Schultests: Auf das Wann kommt es an - wissenschaft.de
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Gesellschaft+Psychologie

Schultests: Auf das Wann kommt es an

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Wie gut Schulkinder in standardisierten Tests abschneiden, hängt auch von der Tageszeit ab (Foto: Tatiana Belova/ iStock)
Ob PISA, nationale Bildungstests oder normale Klausuren: Wenn es darum geht, die Leistungen von Schulkindern zu bewerten, spielen Tests eine wichtige Rolle. Doch wie sich jetzt zeigt, spielt der Zeitpunkt, zu dem solche Tests gemacht werden, eine wichtigere Rolle als angenommen. Denn mit jeder Stunde später im Schulalltag sinken die Leistungen der Schüler durch geistige Ermüdung messbar ab. Umgekehrt kann schon eine größere Pause unmittelbar vor dem Test den Schnitt deutlich erhöhen.

„Standardisierte Tests mit gleicher Schwierigkeit und identischen Beurteilungs-Maßstäben werden als die fairste und objektivste Methode propagiert, um zu ermitteln, wie gut die Lernfortschritte von Schülern sind“, sagen Hans Henrik Sievertsen vom nationalen dänischen Zentrum für Sozialforschung in Kopenhagen und seine Kollegen. Meist werden die Fragen für solche Tests zentral entworfen und Schulklassen absolvieren die Tests online, beispielsweise im Computerraum der Schule. Je nach Stundenplan und Verfügbarkeit des Raumes kann die Tageszeit, zu der ein solcher Test stattfindet, allerdings variieren – und genau hier vermuteten die Forscher ein Problem. „Die Tageszeit könnte das Abschneiden der Schulkinder beeinflussen, weil sich ihre mentalen Ressourcen im Laufe des Schultages erschöpfen“, so ihre Befürchtung.

Um ihre Hypothese zu überprüfen, analysierten die Wissenschaftler die Ergebnisse eines seit 2010 jährlich in Dänemarks Schulen durchgeführten Einstufungstests. Dieser Test umfasst Aufgaben aus dem Bereich des Lesens, der Mathematik und mehrerer Naturwissenschaften und wird zwischen Januar und April an allen Schulen online durchgeführt. Für ihre Studie analysierten Sievertsen und seine Kollegen mehr als zwei Millionen Testergebnisse von gut 570.000 Schulkindern im Alter von acht bis 15 Jahren in 2.105 Schulen. Sie untersuchten dabei, inwieweit die Tageszeit, zu der der Test absolviert wurde und die Lage der letzten größeren Pause im Schulalltag die Leistungen der Schulkinder beeinflusste. Dabei berücksichtigten sie auch andere Einflussfaktoren wie Geschlecht, Einkommen der Eltern oder Wochentag.

Tageszeit und Pausen beeinflussen Testergebnis

Und tatsächlich: Die Auswertung ergab einen deutlichen Effekt der Tageszeit auf die Leistungen der Schulkinder. „Für jede Stunde später am Tag sanken die Testergebnisse um 0,9 Prozent der Standardabweichung“, berichten die Forscher. Dies entspreche dem Effekt eines um tausend US-Dollar niedrigeren Familieneinkommens oder zehn Tagen weniger Schulunterricht. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei ohnehin schlechteren Schülern. Nach Ansicht der Wissenschaftler spricht dies dafür, dass die Kinder im Laufe des Schultages geistig ermüden und daher mehr Schwierigkeiten mit den Aufgaben haben. Hinweise auf eine solche kognitive Ermüdung durch anhaltende geistige Aktivität habe man auch schon in andere Zusammenhängen gefunden, wie sie betonen. So verschreiben Ärzte beispielsweise gegen Ende ihrer Sprechzeiten mehr unnötige Antibiotika, Richter neigen dazu, Argumente von Gefangenen zu ignorieren und Verbraucher lassen sich später am Tag eher von Werbung beeinflussen.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Schon eine längere Pause von 20 bis 30 Minuten vor einem Test kann die Leistungen der Kinder wieder signifikant verbessern: Lag der Test direkt nach einer der großen Pausen, schnitten die Kinder im Durchschnitt um 1,7 Prozent der Standardabweichung besser ab, wie die Auswertung ergab.  „Damit sind die Verbesserungen durch eine Pause unmittelbar vor einem Test größer als die Einbußen durch die fortschreitende Tageszeit“, betonen Sievertsen und seine Kollegen. Ihrer Meinung nach ist es daher enorm wichtig, solche standardisierten Tests in die Schulstunden nach einer größeren Pause zu legen – sonst sind die Bedingungen für die Schüler nicht mehr gleich und damit auch nicht mehr ohne Weiteres vergleichbar. Alternativ müsste das Ergebnis solcher Tests um die entsprechenden Faktoren nach oben oder unten korrigiert werden um aussagekräftig zu sein. „Aber dieser Ansatz dürfte nicht immer machbar sein“, so die Forscher. Generell plädieren sie dafür, dass im Schulalltag mehr Rücksicht auf den realen Effekt der kognitiven Ermüdung genommen wird.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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