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Gesellschaft+Psychologie

trugbilder aus der trendschmiede

Ob Konsumverhalten, Management oder Sex – es gibt nichts, worüber sich Zukunfts- und Trendforscher nicht äußern. Doch hinter ihren Prognosen steckt oft nur der eigene Profit, ist der Sozialwissenschaftler Holger Rust überzeugt.

„Die LOHAS kommen!“ Davon sind die Trendforscher vom Zukunftsinstitut in Kelkheim überzeugt. Jeder dritte Konsument soll zu dieser Gruppe von Menschen gehören, stellten sie 2007 in einem Bericht fest und sagten voraus, „dass es mittelfristig die Hälfte der Bevölkerung sein wird“. Das Kürzel LOHAS steht für „ Lifestyle of Health and Sustainability“ – beschreibt also einen Lebensstil, der sich an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientiert. Es geht um Menschen, die auf gesunde Ernährung Wert legen, einen sportlichen Ausgleich zur Arbeit suchen und darauf achten, möglichst umweltschonend zu reisen – wofür sie auch viel Geld ausgeben. Ein „Ageless-Phänomen“ erkennen die Trendforscher um Matthias Horx, Gründer und Leiter des Zukunftsinstituts, in dieser Lebenseinstellung: Sie finde sich gleichermaßen bei jungen wie bei alten Menschen.

Trendreports, die das Verhalten der Menschen analysieren, in Kategorien einteilen und daraus Prognosen für künftige Einstellungen und Abläufe des Alltags ableiten, haben seit Jahren Hochkonjunktur. Die Ergebnisse der Studien sorgen für Schlagzeilen in Zeitungen und Zeitschriften und finden ihr Publikum in Fernsehmagazinen. Schillernde Persönlichkeiten unter den Trendforschern wie der ehemalige Journalist Matthias Horx sind regelmäßige Gäste in Talkshows, auf Kongressen und bei Unternehmens-Events. Die LOHAS sind ein typisches Beispiel dafür, wie die Verkünder der vorgeblichen Zukunft ihre Vorhersagen medienwirksam aufbereiten und präsentieren: mit abenteuerlichen Wortschöpfungen, locker über die Zunge gehenden Kurzbegriffen und schnittigen, englisch klingenden Phrasen.

So machten die Kelkheimer Forscher die Öffentlichkeit in diesem Frühjahr mit der „silbernen Revolution“ bekannt – einem „ Megatrend Alter, der Wirtschaft und Gesellschaft verändert“. Ein halbes Jahr zuvor hatten sie das Einkaufsverhalten der Menschen unter die Lupe genommen und aus ihren Beobachtungen vier „ Shopping-Szenarien“ der Zukunft entwickelt. Dafür schufen die findigen Trendforscher die Schlagwörter „Spaces of Identity“, „ Neo-Noblesse“, „Stand-up-Consumer“ und „Social-Shopping“, die für unterschiedliche Grundmuster des Konsumverhaltens von morgen stehen sollen.

GOURMETS IN DEN BETTEN

Auf die „Shopping-Szenarien“ folgten die „Sex-Styles 2010″. In dieser Studie berichteten die Trendforscher um Horx darüber, dass in immer mehr Beziehungen „Gourmet-Sex“ praktiziert werde – eine planvoll inszenierte Art von Sex, für die völlig neuartige „ Kulturtechniken“ eingesetzt würden. Bei renommierten Wissenschaftlern lösen solche Analysen und Ausblicke allenfalls Kopfschütteln aus. „Die kreativen Schöpfer neuer Wörter wecken Erwartungen, die die Zukunftsforschung nicht erfüllen kann“, sagt Kerstin Cuhls, Geschäftsfeldleiterin Vorausschau und Zukunftsforschung am Karlsruher Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI). Auch Holger Rust, Professor am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Hannover, kritisiert die „marktschreierische Publizität“, mit der die Trendforscher ihre als Zukunftsstudien deklarierten Erfindungen anpreisen. Diese Publizität steht in keinem Verhältnis zu den meist dürftigen Inhalten, urteilt der Wissenschaftler, der die zahlreichen Zukunftsreports aus Trendagenturen seit Jahren aus analytischer und wirtschaftpraktischer Perspektive verfolgt.

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METHODOLOGISCHE SCHARLATANE

„Meist triviale Befunde werden mit schmissigen Anglizismen verkauft“, fasst der Hannoveraner Soziologe zusammen. Es werde als Wissenschaft deklariert, was in Wirklichkeit nichts anderes sei als „methodologische Scharlatanerie“. Denn mit seriöser Wissenschaft hätten die Methoden, mit denen Studien wie die „ Shopping-Szenarien“ und die „Sex-Styles 2010″ zustande kommen, nichts zu tun. „Die meisten angeblichen Trends filtern die Mitarbeiter der Trendinstitute aus Zeitungen, Magazinen oder anderen Studien heraus, die sie regelmäßig, aber ohne konkrete Fragestellung durchstöbern“, rügt Rust. „Dazu kommen gelegentliche Befragungen von Menschen auf der Straße, die Zweitvermarktung von andernorts durchgeführten Projekten und anekdotische Beweisketten.“ Das heißt: Trends und Prognosen werden anhand von Beispielen glaubhaft gemacht, die wiederum durch nichts anderes als weitere Beispiele belegt werden. Rusts Vorwurf: „Die Trendforscher erfinden ihre eigenen Methoden, inszenieren sich selbst als universal gelehrte Gurus und brennen ein Feuerwerk an semantisch aufgeputzten Begriffen ab, um Kunden und Leser ihrer Studien zu beeindrucken.“

Dazu kommt: Die Ergebnisse der Studien seien meist das Produkt von Arbeiten, die im Auftrag von Unternehmen erstellt wurden. „ Die Zukunft ist ein großes Geschäft“, sagt Rust. „Verkäuflichkeit ist das Grundprinzip: Was der Markt an Prognosen abnimmt, wird wunschgemäß geliefert.“ So steckte hinter den „Sex-Styles 2010″ aus dem Zukunftsinstitut der Flensburger Sexartikel-Händler Beate Uhse – ein wirtschaftlich gebeuteltes Unternehmen, das eine Verkaufsförderung durch die passenden Trends nötig hat. Ein vom Global Future Forum (GFF) – einem britischen Trendinstitut – veröffentlichter Report über eine angeblich ausgeprägte Tendenz auf dem Arbeitsmarkt war vom Informationstechnik-Unternehmen Unisys in Auftrag gegeben worden. Der diagnostizierte „Trend“ ging zu immer mehr freien Mitarbeitern, die diversen Unternehmen ihre Dienste anbieten – und dazu auf Kommunikationsmöglichkeiten angewiesen sind, wie sie Unisys anbietet. „Die meisten Ergebnisse spiegeln die Interessen der Auftraggeber wider“, moniert Holger Rust. Die Studien würden schon im Hinblick auf ihren Effekt in der Öffentlichkeit und mit der Garantie verwertbarer Befunde konzipiert. „Dadurch verliert Forschung ihre Unabhängigkeit – und wird zum Marketing“, beklagt der Sozialwissenschaftler.

