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Gesellschaft+Psychologie

Sensation Seeking: Von Suchenden und Uninteressierten

Bungee Jumping
Jeder Mensch sucht seine Stimuli. Der eine durch Action, der andere durch persönliche Erfahrungen. Zu eruieren, wer zu was neigt, ist Sensation Seeking. (Foto: pixabay.com, bungeeinternational)
Warum springen Menschen aus Flugzeugen, wo anderen schon das Fahren bei Tempolimit für aufregende Momente genügt? Warum würden manche tausend Euro investieren, um nur zehn zu gewinnen? Die Antwort ist ein tiefverwurzeltes Persönlichkeitsmerkmal.

Jeder Mensch dürfte eine solche Person in ihrem Bekanntenkreis haben. Es sind die Charaktere, die an keinem Glücksspielautomat vorbeigehen können, ohne zumindest einen Euro in den Münzschlitz zu stecken, obwohl sie vielleicht noch nie etwas gewonnen haben. Es sind Leute, bei denen der Urlaub erst dann Urlaub war, wenn es richtig viel Action und „etwas zu erleben“ gab. Und es sind Menschen, die noch aus dem partnerschaftlichen Entleeren der Spülmaschine einen Wettbewerb darum machen, wer als erstes fertig ist und die immer messen wollen, ob sie der stärkere Kontrahent sind.

Bekannt ist schon seit den Frühtagen des modernen Menschen, dass jeder einen anderen Schwerpunkt setzt, um seine Stimuli zu bekommen. Doch ihre wissenschaftliche Erforschung nimmt in diesem Zeitraum eine viel geringere Spanne ein.

Ansatz aus den USA

Das, was die Verhaltensforschung heute als Sensation Seeking breit akzeptiert hat, beruht auf den Arbeiten des Psychologen Marvin Zuckerman.

Er forschte seit den 1950ern im Bereich klinische Psychologie und dabei auf dem Schwerpunkt menschliche Persönlichkeit. Während seiner Arbeit am Norwich State Hospital in den USA war er im dortigen Institut für psychiatrische Forschung unter anderem damit beschäftigt, die damals längst noch nicht vollumfänglich verstandenen Faktoren menschlicher Persönlichkeitsausprägungen allgemein sowie speziell unter äußeren Einflüssen wie etwa sensorischer Deprivation zu untersuchen.

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Dazu gehörte es auch, dass er sich mit den Zuständen

  • Angst/Besorgnis (Anxiety)
  • Depression/Niedergeschlagenheit (Depression)
  • Feindseligkeit/offene Abneigung (Hostility)

befasste und darüber die sogenannte Multiple Affect Adjective Check List (MAACL) entwickelte.

Während dieser Arbeit und den damit zusammenhängenden Studien entdeckte er, dass es für jeden Menschen einen eigenen Punkt gibt, an dem all seine Erregungen ein optimales Level erreicht haben.

Zuckerman erkannte, dass jeder Mensch, basierend auf seiner Persönlichkeit, mehr oder weniger dazu neigt, in einem Zustand der Deprivation von stimulierenden Reizen nach solchen zu suchen.

Abflughalle eines Flughafens
ES-Suchende sind oftmals typische Weltenbummler, die immer wieder neue Kulturen erleben möchten. (Foto: pixabay.com, JESHOOTS-com)

Dies war in der damaligen Zeit auch insofern bedeutend, als dass man der Ansicht war, aus einem solchen Verhalten exakt vorhersagen zu können, wie sich Menschen in Isolation, sensorischer Deprivation usw. verhalten würden – etwas, das unter anderem für die damals beginnende Raumfahrt von höchstem Interesse für die Auswahl von Kandidaten schien.

