Schulstreik: Nur Schwänzen im Sinn? - wissenschaft.de
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Schulstreik: Nur Schwänzen im Sinn?

Auch Regenwetter nahmen die jungen Demonstranten in Kauf. (Bild: Universität Konstanz)

Demos statt Schule: Sie schreiben sich Umwelt- und Klimaschutz auf die Fahnen – doch was motiviert Schüler tatsächlich zu den umstrittenen „Fridays for Future“-Schulstreiks? Soziologen haben sich nun durch eine Umfrage bei Demonstranten in Konstanz einen Eindruck verschafft. Dass es den jungen Leuten eigentlich nur ums Schuleschwänzen geht, wie oft kritisiert wird, zeichnet sich den Forschern zufolge nicht ab. Die große Mehrheit ist tatsächlich idealistisch motiviert und auch bereit, Strafen wie Nachsitzen in Kauf zu nehmen, so das Fazit.

Die mittlerweile 16-jährige schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg hat den Stein ins Rollen gebracht: Statt am Freitag in die Schule zu gehen, demonstrierte sie im August 2018 für den Klimaschutz vor dem schwedischen Reichstagsgebäude in Stockholm. Ihrem Vorbild folgten anschließend immer mehr Schüler – mittlerweile ist eine globale Bewegung entstanden, die auch Deutschland stark erfasst hat: Zu Tausenden gehen Schüler in vielen Städten auf die Straße, um für Nachhaltigkeit und einen anderen Umgang mit dem Klimawandel zu demonstrieren. Das unerlaubte Fernbleiben vom Unterricht sei dabei ein gezieltes Mittel, um für Aufmerksamkeit zu sorgen, heißt es.

Doch was geht tatsächlich in den jungen Teilnehmern vor? Wissenschaftlich fundiert konnte dazu bisher kaum jemand etwas sagen – Einschätzungen und Empfehlungen von Experten fehlten weitgehend. Doch nun melden sich die Soziologen um Sebastian Koosvon der Universität Konstanz zu Wort. Im Rahmen eines laufenden Forschungsprojekts haben sie sich dem aktuellen Thema gewidmet. Sie untersuchen bereits seit einiger Zeit, warum sich Menschen für Nachhaltigkeit engagieren. Dazu erstellen die Wissenschaftler gemeinsam mit Studenten und Schülern Umfragen zur Untersuchung des Engagements für Nachhaltigkeit unter jungen Menschen.

Befragung auf der Demo

„Dann nahm die Fridays-for-Future-Bewegung Fahrt auf“, sagt Koos. „Der geht es genau um die Dinge, die wir untersuchen wollen. Also haben wir beschlossen, die Schüler direkt während eines Streiks zu befragen.“ Es handelte sich um eine Kundgebung am 15. März 2019: Etwa 2000 Schüler und Studierende gingen in der Konstanzer Innenstadt auf die Straße. 145 Demonstranten nahmen an der Studie teil. Etwa jeder zehnte wurde für die Teilnahme an der Befragung angesprochen.

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„Die üblichen kleinen Belohnungen für ausgefüllte Fragebögen haben wir gar nicht gebraucht“, berichtet Franziska Lauth, die die Befragung mitkoordinierte. „Die Schüler waren froh, dass mal jemand nachhakt und wirklich fundiert wissen will, um was es geht“, sagt Lauth. Wie die Forscher berichten, geht aus ihren Ergebnissen hervor: Die große Mehrheit der Demonstrierenden ist tatsächlich engagiert und gut informiert. Auch dem häufig genannten Vorwurf, die gute Sache sei nur ein Deckmantel fürs Schuleschwänzen, widerspricht das Befragungsergebnis eindeutig. Die große Mehrheit (83 Prozent) verpasste tatsächlich Unterricht und in fast der Hälfte der Fälle hatte die Schule ein Teilnahmeverbot ausgesprochen. Die Schüler zeigten sich allerdings bereit, Sanktionen wie Nachsitzen in Kauf zu nehmen, mit denen mehr als ein Drittel der Befragten durchaus rechnete. Nur jeder Zehnte gab an, dass die Aktion auch eine gute Gelegenheit zum Schwänzen sei.

Greta Thunberg lieferte den Zündfunken

Koos sieht die Ergebnisse auch durchaus im Einklang mit seinen bisherigen Erfahrungen: „Das Fundament ist da – Schüler sind heute gut informiert, an Nachhaltigkeitsthemen interessiert und über den Zustand der Welt empört. Ein großer Teil der Befragten sagt, sie hätten sich auch schon vor Beginn der Bewegung mit dem Klimawandel auseinandergesetzt. Viele waren bereits politisch engagiert, hatten etwa schon an einer Demonstration oder Petition teilgenommen“. Auf dieser Basis konnte der „Greta-Effekt“ dann zu einem so großen Erfolg werden. „Außerdem bekommen die jungen Leute viel Rückendeckung von ihren Eltern und trotz offizieller Verbote sogar von zahlreichen Lehrern. Unsere Umfrage zeigt, dass die Mobilisierung vor allem in der Schule (45 Prozent), über Freunde (60 Prozent) und über Aufrufe in sozialen Netzwerken (75 Prozent) geschieht“, berichtet Koos.

Die Wissenschaftler hoffen, dass sie mit ihren Umfragen nun einen Beitrag zur Klärung der Hintergründe der Demonstrationen leisten können und zu einer Versachlichung der Debatte. Viele sind begeistert, dass sich endlich etwas tut und die Bewegung erhält immer mehr Anhänger: Am 29. März wollen die meisten der Befragten wieder auf die Straße gehen – unterstützt von immer mehr Eltern, Lehrern und Wissenschaftlern. Und Konstanz ist dabei nur eine unter vielen Städten weltweit, in denen sich engagierten Menschen nun rühren.

Ergebnisse der Befragung im Detail: https://www.polver.uni-konstanz.de/typo3temp/secure_downloads/76022/0/58a250fdca…

Quelle: Universität Konstanz 

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