VIELE BEFUNDE SIND FALSCH

Entsprechend dürftig erscheinen viele der Prognosen. „Die Mehrzahl der vorgeblich wissenschaftlichen Befunde ist längst bekannt oder einfach nur trivial – und oft sogar falsch“, kritisiert Rust. Als Beispiel nennt er den vom GFF und anderen Trendforschern angekündigten Wandel der klassischen Industriebranche in eine weitgehend auf Dienstleistung und Wissen basierende neue Form der Gesellschaft. Die moderne Dienstleistungsgesellschaft, so die Analyse ihrer Protagonisten, sei gekennzeichnet durch „Portfolio-Worker“: Menschen, die an kein Unternehmen gebunden sind, sondern als selbstständige Serviceanbieter je nach Projekt für wechselnde Auftraggeber arbeiten. Die Trendforscher sagen voraus, dass dadurch in den nächsten Jahren etliche bislang unbekannte Berufe entstehen werden, die den Scharen von Ein-Mann-Unternehmern ausreichend Möglichkeiten bieten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen – zum Beispiel als Duftgestalter, Kulturvermittler, Trauerritualist oder „Life Coach“, der andere Menschen bei der Bewältigung des Alltags berät und trainiert. „Volks- und betriebswirtschaftlich sind solche Szenarien jedoch schlichter Unsinn“, sagt Holger Rust. „Denn viele grundsätzliche Fragen dazu sind ungelöst.“ Wie etwa könnte ein angemessenes Steuerrecht für die Heerscharen von neuen Selbstständigen aussehen? Wie steht es mit dem Haftungs- und Urheberrecht auf ihre Ideen? Wie lässt sich aus den vielen wechselnden Jobs eine funktionierende Alterssicherung zimmern? Und ist der Aufbau dieser Strukturen zu finanzieren?

„Einem Wirtschaftswissenschaftler oder Soziologen käme es nicht in den Sinn, einen solchen Unfug zu prognostizieren“, sagt Rust – nicht nur aufgrund der in sich widersprüchlichen Logik, sondern schon durch den Blick auf die Zahlen. Die liefert etwa der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Der VDMA hat errechnet, dass die Bruttowertschöpfung im produzierenden Gewerbe in Deutschland seit Jahren weitaus schneller wächst als in den Dienstleistungsbereichen – die Industrie boomt also, während die Serviceunternehmen nur langsam an Umsatz zulegen. Für 2008 rechnet der Branchenverband mit fünf Prozent Umsatzwachstum gegenüber 2007 bei den deutschen Maschinenbauunternehmen, die – wie man beim VDMA stolz betont – hinter den USA den zweiten Platz unter den weltweit größten Produzenten von Maschinen und Anlagen belegen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erwartet, dass von den geschätzten 300 000 im Jahr 2008 in Deutschland neu geschaffenen Arbeitsplätzen allein 100 000 in der Industrie entstehen. Den produzierenden Unternehmen in Deutschland geht es prächtig – trotz der seit dem Sommer nachlassenden Konjunktur. Nichts deutet darauf hin, dass sie als Arbeitgeber bald abdanken und einem Heer von unabhängigen Anbietern von Dienstleistungen Platz machen werden.

Plausibel erscheint eher das Gegenteil: Da die demographische Entwicklung in den nächsten Jahren einen deutlichen Rückgang der Zahl von jungen Arbeitskräften erwarten lässt, könnten die Betriebe künftig viel stärker als bisher auf eine enge und langfristige Bindung zu ihren Mitarbeitern setzen. „Die individuelle Kreativität und das Fachwissen der Angestellten werden immer wichtiger als Zukunft sichernde Ressource für die Unternehmen“, ist der auch als Wirtschaftsberater tätige Soziologe Rust überzeugt.

Von Anfang an lagen die Zukunfts- und Trendforscher mit ihren Prognosen immer wieder daneben. Zum Beispiel der Amerikaner John Naisbitt, der als einer der Väter der Trendforschung gilt. In seinem 1982 veröffentlichten Buch „Megatrends“ beschrieb er die wichtigsten Weichenstellungen für die künftige Entwicklung der Wirtschaft. „Doch schon ein Jahr später zeigte sich, dass in den Vorhersagen Naisbitts ein weltumspannender und ökonomisch höchst bedeutsamer Trend nicht einmal als Möglichkeit erwähnt worden war“ , sagt Holger Rust. Die Rede ist von den „Young Urban Professionals“, kurz „Yuppies“. Diese Gruppe von jungen, erfolgsorientierten Menschen entstammte den geburtenstarken Jahrgängen der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Nach Ende ihrer Ausbildung oder ihres Studiums erhielt ein großer Teil von ihnen keinen Job in den traditionellen Unternehmen – und fand einen Ersatz in kleinen, unkonventionell geführten Firmen, von denen viele in der aufstrebenden Computerbranche aktiv waren. Im Vordergrund des Yuppie-Lebens standen Konsum, Luxus und die berufliche Karriere – der krasse Gegenentwurf zu den „Hippies“ früherer Jahre. In den „Megatrends“ von John Naisbitt war davon allerdings nichts zu lesen.

Dass dennoch viele Menschen und etliche namhafte Unternehmen den Prognosen der Trendforscher Vertrauen schenken, hat für Holger Rust einen einfachen Grund: Der Alltag in der globalisierten Welt wird immer unübersichtlicher. Es gibt kaum noch Sicherheit hinsichtlich der beruflichen Chancen und Möglichkeiten. Die Lebenswege sind längst nicht mehr so klar vorgezeichnet wie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. „Selbst Führungskräfte sind mit einem unfassbaren Wust an Komplexität und Unsicherheit überladen, durch den sie eine Schneise schlagen wollen“, bringt es Rust auf den Punkt. Daher suchen sie nach Wegweisern, die ihnen scheinbar Gewissheit beim Blick in die Zukunft vermitteln. Diese Wegweiser finden sie in den zahlreichen Prognosen, Zukunftsstudien und Trendberichten.

