Nachhaltiger Wintersport "Materialschlacht am Skihang" - wissenschaft.de
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Nachhaltiger Wintersport

„Materialschlacht am Skihang“

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Sten Smola am Hang - Foto: privat
Der Wintersportler Sten Smola von der Initiative „Ride Greener“ über Snowboards aus Hanfleinen, die Ökobilanzen von Skihallen und den manchmal absurden Einsatz von Solarzellen in den Alpen. 

DSC_0365_low_250.jpgnatur: Snowboarder und Skifahrer sind bisher eher selten als Natur- und Klimaschützer aufgefallen. Was motiviert Sie?
Smola: Seit meiner Kindheit hat sich die Bergwelt deutlich verändert. Früher fiel der Schnee bis in die Täler. Heute regnet es stattdessen häufiger. Die Saison fängt zudem zusehends später an, manchmal erst Mitte Dezember. Vieles hängt natürlich mit dem globalen Klimawandel zusammen, aber letztlich sind wir Wintersportler nicht ganz unschuldig. Zumindest können wir uns ökologischer als bisher verhalten. Bis wir den Verein gegründet hatten, waren wir nicht als Umweltschützer aktiv. Aber die Liebe zu den Bergen spornt uns an. Zu unserem Erstaunen mussten wir bald feststellen, dass das Thema Ökologie in der Szene erst etabliert werden muss. Viele liefern sich am Skihang noch immer eine Materialschlacht.

Für Ihren Verein gibt es viel zu tun. 15 Millionen Menschen reisen jährlich zum Skifahren in die Alpen. Es gibt 666 Skigebiete, 11 000 Seilbahnen und Sessellifte sowie 40 000 Kilometer Piste, von denen laut Deutschem Skiverband etwa die Hälfte mit Schnee-kanonen beschneit werden. Wo fangen Sie an?
Mit Aufklärung. Jeder soll dann selbst entscheiden. Anfang des Jahres haben wir unsere Ride Greener Days veranstaltet: Manche Besucher waren schon von den einfachsten Tipps und Modellrechnungen überrascht. Ein Beispiel: Wer mit dem Zug von Zürich nach Davos fährt, verbraucht 25 Mal weniger CO2 als ein Autofahrer. Andere wussten nicht, dass es umweltfreundliches Skiwachs gibt. Jeder sollte vor allem auf sein Material achten: Skier, Bindungen, Schuhe, Rucksäcke, Jacken, Handschuhe. Wir raten, sich beim Kauf am Bluesign-Label zu orientieren, nach diesem Standard arbeitet beispielsweise die Firma Patagonia. Deren Produkte stammen aus einer nachhaltigen Wertstoffkette. Grundsätzlich empfehlen wir Hersteller, die Materialien aus PET, Bio-Baumwolle, Hanf und recycelten Stoffen verwenden. Völkl beispielsweise stellt vorbild-liche Snowboards her. Dabei wird weitgehend auf Kunstharze und Plastik verzichtet. Stattdessen nimmt man Holz und Hanfleinen, das eine erstaunliche Festigkeit hat. So spart die Firma bei jedem Board rund 400 Gramm Kunststoff.

Der Wintertourismus in die Alpen nimmt noch immer zu. Werden deshalb neue Skigebiete notwendig?
Nein, schon jetzt sind viele Gebiete nicht ausgelastet. Wir rechnen damit, dass sich die Zahl der Pisten in den kommenden Jahrzehnten deutlich verringern wird. Denn die Schneegrenze steigt aufgrund des Klimawandels an. Mit jedem Grad Celsius um 150 Meter. Derzeit liegt sie bei 1500 Metern, im Jahr 2050 vermutlich bei 1800 Metern. Dann wird nur noch die Hälfte der heutigen Skigebiete schneesicher sein. Schneekanonen sind keine Lösung. Sie sollten allenfalls eingesetzt werden, wenn bei einer Piste mal an einer bestimmten Stelle zu wenig Schnee liegt. Aber ganze Abfahrten künstlich zu beschneien, ist unsinnig. Die Kanonen verbrauchen schlicht zu viel Wasser und Energie. Natürlich sind auch Skihallen keine Zukunftslösung. Deren Ökobilanz ist miserabel, und die Menschen bewegen sich dort in einer Scheinwelt.

In den USA und in Kanada ist das sogenannte Heliskiing populär: Skifahrer und Snowboarder lassen sich im Helikopter auf einen Berg fliegen, um dann durch unberührten Tiefschnee ins Tal zu fahren. Halten Sie es für möglich, dass sich das auch in den Alpen etabliert?
Wir hoffen nicht. Es ist eine egoistische Art des Skifahrens und Snowboardings. Zumal Hubschrauber unsäglich viel Sprit verbrauchen und CO2 ausstoßen. Wer unbedingt auf einen Berg will, sollte sich nicht vor den Strapazen des Aufstiegs fürchten oder wenigstens die Seilbahn nehmen.

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Sie sind eine Non-Profit-Organisation und als solche auf Partner in den Skigebieten angewiesen. Wie schwierig ist es, solche Partner zu finden?
Die Gemeinden reagieren zurückhaltend. Es gibt zwar Geld für Events oder Wettbewerbe, aber so gut wie nie für Umweltbildung. Viele wollen vor allem wissen, wie sie Geld und Energiekosten sparen können. Umwelt ist für niemanden der entscheidende Aspekt. Vor allem die Betreiber von Skigebieten müssen dazulernen. Auch beim Seilbahnverband stoßen wir auf taube Ohren. Zwar existieren beispielsweise Lifte mit Solarmodulen. Aber die gewonnene Energie fließt nicht in den Betrieb der Anlage, sondern in die Beheizung der Sitze. Längerfristig gesehen müssen wir einen Atlas erstellen, in dem vorbildliche Skigebiete ausgewiesen werden – wenn es die denn bis dahin gibt.

Können Sie sich vorstellen, dass eines Tages eine richtig ökologische Winterolympiade stattfindet?
Da bin ich skeptisch. Großereignisse, die Millionen Besucher anziehen, werden wohl nie mit einer klimaneutralen Bilanz aufwarten können. Nehmen wir 2014 in Sotschi: Schon jetzt wurden dort große Wälder abgeholzt und riesige Infrastrukturen geschaffen, die anschließend wohl nie wieder voll ausgelastet sein werden. Ich denke, dass man Winterolympiaden bestenfalls an drei, vier Orten der Welt rotieren lassen sollte.

Das Gespräch führte Dirk Liesemer.

Über Sten Smola
Der Snowboard-Profi Sten Smola ist Projektleiter von „Ride Greener“, einer Initiative, die sich für nachhaltiges Skifahren und Snowboarden einsetzt. Der Verein hat sich im Sommer 2011 in der Schweiz gegründet. Die derzeit 15 Mitglieder sind vor allem in der Schweiz aktiv und kooperieren mit deutschen und österreichischen Szene-Medien. Langfristig plant Ride Greener, sein Engagement auf den gesamten europäischen Raum auszudehnen.

© natur.de – Dirk Liesemer
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