maß für das Alter für unvollständig, da es die veränderte Lebenserwartung heutiger Menschen nicht mit einbeziehe. Und die hat sich in den letzten Jahrzehnten in Mitteleuropa rapide verschoben:

• Ein 40-Jähriger (Person A) hatte 1950 statistisch gesehen noch 30 Jahre vor sich.

• Dagegen hatte ein 40-Jähriger 2000 (Person B) noch 40 Jahre zu erwarten.

• Und ein 50-Jähriger hatte 2000 (Person C) noch mit 30 Jahre zu rechnen, also die gleiche Lebenserwartung wie ein 40-Jähriger 1950 (Person A).

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Daraus definieren die Forscher das prospektive Alter von C mit 40 Jahren. Er hat also zwei Alter: Sein chronologisches (traditionelles) Alter beträgt 50, sein prospektives 40.

Wie viele Jahre ein Mensch noch vor sich hat, beeinflusst sein Verhalten – egal ob es sich um den aktuellen Konsum, zwischenmenschliche Beziehungen, Geldanlage, Weiterbildung, Freizeit oder Gesundheit handelt. Doch auch für das Gemeinwesen ergeben sich völlig veränderte Aussichten für eine „vergreisende Gesellschaft“. Speziell in zwei Bereichen wird die Gesellschaft 2050 erheblich anders aussehen als heute: im Gesundheitswesen und bei der Rente. Die Medizinkosten etwa nehmen in den letzten Lebensjahren deutlich zu. Wenn weiterhin nur nach dem chronologischen Alter hochgerechnet wird und nicht auch nach der steigenden Lebenserwartung, so konstatieren die Demographie-Forscher, führen Berechnungen zu Kosten des Medizinbetriebs, zum Bedarf von Altenheimen und Pflegeplätzen „zu überhöhten Zahlen und damit zu irrigen Entscheidungen“.

Um die Alterung der Bevölkerung zu messen, wird meist das sogenannte mediane Alter genutzt. Dabei wird eine Bevölkerung zu einem Stichtag halbiert – 50 Prozent sind dann jünger und 50 Prozent älter als das „Medianalter“ dieses Stichtags. Nach den Prognosen der UNO steigt das chronologische Medianalter der Deutschen von 1995 bis 2050 von 37 Jahren auf 47 Jahre – mit dem bekannten Ergebnis: immer mehr Alte, immer weniger Arbeitende.

Doch nach der Studie der Wiener würde das „prospektive Medianalter“ der Deutschen im gleichen Zeitraum auf 42 Jahre ansteigen – eine deutlich geringere Zunahme der „unproduktiven“ Alten. Bei den Österreichern wäre der Unterschied noch krasser: Statt eines Anstiegs von 37 auf 50 Jahre nach der chronologischen Median-Prognose errechneten die Forscher nach der Prospektiv-Methode nur einen Altersanstieg auf 43 Jahre.

Bei der heiligen Kuh der Deutschen, der staatlichen Rente, wagen sich die Prospektiv-Wissenschaftler ganz weit vor. In Anbetracht der Tatsache, dass ein heute 65-Jähriger etwa die gleiche Lebenserwartung hat wie ein 73-Jähriger im Jahr 2050, können sie sich eine „allmähliche Verlagern der Bezugsberechtigung für eine staatliche Rente auf ein Alter zwischen 70 und 73″ sehr gut vorstellen. Das würde „jeder Folgegeneration längere Rentenzeiten gestatten und zugleich helfen, diese zusätzlichen Jahre durch ein verlängertes Arbeitsleben auch zu finanzieren“, lautet der ernüchternde Kommentar der Demographen. ■

Michael Zick

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