HAUPTSACHE PRÄGNANT

„Die Trendforscher maßen sich an, den oft in ihren Zirkeln abgeschotteten Managern die Wirklichkeit ‚draußen‘ zu erklären“, sagt der Sozialwissenschaftler. „Zudem liefern sie prägnante, leicht nachzuvollziehende Perspektiven für die vermeintliche Zukunft.“ Vor allem: Alles ist positiv, alle erhalten optimistische Visionen. Damit bieten die Trendforscher etwas an, das die streng nach wissenschaftlichen Maßstäben agierenden Wirtschafts-, Sozial- und Technikfolgenforscher nicht leisten können. Die Wege, die die professionellen Wissenschaftler für die Zukunft aufzeigen, sind verzweigt, gelten nur unter bestimmten Voraussetzungen und lassen sich nie durch simple Schlagworte erklären. Ein Beispiel sind die „Klimaskeptiker“ – eine kleine Gruppe von Publizisten. Sie diskreditieren Befunde, dass menschliche Aktivitäten und der damit verbundene Ausstoß an Kohlendioxid den beobachteten Klimawandel auf der Erde verursachen, als „alarmistisch“ und interessengeleitet. Stattdessen geben sie natürlichen Ursachen wie einer schwankenden Sonneneinstrahlung die Schuld – und stehen damit im Widerspruch zur überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler. Die allerdings vertreten ihre Thesen – anders als ihre skeptischen Kontrahenten – mit diffizilen Modellen und komplizierten Szenarien, etwa in den Berichten des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC). Handfeste Botschaften sehen anders aus. Wegen ihrer Komplexität werden die wissenschaftlichen Resultate der Zukunftsforscher in der Öffentlichkeit weit weniger wahrgenommen als die zugespitzten Trendprognosen. Dabei gibt es zahlreiche Forscherteams, die sich auf seriöse Weise mit der Frage befassen, wie sich die Welt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entwickeln wird. Sie arbeiten an Universitäten, bei Marktforschungsunternehmen und in den Forschungsabteilungen großer Konzerne. Holger Rust zählt zu ihnen etwa die Marktforscher beim Institut für Demoskopie Allensbach, bei der Burda Stiftung für das Dritte Jahrtausend, Prognos in Basel und TNS Infratest, ferner die Wissenschaftler am Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) sowie am Sinus-Institut in Heidelberg. In diversen Projekten haben Experten aus unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft versucht, die wichtigsten Bereiche für künftige technische Innovationen und soziale Veränderungen zu ergründen: zum Beispiel Mitte der Neunzigerjahre in den vom ISI in Karlsruhe geleiteten Delphi-Studien (siehe Seite 90, „Die Zukunft lässt sich Zeit“), einer etwa gleichzeitig in Österreich erstellten Delphi-Studie und dem 2001 gestarteten vierjährigen Futur-Prozess im Auftrag des Bundesforschungministeriums.

ALLE TRENDS SIND SCHON ENTDECKT

„Es gibt keinen Trend und keine Zukunftsorientierung, die nicht durch seriöse Forschungsinstitutionen längst entdeckt und durchleuchtet wäre“, betont Rust. „Was man über die Zukunft wissen kann, ist bekannt.“ Viel ist das allerdings nicht. Meist sind es allgemeine Trends und Hochrechnungen. So überblicken die Wissenschaftler recht genau den demographischen Wandel der Bevölkerung weltweit in den nächsten Jahrzehnten. Sie kennen die grundsätzlichen Prozesse des Wandels in Gesellschaft, Politik und Technologie – etwa soziale Ungleichgewichte in der Welt und die zunehmende Verlagerung der Kommunikation ins Internet.

Die Ökonomen können abschätzen, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Und die Sozialforscher wissen, dass manche psychologischen Grundmuster des Menschen sich über die Jahre kaum verändern und daher aller Voraussicht nach auch den Alltag in der Zukunft prägen werden – zum Beispiel Werte wie Familie, Freundschaft und das Bedürfnis nach Sicherheit. „Zwar wird es nie eine Methode geben, mit der sich die Zukunft enthüllen lässt“, sagt Holger Rust, „doch es gibt viele Methoden, mit deren Hilfe sich Aussagen über denkbare Versionen der Zukunft machen lassen.“ So entwerfen die Zukunftsforscher auf der Basis der bekannten Daten unterschiedliche Szenarien. Anhand der Voraussetzungen, die diesen Szenarien zugrunde liegen, können sie für jede Variante der Zukunft untersuchen, welche technologischen und politischen Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, um sie zu realisieren. Die Fachleute sprechen bei dieser Vorgehensweise von Szenario-Technik. Daneben nutzen die Wissenschaftler etliche andere Methoden, um Zukunftstrends zu erkennen und zu bewerten. Zum Beispiel die in den Fünfzigerjahren in den USA entwickelte Delphi-Methode (siehe: „Gut zu wissen“ auf der Seite gegenüber) oder das Monitoring, das mitunter auch als Sekundäranalyse bezeichnet wird: Forscher durchforsten und analysieren nach einem vorgegebenem Schema und mit dem Fokus auf bestimmte Themen alle wichtigen Publikationen, Patente und Konferenzbeiträge, die sich mit dem Gegenstand ihrer Recherche befassen – mit dem Ziel, daraus Anhaltspunkte für bevorstehende Veränderungen zu erkennen.

KEINE KONKRETEN ZAHLEN

An konkrete Prognosen traut sich heute – anders als vor 20 oder 30 Jahren – allerdings kaum noch ein Wissenschaftler heran. Denn Zahlen- und Jahresangaben täuschen eine Genauigkeit der Prognosen vor, die sich nicht halten lässt. Nur wenige Forscher veröffentlichen heute noch die früher sehr beliebten detaillierten Fahrpläne in die Zukunft – darunter Ian Pearson. Der theoretische Physiker aus Großbritannien arbeitete jahrelang als Zukunftsforscher bei der British Telecom und gab zuletzt 2005 eine lange Liste mit künftigen Innovationen heraus, von denen die meisten auf Entwicklungen in der Informationstechnologie beruhen.

„Experten, die klare Zukunftsprognosen geben, sind keine“, stellt Holger Rust klar. Und Rolf Kreibich, Physiker und Soziologe, der als wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer das Berliner IZT leitet, meint: „Typisch für die heutige Forschung sind zwei Entwicklungen: Einmal treten qualitative Methoden gegenüber quantitativen immer stärker in den Vordergrund, und zum anderen wendet man statt einzelner Methoden Methodenkombinationen an.“ Das soll die Zuverlässigkeit der Einsichten in die Zukunft stärken.

