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Gesellschaft+Psychologie

Mehr Müll durch die Lockdowns

Verpackungsmüll
Der Verpackungsmüll hat zugenommen. (Bild: naumoid/ iStock)

Zwar bremsten Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie vielerorts die Ausbreitung des Coronavirus. Allerdings führten sie auch zu einer erhöhten Müllproduktion, wie eine internationale Studie jetzt nachweist. Demnach gibt es durch die Lockdowns vor allem mehr Verpackungsabfälle und Essensreste im Haushaltsmüll. Das hängt mit Hamsterkäufen, dem häufigeren Selbstkochen und vermehrten Bestellungen zusammen.

Um die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 zu bremsen und eine Überlastung der Gesundheitssysteme während der Pandemie zu vermeiden, wurden weltweit Shutdowns veranlasst. Dadurch konnten die Infektionswellen zumindest zum Teil gemindert werden. Allerdings mit negativen Nebenwirkungen: Zum Beispiel verloren viele Menschen ihre Arbeit, psychische Belastungen nahmen zu und die Bildung wurde behindert. Das Schließen von Geschäften und der vermehrte Aufenthalt in den eigenen vier Wänden führte zudem dazu, dass Menschen sich mehr Dinge liefern ließen.

Deutliche Veränderungen im Konsumverhalten

Ob die Shutdowns dadurch auch zu einem mehr Müll geführt haben, haben nun Wissenschaftler um Walter Leal von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg untersucht. „Die internationale Studie analysiert den Konsumverbrauch und das Abfallaufkommen seit Beginn der der Covid-19-Pandemie“, erklärt Leal. Die Forscher führten dazu eine Umfrage zum Aufkommen verschiedener Arten von Hausmüll vor und während der Pandemie und dem Konsumverhalten der Menschen durch. Dabei befragten sie rund 200 Probanden aus insgesamt 23 Ländern, wie beispielsweise Portugal, Brasilien, Kanada, Bangladesch, Neuseeland und Vietnam.

Das Ergebnis: Die nahezu in allen Regionen herrschenden Lockdowns führten tatsächlich zu einem geänderten Konsumverhalten, das sich auch im Abfall niederschlug. So gaben über 45 Prozent aller Befragten an, mehr verpackte Lebensmittel gekauft zu haben und sich häufiger Lebensmittel und Fertiggerichte liefern zu lassen. Dieses Ergebnis führt das Forscherteam darauf zurück, dass die Menschen seit Beginn der Pandemie vermehrt zu Hause sind und sich dort anders verhalten als üblich. „Die Pandemie verursacht deutliche Änderungen im Verhalten der Verbraucher“, so Leal.

Erst Hamsterkäufe, dann Quarantäne und Frustessen

Die erste Veränderung in Bezug auf den Kauf und Verzehr von Lebensmitteln könnte laut der Wissenschaftler zu Beginn der Pandemie stattgefunden haben. Zu der Zeit wurden vielerorts haltbare Lebensmitteln in großen Mengen gekauft und gelagert. „Zu Beginn der Pandemie war das Verständnis für das Virus und seine Folgen begrenzt und die Menschen begannen, sich mit Lebensmitteln zu versorgen, um das Risiko einer zukünftigen Lebensmittelknappheit abzumildern“, erklären Leal und seine Kollegen. Unter anderem berichteten bei der Studie über 80 Prozent der Befragten aus Norwegen und rund 40 Prozent der Befragten aus Vietnam, dass sie zusätzliche Trockenwaren gekauft haben. In Italien stieg bis Mitte März 2020 der Verkauf verpackter Lebensmittel um über 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch lange haltbare Tiefkühlprodukte wurden vermehrt gekauft – in den USA sogar über 90 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Im März 2020 wurden in Italien zudem 80 Prozent mehr Brot gekauft, und in Deutschland doppelt so viele getrockneten Kartoffelprodukten wie üblich.

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„Während der zweiten Welle der Covid-19-Pandemie im Herbst und Winter 2020 waren Panikkäufe für die meisten Menschen dagegen kein Thema“, sagen Leal und sein Team. In dieser Phase mussten dafür viele Menschen in Quarantäne oder wurden durch Ausgangssperren in ihrer Bewegung eingeschränkt. Dadurch kochten mehr Menschen zu Hause und ließen sich häufiger ihre Lebensmittel liefern. So gaben fast ein Drittel der Befragten in Großbritannien und rund 60 Prozent in Vietnam an, dass sie sich eher Lebensmitteln liefern lassen, statt in die Geschäfte zu gehen. Zudem bestellten die Menschen vermehrt Mahlzeiten bei Restaurants. In den USA, Italien und Japan nahm der Anteil der Bestellungen im Oktober 2020 deshalb um bis zu rund 30 Prozent zu.

„Die Zunahme des Online-Einkaufs von Lebensmitteln und der Lieferung in Restaurants bedeutet eine Zunahme von Verpackungen“, so das Forscherteam. Denn damit könne das Essen möglichst hygienisch transportiert werden. Dazu kommt, dass die Pandemie auch psychische Belastungen wie Depressionen, Stress und Angst vor Covid-19 auslöste, was zu übermäßigem Essen führen kann. So gab zum Beispiel mehr als ein Drittel der Befragten in Großbritannien an, aufgrund der fehlenden sozialen Kontakte mehr Alkohol und Snacks zu kaufen. In Italien berichteten zudem mehr als 30 Prozent der Studienteilnehmer, dass sie einen gesteigerten Appetit hatten und fast die Hälfte hatte das Gefühl, zugenommen zu haben.

Erkenntnisse für die Zukunft

„Daraus lässt sich schließen, dass Covid-19 einen signifikanten Einfluss auf das Konsumverhalten der Menschen auf der ganzen Welt hat“, folgern Leal und seine Kollegen. Dadurch haben sich auch die Abfallmengen in Siedlungen verändert. „Das übt einen zusätzlichen Druck auf die Abfallwirtschaftssysteme aus und ist ein indirekter Effekt der Covid-19-Pandemie“, erklärt Leal. Die Ergebnisse liefern nun Stadtverwaltungen und Stadtwerken nützliche Erkenntnisse über Verbrauchsmuster in Notfallsituationen, erklären die Forscher. „Dadurch können schneller systemische und strategische Maßnahmen ergriffen werden, um die Auswirkungen zukünftiger Pandemien besser einzuschätzen und einzudämmen“, so Leal. Zudem hoffen er und sein Team, dass ihre Ergebnisse auch das Bewusstsein der Menschen für eine Müllreduktion schärfen.

Quelle: Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fachartikel: Science of The Total Environment, doi: 10.1016/j.scitotenv.2021.145997

 

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