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Gesellschaft+Psychologie

Love me tender

Dem einen gehen Liebesschwüre auf Englisch leichter über die Lippen, der andere lamentiert besser auf Französisch. Zweisprachige drücken ihre Werte, Gefühle und Erinnerungen mit den jeweils passenden Worten aus.

„Wenn ich wütend bin, spreche ich Englisch, wenn ich traurig bin, Japanisch, und wenn ich glücklich oder begeistert bin, verwende ich beide Sprachen gleichzeitig“, erklärt ein in den USA lebender Japaner. Mittlerweile beherrscht über die Hälfte der Menschen weltweit zwei oder mehr Sprachen fließend. Viele sind „ bikulturell“, sie fühlen sich zwei Kulturen zugehörig – häufig deshalb, weil sie aus ihrer Heimat in ein anderes Land eingewandert sind.

Außenstehenden fällt oft auf, dass der Bikulturelle sich anders verhält, wenn er die eine oder die andere Sprache spricht – manchmal scheint er fast ein anderer Mensch zu sein. Auch die Betroffenen selbst beschreiben solche Unterschiede: „Wenn ich Russisch spreche, fühle ich mich wie ein sanfter, freundlicher Mensch“, berichtet eine russische Immigrantin. „Auf Englisch habe ich dagegen das Gefühl, barsch und geschäftsmäßig zu sein.“

Dieser Wechsel von Persönlichkeitsmerkmalen lässt sich auch in Studien nachweisen. So beobachtete der Marketingforscher David Luna vom Baruch College in New York 2008, dass englisch-spanisch-sprachige Probanden den Darstellern in einem Werbespot völlig andere Eigenschaften zuschrieben, je nachdem, in welcher Sprache man ihnen die Filme zeigte. So sahen sie die Frauen als unabhängig und extrovertiert an, wenn diese Spanisch sprachen – redeten die Darstellerinnen Englisch, hielten die Probanden diese Eigenschaften für weniger ausgeprägt.

Ebenso beeinflusst die Sprache die Ergebnisse von Persönlichkeitstests: So zeigten mexikanische Immigranten in den USA im gängigen Test „NEO-FFI“ stärkere Durchsetzungsfähigkeit und Leistungsorientierung, wenn sie ihn auf Englisch statt auf Spanisch ausfüllten. „Dies stimmt mit den Werten der amerikanischen Kultur überein, in der Individualität und Leistung betont werden“, erläutert die Studienleiterin Nairán Ramírez-Esparza von der University of Washington in Seattle. „In lateinamerikanischen Kulturen gelten dagegen Konformität und Harmonie in Beziehungen als wichtig.“

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SPRACHEN AKTIVIEREN WERTE

Dass solche Veränderungen von Charakterzügen auch im Alltag auftreten, ist nach Ansicht von Ramírez-Esparza nicht erstaunlich. „Beide Sprachen werden in bestimmten kulturellen Kontexten gelernt. Wenn jemand eine der beiden Sprachen spricht, werden auch die damit verbundenen Werte aktiviert – und dies wirkt sich auf Gedanken, Gefühle und das Selbstbild aus“, erklärt die Psychologin.

So beeinflusst die Sprache, an welche Fakten und Erlebnisse man sich erinnert. Das zeigen Untersuchungen von Viorica Marian von der Northwestern University im US-amerikanischen Evanston: Wenn russisch-englisch-sprachige Probanden Schlüsselwörter auf Russisch sahen, erinnerten sie sich eher an Erlebnisse in Russland, bei englischen Wörtern kamen ihnen eher Erlebnisse in den USA in den Sinn. Berichteten sie die Erinnerungen in der gleichen Sprache, die sie zurzeit des Ereignisses gesprochen hatten, war das außerdem mit deutlich mehr Gefühlen verbunden.

Umgekehrt haben die Gefühle einen Einfluss darauf, welche Sprache jemand bei einer Unterhaltung wählt. Typisch für Zweisprachige ist, dass sie spontan zwischen den Sprachen hin und her wechseln – zum Teil sogar mitten im Satz. „Manchmal wird eine Sprache gewählt, weil sich der Inhalt des Gesprächs besser mit den Werten dieser Kultur vereinbaren lässt“, sagt Stephen H. Chen von der University of California in Berkeley. „Andererseits kann ein Sprachwechsel auch dazu dienen, emotionale Distanz zu schaffen.“ Zum Beispiel werden in asiatischen Kulturen Gefühle häufig nicht offen gezeigt und nicht verbal ausgedrückt. So berichtet eine Chinesin: „Auf Chinesisch ist ‚Ich liebe dich‘ ein sehr starker Satz, den wir selten benutzen. Ich persönlich finde es viel einfacher, diesen Satz auf Englisch zu sagen.“

LOB GIBT’S NUR AUF ENGLISCH

Ergebnisse der Sprachforscherin Aneta Pavlenko von der Temple University in Philadelphia unterstützen diese Beobachtung. Sie zeigen, dass chinesisch-englisch-sprachige Eltern ins Englische wechseln, wenn sie mit ihren Kindern über Gefühle sprechen oder Lob und Anerkennung ausdrücken wollen – also in eine Sprache, in der es als wünschenswert gilt, Gefühle zu vermitteln.