„Seriöse Zukunftsforschung erkennt man daran, dass die Wissenschaftler neben den Ergebnissen ihrer Studien stets auch alle Bedingungen angeben, unter denen diese erstellt wurden“, sagt Holger Rust. Dazu gehören Informationen darüber, welche Methoden angewendet wurden, die Art der Stichproben, die der Arbeit zugrunde liegen, die Aufgabenstellung, Reichweite und Aussagefähigkeit der Ergebnisse – und der Auftraggeber der Studie. „Fehlen diese Daten, ist das ein Warnzeichen.“ Die Alarmglocken sollten auch läuten, wenn eine Prognose oder Zukunftsstudie vor englischen Modebegriffen oder schillernden Wortschöpfungen strotzt – „Social-Shopping“ und „Gourmet-Sex“ gehören dazu. Auch unscharfe Formulierungen wie „Derweil wimmelt es“, „Tendenziell könnte sich“ und „Häufig nutzen schon“ deuten auf unsolide Aussagen hin, warnt Rust. „Windig werden Prognosen, wenn ihre Urheber ‚Studien‘ und Vorträge zu jedem beliebigen Thema anbieten.“ Seriöse Forschungsinstitute beschränken den Blickwinkel ihrer Arbeiten auf konkrete Fragestellungen. Wer dagegen über alles redet, hat in der Regel nicht sehr viel zu sagen.

BLAMAGE BEIM ÖLPREIS

Vorsicht ist allerdings auch bei den Aussagen mancher Experten aus anerkannten Institutionen und Unternehmen geboten, die auf im Fernsehen und in gedruckten Gazetten mit Prognosen und Einschätzungen erscheinen. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung des Ölpreises. Im Frühjahr schoss der Preis an den Rohstoffmärkten wochenlang mit atemberaubendem Tempo und scheinbar unaufhaltsam empor – bis er mit etwa 147 US-Dollar pro Barrel (159 Liter) einen Rekordstand erreichte. Vorhergesagt hatte die Preisrallye keiner der Fachleute aus Instituten, Energieunternehmen und Banken. Im Juni, kurz vor dem Höhepunkt der Rallye, ergab eine Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, dass nun die meisten der befragten Experten mit einem weiteren Preisanstieg rechneten. Ein Rückgang des Ölpreises, so die Mehrheitsmeinung, sei vorerst nicht zu erwarten. Doch es dauerte nicht lange, bis sich genau diese Umkehr des Trends einstellte: Ab Mitte Juli fiel der Ölpreis – genauso rasch, wie er zuvor nach oben geschnellt war. Ende August hatte er wieder die Marke von 110 Dollar pro Barrel erreicht. Und selbst der Ossetienkonflikt im Kaukasus zwischen Russland und Georgien – den ebenfalls niemand vorhergesagt hatte – konnte den Fall des Ölpreises nicht stoppen, obwohl in der Region wichtige Pipelines verlaufen. Fazit: Die vorgeblichen Experten laufen mit ihren Prognosen offenbar nur der Realität hinterher. Häufig werden bestehende Trends einfach in die Zukunft fortgeschrieben. Nachträgliche Erklärungsversuche für unerwartete Entwicklungen wirken mitunter hilflos – etwa die Aussagen von Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin: Sie führte den vorübergehenden Höhenflug des Ölpreises darauf zurück, dass man die gestiegene Nachfrage in Asien unter- und die Möglichkeiten, neue Ölquellen in Tiefsee oder Arktis zu erschließen, überschätzt habe.

APPETIT DER CHINESEN ÜBERSEHEN

Immer wieder werden Signale schlicht übersehen, zum Beispiel für ökonomische Entwicklungen. „Ich kenne niemanden, der frühzeitig darauf hingewiesen hätte, dass die veränderten Ernährungsgewohnheiten in wirtschaftlich aufstrebenden Ländern wie China und Indien die Preise für Lebensmittel weltweit kräftig steigen lassen würden – wie es in den letzten Monaten geschehen ist“, nennt Holger Rust ein Beispiel. Auch die Tendenz, dass etliche produzierende Unternehmen wegen der – als Folge der hohen Öl- und Kraftstoffpreise – rasant steigenden Transportkosten die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland stoppen oder sogar wieder rückgängig machen würden, war bis vor Kurzem kein Thema für Prognosen und Trendanalysen. Erst jetzt, da diese Tendenz deutlich sichtbar wird, kümmern sich einige Wissenschaftler und Analysten um den neuen gegenläufigen Trend.

„Prognosen, Trends und Ausblicke auf die Zukunft darf man nicht gedankenlos für bare Münze nehmen“, rät Holger Rust eindringlich. Oft dienten sie dazu, Entwicklungen gezielt in eine Richtung zu lenken. Stattdessen sollte man akzeptieren, dass es nicht möglich ist, in die Zukunft zu schauen. Menschen verhalten sich eben oft irrational und entziehen sich dadurch der Möglichkeit, ihre Handlungen vorherzusagen – im Alltag genau wie an der Börse oder bei der Akzeptanz einer neuen Technologie. Studien und Experteneinschätzungen können daher nur Anhaltspunkte dafür liefern, wie sich Technik, Berufsleben, ökonomische Lage oder Konsumverhalten möglicherweise verändern werden. Um diese Hinweise richtig zu interpretieren, ist – auch und vor allem in Unternehmen – ein Diskurs zwischen möglichst vielen verschiedenen Menschen nötig. Ebenso wichtig sei die Kenntnis der Grundlagen der Statistik – die sollten die Schulen besser vermitteln, fordert Rust. „Nur wer die Randbedingungen einer Zukunfts- oder Trendstudie richtig deuten kann, ist in der Lage, den Wert der Aussagen zu beurteilen – und lässt sich nicht jede Banalität als wichtigen Zukunftstrend verkaufen.“ ■

von Ralf Butscher

Holger Rust – der kritiker

Der 1946 im Rheinland geborene, vielseitig engagierte Forscher ist Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Hannover. Er beschäftigt sich vor allem mit der Zukunft von Arbeit, Wirtschaft und Karriere. Das Studium der Soziologie, Politischen Wissenschaft und Philosophie schloss Rust mit 24 Jahren ab, mit 30 Jahren habilitierte er sich. Danach lehrte und forschte der Sozialwissenschaftler an diversen Universitäten, unter anderem sieben Jahre am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Wien. Rust gehörte zur Beratungsgruppe des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Vranitzky im Projekt „Themen der Zeit“. Ende der Neunzigerjahre war der heute 62-jährige Wissenschaftler Mitglied des Leitungsteams vom nationalen Projekt Delphi Austria, das eine wegweisende Vorausschau auf künftige technologische und kulturelle Entwicklungen in Österreich erarbeitete.

Neben seiner akademischen Laufbahn engagierte sich Holger Rust stets stark in der Wirtschaft und im Journalismus. Er sammelte Erfahrungen in der strategischen Konzeption von Zeitschriften, in Markt- und Marketingstudien und als Berater von Unternehmen. 2005 war Rust Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft „Eliten-Integration“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2004 unterstützt er als Wissenschaftlicher Beirat das Artop-Institut an der Humboldt-Universität in Berlin – mit Fokus auf Organisationsentwicklung und Innovationsforschung. 1994 und 1995 gehörte Holger Rust der Chefredaktion des österreichischen Wirtschaftmagazins „trend“ an. Danach schrieb er als Autor für verschiedene Wirtschaftszeitschriften, unter anderem von 1999 bis 2002 für das „Manager Magazin“. Der Soziologe schreibt zurzeit zwei eigene Kolumnen: im „Harvard Business Manager“ und im schweizerischen Personalmagazin „HR Today“. Er hat über 30 Bücher veröffentlicht – darunter mehrere über die Hintergründe der Trendforschung, zu deren bekanntesten und schärfsten Kritikern Rust gehört.

