Mehr Vorurteil als Verstand - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie Gesundheit+Medizin

Mehr Vorurteil als Verstand

Wissenschaftler bestätigen, was Wähler schon lange vermuten: Politiker denken oft nicht rational.

Der Verdacht, dass Politiker oft nicht nachdenken, bevor sie reden, ist weit verbreitet. Wie sonst ließe sich ein rhetorischer Fauxpas, wie die Transrapid-Rede des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber erklären – mit Aussagen wie „ Sie steigen in den Hauptbahnhof ein“ – oder die Aussage von US-Präsident Bush, dass „die große Mehrzahl der Importe von außerhalb des Landes kommt“?

Doch wer hätte gedacht, dass sich diese Beobachtung neurobiologisch bestätigen lässt? Das ist dem Psychologen Drew Westen von der Emory University in Atlanta gelungen. Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2004 bat er überzeugte Funktionsträger der Demokraten und Republikaner zu einem Test. Dabei wurden die Politiker mit je zwei Statements – wahr oder erfunden – konfrontiert, die von einem der Kandidaten George W. Bush und John Kerry oder von unpolitischen Stars stammten. Die Statements waren konträr, damit bei den Probanden der Eindruck entstand, der betreffende Herr habe gelogen. Beispielsweise lautete ein Zitat Bushs, er schätze Kenneth Lay, den Gründer des Energiekonzerns Enron. Die zweite Information besagte, Bush meide Kenneth Lay.

Die Testpersonen wurden gefragt, ob sich die Aussagen widersprächen. Dann wurde ihnen eine mögliche Erklärung für das Verhalten des Zitierten gegeben. So hieß es, Bush habe sich von Kenneth Lay betrogen gefühlt, als herauskam, dass die Führungsspitze des Enron-Konzerns korrupt sei. Erneut wurden die Probanden gefragt, ob die Statements widersprüchlich seien. Während die Politiker beider Lager die Widersprüche bei den politisch Neutralen und dem Kandidaten der gegnerischen Partei erkannten, sahen sie in den Kommentaren des eigenen Favoriten keine Unstimmigkeiten. Sie nahmen die entlastende Erklärung für den eigenen Kandidaten gerne an, nicht aber für den Gegner.

„Je wichtiger eine Entscheidung emotional für einen Menschen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er die Fakten selektiv betrachtet“, meint Pavel Blagov, ein Mitarbeiter Westens. Wie es dazu kommt, zeigte den Forschern ein Blick ins Gehirn. Mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie sahen die Wissenschaftler, in welchen Bereichen der Hirnrinde die Informationen verarbeitet wurden.

Anzeige

Rationales Denken findet im dorsolateralen präfrontalen Kortex des linken oberen Stirnlappens statt. Während die Probanden über das Verhalten ihres Kandidaten nachdachten, tat sich an dieser Stelle nichts. Das rationale Denken war wie ausgeschaltet. Aktiv waren hingegen Gehirnareale, die sich mit der Regulierung von Emotionen beschäftigen und die bei der Lösung von Konflikten involviert sind. Dieses emotional voreingenommene Denken, das sogenannte motivierte Denken, führt nicht nur zu einem anderen Ergebnis als das rationale Denken, es nutzt auch andere Nervenbahnen.

Westen ist überzeugt, dass diese Erkenntnisse nicht nur für Politiker gelten, sondern auch für Menschen mit ideologischen Scheuklappen. Das motivierte Denken soll nicht nur zu einem plausiblen Ergebnis, sondern auch zu einem guten Gefühl dabei führen, erklärt der Psychologe. Negative Emotionen werden daher „ herunterreguliert“, und die motivierte Entscheidung aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn. „Das schützt das Selbstwertgefühl und gibt dem Menschen Sicherheit“, vermutet Blagov.

Werden Politiker also mit Informationen konfrontiert, die ihre persönliche Überzeugung in Frage stellen, überdenken sie die Fakten anscheinend nicht, sondern reden sie sich unbewusst schön. Positiv betrachtet zeigt die Studie immerhin, dass Stoiber, Bush und Co, wenn schon nicht mit dem Kopf, so doch mit dem Herzen bei der Sache sind. ■

Julja Koch

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Ma|zur|ka  〈[–zur–] f.; –, –s od. –zur|ken [–zur–]; Mus.〉 polnischer Nationaltanz im 3/4–Takt; oV Masurka ... mehr

Ex|an|them  〈n. 11; Med.〉 Hautausschlag [<grch. exanthema ... mehr

Xe|ro|phi|lie  〈f. 19; unz.; Bot.〉 Vorliebe für trockene Standorte (von Pflanzen) [<grch. xeros ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige