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Gesellschaft+Psychologie

Schon Kleinkinder durchschauen Machtgefüge

Gute Beobachter: Schon Kleinkinder können zwischen respektierten Anführern und fiesen Mobbern unterscheiden. (Foto: Gradyreese/ istock)

Der eine wird ehrlich respektiert – dem anderen lediglich aus Furcht gehorcht: Anführer sozialer Gruppierungen können aus ganz unterschiedlichen Gründen Einfluss ausüben. Das wissen nicht nur Erwachsene, wie eine Studie nun zeigt. Demnach durchschauen offenbar schon Kleinkinder, dass Macht sowohl auf Respekt als auch auf Angst basiert sein kann. Sie können zwischen echten Führungspersonen und fiesen Mobbern unterscheiden – und beurteilen, wie andere auf solche Typen reagieren.

Ob Freundeskreis oder Arbeitsumfeld: Es gibt wohl kaum eine soziale Gruppierung, die ohne hierarchische Strukturen auskommt. Fast immer lassen sich ein oder mehrere Anführer ausmachen – Menschen, die den Ton angeben und den anderen sagen, wo es langgeht. Erstaunlicherweise können schon Kleinkinder solche Machtunterschiede instinktiv erkennen. So reagieren sie beispielsweise irritiert, wenn ein zuvor als dominant eingeführtes Individuum plötzlich gegenüber einer sozial schwächeren Person zurückstecken muss. „Unklar war bisher allerdings, ob Kinder auch die Fähigkeit besitzen, die Grundlagen derartiger Machtstrukturen auszumachen“, sagt Renee Baillargeon von der University of Illinois in Urbana-Champaign.

Respekt oder Angst?

Erkennen sie, ob eine Person Macht hat, weil andere sie ehrlich respektieren und ihre Führungsrolle anerkennen – oder ob ihr Einfluss lediglich auf Einschüchterung und Angst basiert, wie es typischerweise bei Mobbing der Fall ist? Um dies zu überprüfen, stellten Baillargeon und seine Kollegen um Erstautor Francesco Margoni von der Universität Triest 96 Kleinkinder auf die Probe. Im Experiment bekamen die rund 21 Monate alten Probanden eine Reihe von Animationsfilmen gezeigt. Dabei interagierten die Protagonisten entweder mit einem respektierten Anführer oder einem fiesen Mobber. Nachdem die Kinder diese Figuren kennengelernt hatten, folgte der entscheidende Test: Sie sahen eine Szene, in der die Figuren dem Anführer oder dem Mobber zunächst gehorchten. „Dann jedoch verließ diese Figur die Szenerie“, erklärt Baillargeon. „Die Protagonisten führten deren Befehle daraufhin entweder weiter aus – oder sie fügten sich nicht mehr.“

Wie würden die Kinder auf die unterschiedlichen Verhaltensweisen reagieren? Dies verriet die Länge ihres Blicks: Der gängigen Lehrmeinung nach betrachten Babys und Kleinkinder Dinge länger, die sie als ungewöhnlich empfinden. Die Auswertung zeigte: Die jungen Studienteilnehmer bewerteten die Situationen offenbar schon ähnlich wie Erwachsene es tun würden. „Verließ der respektierte Anführer die Szene, erwarteten sie, dass dessen Anweisungen weiterhin Folge geleistet wird“, berichtet Baillargeon. Demnach schauten sie signifikant länger auf den Bildschirm, wenn die Figuren in Abwesenheit der Führungsperson plötzlich machten, was sie wollten.

Andere Erwartung

Ganz anders verhielt es sich bei der Mobber-Figur: Egal ob die Protagonisten weiter gehorchten oder nicht – in beiden Fällen schauten die Kinder ähnlich lange hin. Die Wissenschaftler werten dies als ein Zeichen dafür, dass die Kinder beide Varianten für plausibel hielten. „Die Figuren könnten aus Angst weiter gehorchen. Sie könnten aber auch damit aufhören, weil der Mobber weg ist und sie nichts mehr zu befürchten haben“, erläutert Baillargeon. Solange der Mobber zugegen war, erwarteten die Kinder dagegen immer Gehorsam von den sozial Schwächeren, wie das Team berichtet. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kinder in ihrem zweiten Lebensjahr bereits zwischen echten Anführern und Mobbern differenzieren können“, schließt der Baillargeon. Schon die Kleinsten sind demnach in der Lage dazu, respekt- von angstbasierten Machtstrukturen zu unterscheiden.

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Quelle: Francesco Margoni (Universität Trient, Italien) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1801677115

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