Kompakt

· Viele der lauthals verkündeten „Zukunftstrends“ spiegeln lediglich die Interessenlage der meist nicht erkennbaren Auftraggeber wider.

· Ein Merkmal wissenschaftlicher Zukunftsstudien: Alle Hintergründe werden offengelegt.

· Doch auch Aussagen seriöser Fachleute darf man nicht einfach für bare Münze nehmen.

STRAHLEMÄNNER IM RAMPENLICHT

Der Amerikaner John Naisbitt (links) begründete mit seinem 1982 herausgegebenen Buch über die „Megatrends“ die populäre Trendforschung. Er versteht es, seine Prognosen und sich selbst glanzvoll zu inszenieren – wie auch Matthias Horx (rechts), Chef des Kelkheimer Zukunftsinstituts. Horx veröffentlicht regelmäßig Trendreports, die in griffigen Formulierungen die Zukunft beschreiben.

Gut zu wissen

· Zukunftsforschung: Unter diesem Begriff wird meist allgemein die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Zukunft zusammengefasst. Der Forschungszweig entwickelte sich in den Vierzigerjahren vor allem in den USA, wo man nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine gezielte strategische Planung für die Zukunft forcierte.

· Trendforschung: Als Trendforschung definiert etwa das Zukunftsinstitut von Matthias Horx „die Analyse, Dokumentation und Erklärung von Veränderungsprozessen in Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie“. In den Augen vieler Wissenschaftler unterscheidet sich die Trend- von der Zukunftsforschung durch ein mehr intuitives, nicht streng an anerkannten wissenschaftlichen Regeln orientiertes Vorgehen.

· Prognose: Der Brockhaus erklärt eine Prognose schlicht als eine Vorhersage. Die meisten seriösen Zukunftsforscher meiden jedoch diesen Begriff – natürlich auch deshalb, weil sie nach früheren Erfahrungen mit misslungenen Vorhersagen gebrannte Kinder sind.

· Szenario-Technik: Sie gilt als eines der wichtigsten Werkzeuge der Zukunftsforscher. Die Methode liefert verschiedene Bilder von einer möglichen Zukunft – und zeigt auf, unter welchen Voraussetzungen diese Szenarien Realität werden könnten.

· Delphi-Methode: Dabei werden viele Experten befragt, für wie wichtig sie Thesen zur künftigen technologischen oder gesellschaftlichen Entwicklung halten – etwa in Medizin, Bautechnik oder Energieversorgung –, wie wahrscheinlich sie die Verwirklichung der Thesen einschätzen und in welchem Zeithorizont sie diese erwarten. Die Ergebnisse der Erhebung erhalten die Befragten zur erneuten Bewertung vorgelegt – ein Prozess, der sich mehrfach wiederholen kann und in dem sich allmählich eine Idee von der Zukunft verdichtet.

ABRECHNUNG MIT DEN GURUS

Seine beißende Kritik an der feuilletonistischen Trend- und Zukunftsforschung hat Holger Rust in seinem neuesten Buch zusammengefasst: „Zukunfts-Illusionen – Kritik der Trendforschung“ erscheint Ende September im Wiesbadener VS Verlag. Rust belegt darin anhand zahlreicher Beispiele und sehr pointiert die Oberflächlichkeit und Nutzlosigkeit der zahlreichen Trendreports, Prognosen und „Studien“. Und er zeigt einen Weg auf, wie sich die Gesellschaft entspannt auf die mit der Zukunft verbundene Ungewissheit einstellen und sich flexibel für mögliche Überraschungen wappnen kann.

zukunft

Die Frage, was die Zukunft bringen wird, bewegt seit jeher die Menschheit. Auf diesen Wissensdurst nach den wichtigen künftigen Trends baut inzwischen eine ganze Branche, die vorgibt, die Neugier der Menschen auf die Zukunft befriedigen zu können. Die Trendforscher machen damit ein gutes Geschäft. Doch ihre Prognosen verraten nicht viel Glaubhaftes darüber, wie die Welt künftig aussehen wird. Auch viele ernstzunehmende Forscher richten ihren Blick in die Zukunft – mit einem Bündel an wissenschaftlichen Methoden. Aber auch sie haben bestenfalls bescheidenen Erfolg.

WWW: Breitenwirkung nicht erkannt

Bei ihrer Einschätzung der Entwicklung des Internets dachten die Delphi-Fachleute vor allem an technische Verbesserungen. Dass das Web zehn Jahre später intensiv für Handel, Reiseplanung und soziale Kontakte genutzt würde, haben sie nicht erwartet.

Fotografie: Den digitalen Boom richtig vorhergesehen

Vor zehn Jahren fristeten digitale Fotokameras noch ein Nischendasein. Dann begann ihr kometenhafter Aufstieg. Sie verdrängten die analogen Geräte, und heute gibt es im Handel fast nur noch digitale Modelle. Die Delphi-Experten hatten das korrekt vorhergesehen.

MP3: Euphorie nicht erkannt

Zwar existierten 1998 bereits die ersten MP3-Player. Doch dass diese Geräte ein paar Jahre später immens begehrt sein würden, war für die Fachleute völlig unvorstellbar. Inzwischen lässt die Euphorie für die Audio Player wieder etwas nach.

Navigationssysteme: Jenseits der Vorstellung

Eine weitere Überraschung: Die heutige Beliebtheit von mobilen Navigationsgeräten war bei der Delphi-Studie vor zehn Jahren, wie der Erfolg der MP3-Player, noch kein Thema. Die elektronischen Lotsen starteten auch erst ab 2005 – aus dem Nichts – zu ihrem Siegeszug.

SPRITverbrauch: Ziel verfehlt

Den Trend überschätzt: 30 Prozent weniger Kraftstoff sollten die Autos heute im Vergleich zu 1998 verbrauchen – so lautete die Erwartung der Delphi-Experten. Tatsächlich ging der mittlere Spritverbrauch in den letzten Jahren zurück – aber nur um rund 10 Prozent.

Tierversuche: mehr TIERe sterben im labor

Falsch getippt: Bis 1998 war die Zahl der Tierversuche jahrelang leicht gesunken. In der Delphi-Studie wurde dieser Trend in die Zukunft interpoliert. Doch es kam anders: Seit der Veröffentlichung der Zukunftsstudie werden wieder mehr Versuchstiere benötigt.

