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Mit den Ohren sieht man besser

Wie jemand ein Gesicht wahrnimmt, hängt auch davon ab, mit welchem Ohr er gerade welche Musik hört.

Beim Durchblättern dieser Ausgabe von bild der wissenschaft sind Ihnen viele Gesichter begegnet: angefangen mit dem Chefredakteur, über verschiedene Wissenschaftler, Autoren und Werbefiguren. Manche der Porträts fanden Sie auf Anhieb sympathisch, offen, freundlich und attraktiv, andere weniger. Sind Sie sicher, dass Sie sich auf Ihr – über das Auge gewonnene – Urteil wirklich verlassen können?

Prof. Reinhard Leichner vom Institut für Psychologie der Technischen Universität Darmstadt hat jetzt ein verblüffendes Sinnesorgan für die Beurteilung eines Menschen gefunden – das Ohr. Normalerweise hängt es von psychologischen Faktoren ab, ob uns das Gesicht eines Menschen gefällt: Vom Aussehen und von der Ausstrahlung des Porträtierten, seinem emotionalen Ausdruck und der Stimmung, die sein Bild in uns auslöst. Auch der persönliche Geschmack entscheidet, ob wir jemanden sympathisch finden oder eher negativ einordnen.

Der Leiter der Arbeitsgruppe Psychologische Diagnostik in Darmstadt ist jetzt noch weiteren Einflussfaktoren auf der Spur: In einem Laborexperiment beobachtete er, dass die Beurteilung von Gesichtern auch von rein biologischen Bedingungen beeinflusst wird – nämlich davon, ob und mit welchem Ohr wir gerade Musik hören.

Leichner ließ 96 weibliche und männliche Studenten nach Herzenslust tun, was man in ihrem Alter gerne tut: Musik hören und Fotos von anderen Menschen anschauen. Dabei beschallte er über einen Kopfhörer entweder beide Ohren der Probanden oder nur das rechte oder nur das linke sowohl mit fließenden Musikstücken, etwa einem Violinkonzert, als auch mit schnellen rhythmischen Melodien, etwa einem lebhaften Allegro. Eine Kontrollgruppe von 16 Studenten betrachtete die Bilder in aller Stille.

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Anschließend mussten die Probanden die Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf Sympathie- und Attraktivitätsskalen bewerten. Das Ergebnis: Die Urteile fielen am positivsten aus, wenn die Probanden nur mit dem rechten Ohr Musik hörten. Lauschten sie mit dem linken oder mit beiden Ohren, fanden sie die Personen deutlich unsympathischer. Die Bewertungen der musikfreien Kontrollgruppe lagen etwa in der Mitte.

Offensichtlich beurteilt unser Wahrnehmungsapparat das Aussehen eines anderen Menschen umso gnädiger, je ausgewogener beide Hirnhälften beschäftigt sind, folgert Leichner aus den Ergebnissen.

Werden Porträts unbekannter Personen betrachtet, ist bei Rechtshändern (Linkshänder wurden nicht untersucht) vor allem die rechte Gehirnhälfte tätig. Wird die linke Hemisphäre durch Musik über das rechte Ohr zusätzlich angeregt, sind beide Hirnteile gleichmäßig beschäftigt – das sorgt dann für eher positive Beurteilungen der Abgebildeten.

Beschäftigt man dagegen die rechte Hirnhälfte zusätzlich zur Bildverarbeitung auch noch mit Musik über das linke Ohr, ist das Denkorgan offensichtlich überlastet – es reagiert unwirsch und bewertet die Porträtierten eher als unsympathisch, misstrauisch, unfreundlich, lieblos, aggressiv und verschlossen.

Ähnliche Reaktionen beobachtete Leichner, wenn er seine Probanden beid-ohrig berieselte, weil auch dabei die rechte Hirnhälfte stärker belastet wird als die linke. Die schnöde Biologie der grauen Zellen schlägt also unserem vermeintlich sicheren ästhetischen Urteilsvermögen ein Schnippchen.

Die Hirnforschung weiß, dass die Doppelbelastung einer Hirnseite – etwa durch zwei ähnliche, gleichzeitig zu lösende Aufgaben – die Leistung mindert. Je ausgewogener dagegen die Beschäftigung ist, umso effizienter arbeitet das Gehirn. Leichner hatte schon in früheren Studien nachgewiesen, dass Musik unter bestimmten Bedingungen positive Emotionen auslöst: Sie wird als ästhetisch und emotionalisierend wahrgenommen, wenn beide Hirnhemisphären gleichmäßig aktiviert werden.

Ein und dasselbe Musikstück beurteilen wir unterschiedlich, je nachdem, ob wir es mit dem rechten oder dem linken Ohr hören. „ Schon geringe Belastungsdifferenzen reichen aus, um die Wahrnehmung zu verändern“, resümiert Reinhard Leichner.

Ein ähnliches Phänomen entdeckte der Darmstädter Psychologe, als er Versuchspersonen Gemälde betrachten ließ: „Die Gemälde erzeugen einen emotionalisierenden und ästhetischen Eindruck, wenn beim Betrachten beide Hemisphären gleichmäßig aktiviert sind.“ Leichner vermutet, dass dies nicht nur bei Fotos und Gemälden wirkt, sondern auch bei Begegnungen im Alltagsleben.

Und noch ein erstaunliches Ergebnis förderten Leichners Versuche zutage: Der „Hemisphärenasymmetrie-Effekt“ ist bei weiblichen Porträts ausgeprägter als bei männlichen. Auch die Musikart scheint eine Rolle zu spielen.

• Betrachteten die Probanden weibliche Konterfeis bei weicher fließender Musik, erschienen ihnen die Abgebildeten noch attraktiver als sowieso schon.

• Bei männlichen Bilder dagegen stiegen die Sympathiewerte mit schneller rhythmischer Musik im Ohr. Umrahmt von fließender Musik erschienen die Männer deutlich weniger anziehend. Dieser Effekt ist mit gängigen Geschlechter-Klischees zu erklären. Filmregisseure nutzen ihn seit Jahren, indem sie die Großaufnahmen ihrer Heldinnen mit weichen, fließenden Klängen umrahmen, während männliche Filmhelden eher auf schnellen, rhythmischen Klangteppichen stehen. Könnte man die Zuschauer im Kino nun auch noch einohrig beschallen, wären die Hauptdarsteller überirdisch attraktiv.

Auf den ersten Blick wirkt dieser Forschungszweig wie ein Anwärter auf den Ig-Nobel-Preis, der alljährlich für Untersuchungen von zweifelhaftem Nutzen vergeben wird – etwa für eine schwedische Studie, der zufolge sich Hühner zu schönen Menschen mehr hingezogen fühlen als zu hässlichen. Einen direkten Nutzen seiner Experimente sieht Leichner selbst auch noch nicht. Seine Grundlagenforschung soll die generellen Bedingungen ästhetischen Erlebens und Urteilens aufdecken. „Die praktische Anwendungsmöglichkeit ist gering. So müsste ich mich, um von einer anderen Person als sympathisch und attraktiv beurteilt zu werden, so positionieren, dass die andere Person mich betrachten kann und ihr gleichzeitig rhythmische Musik ins rechte Ohr eingespielt wird.“

Die Inhaber von Partner-Vermittlungen sollten aufhorchen. Denn ein manipulierter Kopfhörer für Kunden, die gerade die Kandidaten-Kartei durchsehen, könnte für eine höhere Quote an Wunschpartnern sorgen. Etwas Musik in das rechte Ohr eingespielt – und schon schnellen die Vermittlungszahlen nach oben.

Denn: Das Wesentliche bei der Menschenbeurteilung ist für Augen und Herzen unsichtbar – man sieht nur mit den Ohren gut. ■

Eva Tenzer

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li|e|nal  〈[lie–] Adj.; Med.〉 zur Milz gehörig, von ihr ausgehend [→ Lien ... mehr

La|ven|del  〈[–vn–] m. 5; unz.; Bot.〉 Angehöriger einer Gattung von Lippenblütlern, dessen Blüten (Flores Lavandulae) zur Gewinnung eines in der Parfümindustrie gebrauchten ätherischen Öles benutzt werden: Lavandula; Sy Speik ( ... mehr

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