Zuckerman entwickelte deshalb seine sogenannte Sensation Seeking Scale SSS (in seiner jüngsten Ausprägung SSS-V). Ein Test zu vier Faktoren, denen jeweils zehn anzukreuzende Fragen angegliedert waren:

  1. (TAS) Thrill and Adventure Seeking – Die Suche nach Adrenalin und echtem Nervenkitzel
  2. (ES) Experience Seeking – Die Suche nach Lebenserfahrungen, die über die bisherigen hinausgehen
  3. (DIS) Disinhibition Seeking – Die Suche nach „enthemmten“ sozialen Stimuli
  4. (BS) Boredom Susceptibility – die Fähigkeit, repetitive, monotone Dinge zu verrichten und die psychische Reaktion darauf

Dieser Test ist, wenig überarbeitet, auch heute noch ein Standardwerk der Psychologen und wird jährlich tausendfach verwendet.

Von der Lust nach Stimuli

Warum spielen tausende Menschen Lotto, obwohl selbst Lotterien mit den höchsten Gewinnwahrscheinlichkeiten eine Jackpotchance von 1 zu 8 Millionen haben?

Das liegt daran, dass sich jeder Mensch in eine der drei oben genannten Seeking-Kategorien des Tests einteilen lässt:

  • (TAS) Thrill and Adventure Suchende sind Menschen, die, um sich zu stimulieren, zu risikoreichen, zumindest gefühlt gefährlichen Aktivitäten greifen, die einen Adrenalinkick versprechen. Etwa Bungeespringen, Freeclimbing, aber auch Wettkämpfe, Glücksspiel etc.
  • (ES) Experience Suchende möchten diese Reize durch das Kennenlernen bisher unbekannter Faktoren erleben. Etwa andere Kulturen, das Erlernen oder Hören von Musik, bewusstseinserweiternde Drogen usw.
  • (DIS) Disinhibition Suchende neigen dazu, ihre Stimuli durch Verhalten am Rande bzw. jenseits sozial akzeptierter Normen zu finden. Etwa durch Feiern, exzessiver Konsum von Alkohol und/oder Drogen – aber immer in einem sozialen Kontext, der sich vom Konsum der Experience Seeking unterscheidet

Wer Lotto spielt (oder generell zu hohem Wettkampfverhalten neigt, gehört dabei eher zu den Thrill and Adventure Suchenden. Menschen mit Dauer-Fernweh sind Experience Suchende und wilde Partylöwen gehören zur Kategorie Disinhibition.

Wozu die Tests Verwendung finden

Wie bereits angemerkt ist die Sensation Seeking Scale nach wie vor eines der wichtigsten Schlüsselelemente zur Vorhersage von Verhaltenswahrscheinlichkeiten bei Menschen.

Britischer Soldat
Unter anderem ist der SSS-V Test im Militär notwendig, um spezielle Posten mit geeigneten Kandidaten zu besetzen. (Foto: pixabay.com, skeeze)

Tatsächlich ist sie damit für eine Vielzahl von Anwendungen prädestiniert – die folgende Punkte sind nur Auszüge.

  • Häufig wird die SSS-V dazu verwendet, um zu bestimmen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit in einer bestimmten Gruppe von Menschen ist, dass diese zu übermäßigem Alkoholkonsum neigen. Dies war unter anderem bei einer großangelegten Studie in Lateinamerika der Fall
  • Ebenfalls Anwendung findet SSS-V auf dem Gebiet von Werbung und Marketing, um eine genaue Zielgruppenansprache für das jeweilige Produkt zu kreieren und so Streuverluste, die durch Bewerben bei nicht relevanten Personen entstehen, zu verringern
  • Ein enorm wichtiger Faktor obliegt SSS-V im militärischen Bereich, um die Frage zu klären, wie risikoreich Individuen unter Druck handeln würden, um ein militärisches Ziel zu erlangen. Dabei kam unter anderem zum Beispiel heraus, dass Bombenentschärfer auf der TAS-Skala weitaus geringere Werte erhalten als Soldaten, die direkt in Anti-Terror-Missionen eingesetzt werden.

Prinzipiell ist SSS-V vor allem deshalb ein so wichtiges Werkzeug, weil es in vielen Situationen problemlos ermöglicht, Positionen mit dazu passenden Kandidaten zu besetzen.

08.05.2019

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