KOMPAKT

· Bei der Nutzung von E-Mail, Online-Banking und beim Erfolg von Digitalkameras lagen die Delphi-Experten goldrichtig.

· Sehr leichte und sparsame Fahrzeuge sind – anders als vor zehn Jahren erwartet – immer noch rar auf den Straßen.

· In einer neuen Zukunftsstudie wollen die Forscher auch kurzfristige und noch kaum erkennbare Trends aufspüren.

Die Zukunft lässt sich Zeit

Morgens in der S-Bahn: Leise vermischt sich Musik mit dem Rattern des Zuges. Woher sie kommt, lässt sich schwer ausmachen. Denn in dem überfüllten Zug sitzen etliche Schüler und Pendler mit Kopfhörern. Kleine elektronische Geräte in der Hand oder Hosentasche versorgen sie mit den Klängen von Rock, Pop oder Klassik. Andere Passagiere tippen eifrig Texte in ihr Mobiltelefon oder vertreiben sich die Zeit mit Spielchen auf einer tragbaren Konsole. Vor zehn Jahren hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass so der morgendliche Alltag 2008 aussehen würde. Selbst die meisten Experten ahnten damals nichts vom forschen Siegeszug der digitalen Musik im MP3-Format, von der enormen Beliebtheit der SMS-Kurznachrichten und vom Kultstatus, den mobile Computerspiele einmal erreichen würden. In der dritten und bislang letzten deutschen Delphi-Studie waren diese Trends jedenfalls kein Thema. Die Resultate der Studie wurden 1998 veröffentlicht – und waren auch bdw eine große Geschichte wert (bild der wissenschaft 3/1998, „Was die Zukunft bringen soll“ ).

Ein Team des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe befragte für die Delphi-Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) rund 2000 Experten aus Universitäten, Forschungsinstituten und Unternehmen. Die Wissenschaftler baten die Fachleute um ihre Einschätzung zu möglichen künftigen Entwicklungen, etwa in der Medizin, bei Verkehr, Raumfahrt, Industrieproduktion und Kommunikationstechnik. In einer zweiten Fragerunde wurden die Experten mit den Meinungen ihrer Kollegen konfrontiert und konnten ihr Urteil überdenken und ändern.

DICKER KATALOG VON THESEN

Am Ende kam ein dicker Katalog mit 1070 Thesen zur Zukunft heraus, die eine Mehrheit der befragten Spezialisten für plausibel hielt – jeweils versehen mit einem geschätzten Zeithorizont für die Realisierung und einer Abwägung, wie bedeutsam die Entwicklung für Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitsmarkt sein würde. Zehn Jahre nach Abschluss dieser bisher umfassendsten deutschen Zukunftsstudie ist es Zeit nachzusehen, wie treffsicher die Delphi-Studie die Trends vorausgesagt hat. „ Die Welt hat sich weniger stark verändert als gedacht“, lautet das Resümee von Kerstin Cuhls. Die ISI-Forscherin leitete in den Neunzigerjahren die Konzeption und Umsetzung des Delphi-Projekts und befasst sich nach wie vor mit der Zukunftsforschung und den dabei angewendeten Methoden der Wissenschaftler. „Viele Innovationen dauern länger als vor zehn Jahren vermutet“, sagt Cuhls mit Blick auf die Erwartungen der damals befragten Experten. Zwar hat bisher niemand eine objektive und detaillierte Auswertung der Zukunftsthesen aus der Delphi-Studie erstellt, doch die Schieflage etlicher Vorhersagen fällt schon beim Durchblättern des Wälzers von 1998 auf.

So schätzten die Fachleute 1998, dass viele Autos, die etwa ab dem Jahr 2007 neu auf die Straßen rollen, im Schnitt rund 30 Prozent weniger Sprit verbrauchen würden als vor zehn Jahren. Doch von einer solchen Genügsamkeit sind die Automobile, die heute in den Verkaufsräumen der Händler stehen, weit entfernt. Zwar sank der Durchschnittsverbrauch der Pkw stetig, wie Daten des Bundeswirtschaftsministeriums zeigen – allerdings nur um magere 10 Prozent. Zugleich werden die Wagen immer schwerer. So beklagt das österreichische Umweltbundesamt, dass das Gewicht von Neufahrzeugen allein zwischen 2000 und 2005 im Schnitt um 11 Prozent zugelegt hat. Ein genau gegenläufiger Trend zu den Annahmen der Delphi-Experten: Sie rechneten damit, dass bis 2010 besonders leichte Pkw mit einem zulässigen Gesamtgewicht unter 1000 Kilogramm weit verbreitet sein würden.

Kein Wunder, dass sich der Fortschritt im Verkehrsbereich auch sonst als Schnecke erweist. „Auf die Verkehrsentlastung durch Kommunikationssysteme, die 1998 einige Experten vorausgesehen haben, warten wir noch heute“, sagt Kerstin Cuhls. „Allerdings waren schon damals viele Experten sehr skeptisch, ob neue Kommunikationstechnologie zur Reduzierung des Verkehrs beitragen würde.“ Tatsächlich nimmt der Verkehr immer weiter zu. Laut Statistik des ADAC ist die gesamte Fahrleistung der Pkw auf deutschen Straßen zwischen 1998 und 2006 um 7 Prozent gestiegen: von 550 auf 586 Milliarden Kilometer jährlich.

KEINE INTELLIGENTEN VIRENSCANNER

Auch bei vielen anderen Prognosen haben sich die Experten gründlich verschätzt. Systeme, die automatisch bis dahin unbekannte Computerviren entdecken und selbstständig „digitale Impfstoffe“ dagegen bilden, gibt es bislang nicht. Genauso wenig wie ein wirksames Insulinpräparat, das Diabetiker in Tablettenform einnehmen können. Solche Medikamente durchlaufen derzeit das Teststadium. Dass sich „die Tendenz zu immer kürzer werdenden Produktlebenszyklen zugunsten einer Intensivierung und Verlängerung der Nutzungsdauer umgekehrt“ hat, wie es die Fachleute für etwa 2008 erwartet haben, ist in Anbetracht der Flut neuer Produkte und Gerätegenerationen kaum vorstellbar. Und dass „detaillierte individuelle Gesundheitsbiographien auf einer Art medizinischer Smart Card aufgezeichnet sind und unter individueller Kontrolle für medizinische Dienstleistungen zur Verfügung stehen“ (Einschätzung für 2007), ist zwar in Deutschland seit vielen Jahren geplant – doch genauso lange wird die „elektronische Gesundheitskarte“ schon von Ärzten und Datenschützern blockiert. Ein Praxistest von Prototypen der digitalen Patientenkarte ging im Frühjahr 2008 wegen technischer Mängel in die Hose und wurde abgebrochen.

