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Gesellschaft+Psychologie

SPITZENSPORT MIT LINKS

Linkshänder oder Linksfüßer wie Arjen Robben (ganz links) sind im Vorteil, fand der Sportpsychologe Norbert Hagemann heraus: Sie sind für ihre Gegner schlechter einschätzbar.

„ZWEI LINKE HÄNDE HABEN“, „mit dem linken Fuß aufstehen“, „ jemanden links liegen lassen“: Solche Redewendungen zeigen, wie negativ „links“ im Volksmund besetzt ist. Der mittelalterliche Volksglaube verknüpfte das harmlose Orientierungswort mit Unglück und Teufel. Und noch Mitte des 20. Jahrhundert wurden Generationen von Kindern gezwungen, trotz angeborener Dominanz der linken Hand die schwache Rechte zu benutzen. Dabei kann die Umerziehung großen Schaden anrichten, wie Johanna Barbara Sattler – Leiterin der „Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder“ in München – in den 1980er-Jahren nachgewiesen hat: „Im Gehirn entwickeln sich Verschaltungen, die eine unnötige Doppelbelastung nach sich ziehen“, erklärt die Psychologin.

Als Konsequenz drohen den Umerzogenen schnelle Ermüdung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Minderwertigkeitsgefühle, Legasthenie. Dies haben seit Sattlers Pionierarbeit weitere Erkenntnisse aus der Linkshänderforschung bestätigt (ein Beispiel: bild der wissenschaft 5/2009, „Zaghafte Linkshänder“). Doch keines dieser neuen Forschungsergebnisse ist verblüffender als dies: Linkshänder „umzupolen“ belastet die geplagten Jugendlichen nicht nur, sondern nimmt ihnen obendrein eine attraktive Chance: Spitzensportler zu werden.

Unter erfolgreichen Top-Athleten in Boxen, Tennis, Handball, Badminton und Fechten sind Linkshänder überdurchschnittlich stark vertreten – bei den Fechtern beispielsweise, je nach Studie, zu 30 bis 40 Prozent (Bevölkerungsdurchschnitt: 10 bis 13 Prozent). Fußballer machen keine Ausnahme, da sich die Dominanz der rechten Gehirnhälfte außer durch Linkshändigkeit auch durch die Bevorzugung des linken Fußes ausdrückt. Der gemeinsame Nenner in all diesen Wettkampfdisziplinen: Rechtshänder sind irritiert, wenn sie bei ihrem Gegner den spiegelbildlichen Bewegungsablauf wahrnehmen. „Sie müssen ihre an rechtshändige Gegner gewöhnten taktischen Handlungsstrategien umstellen – davon profitieren die Linkshänder“, erklärt Norbert Hagemann.

Der Kasseler Professor für Sportpsychologie hat das 2009 anhand von Testreihen belegt. Dabei präsentierte er Probanden Videosequenzen von Tennisspielen. Jedes Mal, wenn der Ball den Schläger berührte, wurden die Filme gestoppt. Die Testpersonen mussten dann vorhersagen, wohin der Ball geschlagen wird. „ Besonders Spitzensportler erkennen in der Vorbereitungsphase eines Schlages an Bewegung und Körperhaltung, welche Richtung der Gegner anpeilt“, erläutert Hagemann. Stehen sie einem Rechtshänder gegenüber, können sie deutlich besser vorhersagen, wohin der Ball fliegt. Ein Linkshänder durchbricht den gewohnten Anblick, was ihn weniger berechenbar macht. „Auch beim Elfmeter im Fußball steht der Torwart einer größeren Herausforderung gegenüber, wenn der Schütze seinen linken Fuß benutzt“, erklärt der Forscher.

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Er und sein Team haben in den letzten beiden Jahren im Rahmen des Projekts „Lateralität im Sport“ die taktischen Zusammenhänge im Detail untersucht. Beispielsweise bei Ballwechseln im Tennis spielt der Rechtshänder aus Gewohnheit häufiger auf die vermeintlich schwache linke Seite des Gegners, was normalerweise einen Rückhandschlag nach sich zieht – doch wenn der Gegner ein Linkshänder ist, fällt der Ball auf dessen starke Vorhand.

Auch Sportmuffel unter den Linkshändern dürfen sich über einen Vorteil freuen: Nach Ergebnissen des US-Evolutionsbiologen Jared Diamond sind sie besser beim Tippen auf Tastaturen. Der Grund: a, e, r, s und t, die meistverwendeten Buchstaben, liegen auf der linken Tastaturhälfte. Theresa Klüber ■

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