Allerdings gibt es zu solchen spontanen Sprachwechseln bisher keine Studien mit hohen Fallzahlen. „Solche Ergebnisse sind aber wichtig“, betont Chen. „Denn wie Eltern mit ihren Kindern über Gefühle sprechen, hat großen Einfluss auf deren Entwicklung – zum Beispiel auf ihre soziale Kompetenz und die Fähigkeit, eigene Gefühle zu verstehen und zu verarbeiten.“

Auf der anderen Seite können spontane Sprachwechsel dazu beitragen, „nüchterner“ an ein Thema heranzugehen. So rufen emotionale Themen in der Zweitsprache deutlich weniger starke Gefühle hervor: Bilinguale können länger über Tabuthemen sprechen, die in der Erstsprache Scham auslösen würden, und empfinden bei Schimpfwörtern oder Kritik weniger negative Gefühle. „Die Zweitsprache könnte also von Vorteil sein, wenn über Dinge gesprochen wird, die Stress oder Unbehagen erzeugen“, sagt Chen. Andererseits trägt ein Wechsel in die Zweitsprache dazu bei, negative Gefühle während einer Auseinandersetzung abzuschwächen.

Dämpfende Effekte der Zweitsprache beobachteten auch Yan Jing Wu und Guillaume Thierry von der Bangor University in Großbritannien. In ihrer Studie zeigten die Forscher chinesisch- englisch-sprachigen Probanden positive, neutrale und negative Wörter auf Englisch. Anhand von Elektroenzephalogrammen (EEG) – Ableitungen der Hirnströme – stellten sie fest, dass nur die positiven und neutralen Wörter automatisch ins Chinesische übersetzt wurden. Bei negativen Wörtern wie Krieg, Unglück oder Unbehagen geschah dies nicht. „Das ist offenbar eine Art Schutzmechanismus des Gehirns“, meint Guillaume Thierry.

Dass diese Effekte sich negativ auf Sprachfähigkeiten in der Erstsprache oder auf das Erleben von Gefühlen auswirken könnten, hält Thierry für unwahrscheinlich. „Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass Bilinguale negative Ausdrücke in der Zweitsprache leichtfertiger verwenden – dann ist ihnen die emotionale Wirkung möglicherweise weniger bewusst“, sagt der Forscher.

Manchmal ist es auch entlastend, Dinge in zwei Sprachen ausdrücken zu können, wie François Grosjean, emeritierter Professor der Universität Neuchâtel in der Schweiz, anschaulich beschreibt: „Als ich in Kalifornien von einem Stachelrochen gestochen wurde, habe ich ständig zwischen Englisch und Französisch gewechselt. Englisch, um meinen Freunden klarzumachen, was ich brauche – und Französisch, um über meine Schmerzen zu fluchen.“ ■

CHRISTINE AMRHEIN ist freie Wissenschaftsjournalistin in München. Sie verbindet mit Französisch Lebensfreude, mit Englisch nüchterne Fakten.

von Christine Amrhein

Gut zu wissen: Zweisprachigkeit

Untersuchungen zur Zweisprachigkeit zeigen, dass beide Sprachen ständig im Gehirn um Aufmerksamkeit konkurrieren. Dabei müssen Zweisprachige die Ausdrücke in der passenden Sprache wählen und sie gleichzeitig in der anderen Sprache unterdrücken. Hierbei spielen der Nucleus caudatus und das limbische System eine Rolle – Hirnregionen, die für die Steuerung von Bewegungen beziehungsweise die Verarbeitung von Gefühlen wichtig sind. Offenbar haben Zweisprachige auch in anderen Bereichen eine gute mentale Umschaltfähigkeit: Sie können besser zwischen zwei Aufgaben hin und her wechseln und sich besser in die Perspektive anderer Menschen hineinversetzen. Ob Zweisprachigkeit auch dazu beiträgt, Gefühle oder Verhaltensweisen besonders flexibel zu steuern, ist bisher nicht untersucht.

Kompakt

· Zweisprachige wählen intuitiv die Sprache, die besser zu einer Situation passt – zum Beispiel, um Gefühle auszudrücken oder sachlich zu argumentieren.

· Die Sprache, die ein Bilingualer gerade spricht, beeinflusst seine Persönlichkeit.

Mehr zum Thema

INTERNET

Blog zur Zweisprachigkeit von François Grosjean (auf Englisch): www.francoisgrosjean.ch/blog_en.html

Forschung von Nairán Ramírez-Esparza zu Persönlichkeitsfaktoren bei spanisch-englisch Zweisprachigen (auf Englisch): www.utpsyc.org/Nairan/research

LESEN

François Grosjean Bilingual: Life and reality Harvard University Press Cambridge 2012, € 14,99

Barbara Abdelilah-Bauer Zweisprachig aufwachsen Herausforderung und Chance für Kinder, Eltern und Erzieher C.H. Beck, München 2008, € 12,95

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