Auch andernorts sind die Anwendungen der Elektronik bei Weitem noch nicht so weit fortgeschritten, wie es die Fachleute 1998 für möglich hielten. So sind längst nicht alle öffentlichen Verkehrsmittel in Deutschland mit einer standardisierten Smart Card bezahlbar und benutzbar, „sodass Fahrscheine entfallen und nur über die Karte abgerechnet und kontrolliert wird“.

MEHR MÄUSE FÜR DIE FORSCHUNG

Wenig rühmlich fällt auch die Bilanz der Hoffnung aus, dass bis etwa 2008 „aufgrund von Fortschritten bei der Entwicklung von Ersatzmethoden die Zahl der Tierversuche in Deutschland auf 50 Prozent“ im Vergleich zu 1998 sinken würde. Tatsächlich werden heute deutlich mehr Versuchstiere eingesetzt als vor zehn Jahren – vor allem wegen der Verfügbarkeit von gentechnisch veränderten Mäusen. Der Trend hat sich just mit der Publikation der Delphi-Studie umgekehrt: Bis 1997 war die Zahl der Tierversuche gesunken, seitdem weist die Tendenz wieder nach oben. Die Entwicklung von Ersatzmethoden ist keineswegs so schnell vorangekommen wie erhofft. „Oft liegt es an technischen Problemen, wenn sich die Praxisreife einer Entwicklung verzögert – diese wurden dann in der Studie auch als größtes Hindernis genannt“, sagt Kerstin Cuhls und nennt zwei Beispiele für Technologien, deren Realisierung immer wieder verschoben wird: die Möglichkeit zu frühzeitigen, verlässlichen Erdbebenvorhersagen sowie eine zuverlässige Spracherkennung durch elektronische Geräte. „Aber auch politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Gründe verhindern, dass Fortschritte aus der Forschung in Produkte umgesetzt werden“, betont die ISI-Forscherin. „So wäre es in den letzten Jahren zwar technisch möglich gewesen, leichte und spritsparende Fahrzeuge zu bauen – doch die hätten sich vermutlich nicht verkaufen lassen.“ Der Druck zum Sparen, den die Autofahrer durch die enorm gestiegenen Kraftstoffpreise heute spüren, fehlte noch vor ein paar Jahren.

Doch die Delphi-Studie hat nicht nur Flops produziert. Bei manchen Thesen erwiesen sich die damals befragten Fachleute sogar als ausgesprochen clever. So rechnete die Mehrheit von ihnen erst um das Jahr 2016 mit der Einführung von Autos, die durch Energie aus Brennstoffzellen angetrieben werden – während etwa Daimler-Chrysler die Serienfertigung von Brennstoffzellenfahrzeugen schon für 2004 in Aussicht stellte. Inzwischen hat man sich auch bei dem Stuttgarter Automobilkonzern von dieser optimistischen Einschätzung verabschiedet. Den Start für die Fertigung einer ersten kleinen Serie von Autos der Mercedes-B-Klasse mit Brennstoffzellenantrieb verspricht das Unternehmen nun für 2010. Bis Autos mit dieser Technologie für jedermann zur Verfügung stehen, wird es mindestens bis 2015 dauern, schätzt man beim Ingenieurdienstleistungsunternehmen Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH in Ottobrunn.

UND DAS ELEKTRO-AUTO KOMMT DOCH

Vieles deutet mittlerweile sogar darauf hin, dass rein elektrisch betriebene Autos den Fahrzeugen mit Brennstoffzellen den Markt abgraben könnten, noch bevor die richtig Gas geben. Fast alle großen Automobilhersteller planen die baldige Einführung von Elektroautos – Vehikeln, denen vor zehn Jahren kaum jemand eine Zukunft zugetraut hätte. Voll ins Schwarze getroffen hat die Delphi-Studie mit den Prognosen, dass ab 2006 „ die Mehrzahl aller Privathaushalte elektronische Post sendet und empfängt“ und dass zur selben Zeit „Electronic Banking in Privathaushalten weit verbreitet“ sein werde. Laut Bundesverband Informationswesen Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) besaßen 2007 tatsächlich über zwei Drittel aller Menschen in Deutschland eine private E-Mail-Adresse. Und die Abwicklung von Bankgeschäften via Internet ersetzt – wie erwartet – immer häufiger den Gang zur Bankfiliale: 35 Prozent der Deutschen führen ihr Konto inzwischen online. Ein weiterer Volltreffer: die Annahme, dass nationale Schnellbahnsysteme über die Grenzen hinweg kompatibel werden. Der deutsche ICE und der französische TGV verkehren seit Juni 2007 fahrplanmäßig zwischen Frankfurt, Stuttgart oder München und Paris. Und: Wie von den Delphi-Experten erwartet, haben digitale Kameras die herkömmlichen Fotoapparate „weitgehend abgelöst“.

Selbst bei den großen gesellschaftlichen Trends bewiesen die Delphi-Spezialisten einen anerkennenswert guten Riecher: Sie sagten 1998 für den Zeitraum zwischen 2003 und 2009 voraus, dass Deutschland „nach Durchsetzung von Reformen wieder ein international sehr attraktiver Investitionsstandort“ werde – und das zu einer Zeit, als viele Politiker und Ökonomen diese Qualitäten des Standorts Deutschland schon abgeschrieben hatten.

KEINER HAT DAS VORAUSGESEHEN

Die letzten zehn Jahre hatten auch etliche faustdicke Überraschungen zu bieten. Der riesige Erfolg der MP3-Player ist nur ein Beispiel dafür. Zwar gab es das am Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen entwickelte MP3-Verfahren, mit dem sich Musikstücke komprimieren und in sehr kleine digitale Dateien packen lassen, schon seit Anfang der Neunzigerjahre. Und das erste tragbare Abspielgerät dafür hatte die deutsche Firma Pontis 1995 auf den Markt gebracht. Doch der Boom der digitalen Musik kam erst mit der Vorstellung des iPod von Apple im Jahr 2001 richtig in Schwung. Danach schnellte der Absatz von tragbaren Audio Playern nach oben. So verkauften die Hersteller in Deutschland 2005 über 8 Millionen MP3-Player. Inzwischen lassen sich die MP3-Dateien auch mit vielen Handys und Autoradios abspielen, und die tragbaren Audio Player werden bereits vom nächsten Trend überholt: Portable Video Player – handtellergroße Geräte, mit denen man, etwa in der S-Bahn, nicht nur Musik hören, sondern auch Videofilme anschauen kann.

