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Gesellschaft+Psychologie

Teilen ist ansteckend

Gibst du mir was ab, geb ich dir was ab: Unsere Bereitschaft zu teilen hängt entscheidend von unseren Mitmenschen ab. (Foto: PIXEL/ istock)

Kooperation und Hilfsbereitschaft sind wichtige Grundpfeiler unseres sozialen Zusammenlebens. Warum aber teilen wir – und was beeinflusst unsere Kooperationsbereitschaft? Forscher haben nun eine interessante Antwort darauf gefunden. Demnach ist der Wille mit anderen zu teilen nicht nur eine Frage des Charakters, wie man vermuten könnte. Stattdessen hängt die Großzügigkeit des Einzelnen entscheidend von einem anderen Aspekt ab: wie sich die Mitmenschen verhalten.

Wir Menschen sind ungewöhnlich soziale Wesen: Ob wir unser Essen mit anderen teilen, dem Kellner Trinkgeld geben oder Blut für Fremde spenden – sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen ist im Laufe unserer Evolution selbstverständlich für uns geworden. Dabei ist diese Art des sozialen Verhaltens ein durchaus riskantes Geschäft: Wir laufen fortwährend Gefahr, womöglich ausgenutzt zu werden. Warum also teilen wir und wovon hängt es ab, wie gerne und wie häufig wir dies tun? Um dieser viel diskutierten Frage auf den Grund zu gehen, haben Wissenschaftler um Coren Apicella von der University of Pennsylvania in Philadelphia ein Experiment mit den Hadza in Tansania durchgeführt – einem der letzten nomadischen Jäger-und-Sammler-Völker der Welt. „Die Hadza leben ähnlich wie unsere Vorfahren vor Millionen von Jahren. Sie können uns daher Hinweise darauf liefern, wie sich kooperatives Verhalten bei unserer Spezies entwickelt hat“ erklärt Apicellas Kollege Ibrahim Mabulla.

Keine Frage des Charakters

Die Hadza leben traditionell in Gruppen zusammen, die sich alle sechs bis acht Wochen neu zusammenfinden. Sie müssen in diesen Camps demnach immer wieder mit neuen Personenkonstellationen zurechtkommen. Wie wirkt sich das auf ihre Kooperationsbereitschaft aus? Für ihre Studie besuchten die Forscher zwischen 2010 und 2016 56 Camps und ließen dabei insgesamt rund 400 erwachsene Hadza ein sogenanntes Öffentliche-Güter-Spiel spielen. Jedes Gruppenmitglied bekam zu Beginn vier mit Honig gefüllte Strohhalme – eine besondere Leckerei. Diese durften sie für sich behalten oder der Allgemeinheit spenden. Dabei galt: Alles, was im öffentlichen Spendentopf landete, wurde verdreifacht und dann gerecht unter allen Campmitgliedern verteilt – unabhängig davon, wie viel der Einzelne zuvor gegeben hatte.

Es zeigte sich: In manchen Gruppen war die Bereitschaft zu teilen hoch und in anderen eher niedrig. Dies lag aber nicht etwa daran, dass sich in bestimmten Camps charakterlich besonders soziale Menschen zusammenfanden. Denn die Kooperationsbereitschaft des Einzelnen hing keineswegs nur von seinem persönlichen Charakter ab, wie die Wissenschaftler berichten. So stellten sie fest: Wie sich ein Hadza in einer Gruppe verhielt, sagte rein gar nichts über sein zukünftiges Verhalten in einem neuen Camp aus. Stattdessen schienen die Hadza ihre Kooperationsbereitschaft flexibel anzupassen – und zwar abhängig davon, wie viel in der jeweiligen Gruppe insgesamt geteilt wurde. Demnach ließen sie sich von lokalen Normen und Gepflogenheiten leiten.

Mitmenschen sind entscheidend

„Wir waren überrascht, dass der Hang zu teilen nicht individuell stabil war, sondern sich die Leute von ihren Mitmenschen beeinflussen ließen“, sagt Apicella. Diese Ergebnisse unterstreichen nach Ansicht der Forscher, wie flexibel sich der Mensch an unterschiedliche soziale Umgebungen anpassen kann – und sie geben Grund zu Optimismus: „Menschen können sich verändern. So etwas wie grundsätzlich böse und grundsätzlich gute Typen gibt es in Sachen Kooperation nicht“, betont Apicella. „Wer großzügig ist, kann andere dazu bringen, ebenfalls großzügig zu sein. Großzügigkeit ist ansteckend.“

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Quelle: Coren Apicella (University of Pennsylvania, Philadelphia) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2018.07.064

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