Geradezu kometenhaft verlief der Aufstieg von Navigationsgeräten, die Autofahrern und Fußgängern mithilfe einer Verbindung zu den Satelliten des amerikanischen Navigationssystems GPS den Weg weisen. Für das GPS hatten die Delphi-Experten vor allem große Anwendungen in der Landwirtschaft im Visier: Satellitengestützte geographische Informationssysteme sollten zum Beispiel „für die großräumige Bewirtschaftung des Wasserhaushalts in der Landwirtschaft, die Forstüberwachung und die Modellierung von Gefährdungspotenzialen“ durch Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Überschwemmungen „bald realisierbar sein und genutzt werden“ – eine Prognose, die zutraf. „Dass heute Millionen Menschen ihr tragbares Navigationsgerät haben, stand vor zehn Jahren jedoch nicht zur Debatte“, sagt Cuhls.

Das Internet hat sich rasant weiterentwickelt, doch der Trend bei seiner Nutzung wies in eine andere Richtung, als es die Experten 1998 erwarteten. „Damals sah man die Entwicklung des Internets vor allem von der technischen Warte aus“, meint Cuhls: schnelle Breitbandzugänge, eine leistungsfähige und weitgehend sichere Übertragung der Daten. Die dafür nötigen Technologien gibt es heute. Sie sorgen dafür, dass man übers Internet Telefongespräche führen, TV-Programme empfangen und Videos herunterladen kann. „Doch dass sich Tauschbörsen und Auktionen, Online-Handel, Second Life und andere virtuelle Welten so stark ausbreiten würden wie in den letzten Jahren geschehen, stand bei der Delphi-Studie gar nicht zur Abstimmung“, räumt die Forscherin ein.

ÜBERRASCHENDE REDSELIGKEIT

Heute hat jeder fünfte Deutsche zwischen 16 und 74 Jahren selbst schon einmal Waren übers Web verkauft, 2,2 Millionen Menschen wetten bundesweit im Internet, 38 Prozent aller Urlaubsreisen wurden 2007 online gebucht und über 6 Millionen einsame Herzen tummeln sich mindestens einmal monatlich in Singlebörsen, um sich im Web auf die Suche nach dem großen Glück zu begeben. Die Offenheit, mit der viele Webnutzer heute ihre eigene Person in Online-Gemeinschaften und durch das Verbreiten selbst gedrehter Videoclips zur Schau stellen, wäre 1998 undenkbar gewesen. Die Fachleute nahmen damals an, dass nur wenige Menschen ihre persönlichen Daten freiwillig preisgeben würden. Ein Irrtum: Die Selbstvermarktung und der soziale Aspekt des Internets sind enorm wichtig geworden.

Damit Entwicklungen, die unvermittelt auftauchen, künftig nicht mehr durchs Raster der Zukunftsforscher fallen – weil sie nicht bemerkt oder in ihrer Bedeutung unterschätzt werden –, wollen die Wissenschaftler am ISI ihre Methoden erweitern. „Das bei der Delphi-Studie angewandte Verfahren der Experten-Befragungen mit einer nachfolgenden Abstimmungsrunde war darauf ausgerichtet, festzustellen, ob es einen Konsens unter den Fachleuten gibt“, erklärt Cuhls. „Dadurch wurden Hinweise auf damals noch unbedeutend erscheinende Entwicklungen quasi herausgebügelt.“ Daher soll diese Vorgehensweise bei einer neuen Zukunftsstudie ergänzt werden: Im Foresight-Prozess, den das BMBF im September 2007 gestartet hat, und bei dem die ISI-Forscher wieder entscheidend mitwirken, setzen Cuhls und ihr Team unter anderem auf Recherchen, Expertengespräche und ein „ Inventoren-Scouting“. Dazu werden junge Nachwuchswissenschaftler aufgespürt, die etwa Patente für innovative Technologien angemeldet haben oder mit Preisen für ihre Forschungsarbeiten ausgezeichnet wurden. Die Erwartungen dieser Trendsetter wollen die Wissenschaftler am ISI in Interviews erfahren – in der Hoffnung, dadurch auch den schwachen Puls von neu aufkeimenden Entwicklungen fühlen zu können.

METHODEN WERDEN KOMBINIERT

„Die bei den Delphi-Studien angewandte Methodik diente eher der Bewertung bereits identifizierter Trends“, sagt Cuhls. „ Daraus haben wir gelernt.“ Deshalb kombinieren die Wissenschaftler bei dem neuen Foresight-Projekt verschiedene Verfahren: die Analyse von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Datenbank-Suche, Workshops und „Zeitreisen“, virtuelle Ausflüge in eine mögliche Zukunft. Anders als bei den Delphi-Studien der Neunzigerjahre steht dabei nicht nur die Technik im Fokus. Stattdessen wollen die Forscher Verbindungen zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Themen aufspüren, die mit technologischen Trends verschmelzen. Wenn beispielsweise die Mehrheit der Menschen aus Angst vor einem Unglück und radioaktiver Verstrahlung keine Kernkraftwerke haben will, nützen auch innovative neue Technologien nichts. Auch Verbesserungen bei den Möglichkeiten der Genmanipulation von Tieren und Pflanzen verpuffen, wenn sich die Bevölkerung dagegenstellt.

Das Ziel von Foresight ist es, die wichtigsten Schwerpunkte der Forschung in den nächsten 20 Jahren zu ermitteln und herauszufinden, wie sie sich am effizientesten vorantreiben lassen. Darin sieht man beim BMBF die entscheidende Voraussetzung, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands für die Zukunft zu sichern. „Die Gewichtung von Themengebieten hat sich gegenüber der Delphi-Studie von 1998 stark verschoben“, stellt Kerstin Cuhls fest. Das gilt etwa für die Themen aus dem Bereich Energie und Umwelt, für die das Interesse – nach Jahren der Flaute – wieder stark gestiegen ist. Auch Entwicklungen bei der Landwirtschaft und Ernährung sind plötzlich wieder interessant, nachdem die meisten Experten lange Zeit der Meinung waren, ein Fortschritt auf diesen Gebieten habe für das industriell hoch entwickelte Deutschland keine Bedeutung mehr. Im Mittelpunkt des neuen Foresight-Prozesses stehen quer liegende, interdisziplinäre Themen.

LEHRER MACHTEN SICH SCHLAU

Trotz ihrer Schwächen ist die Delphi-Studie von 1998 stark beachtet worden. Die 6000 gedruckten Exemplare des Berichts sind längst vergriffen, die Zugriffszahlen auf die Online-Version im Internet übertrafen die Erwartung der ISI-Forscher bei Weitem. In Folgeprojekten haben die Karlsruher die Delphi-Einschätzungen als Auftragsarbeit für Forschungsinstitute und Unternehmen spezifisch aufbereitet und analysiert. Etliche Unternehmen haben daran ihre strategische Planung neu formuliert und ausgerichtet. Viele Lehrer informierten sich in Fortbildungsseminaren über die Ergebnisse der Delphi-Umfrage – um dieses Wissen im Unterricht an ihre Schüler weiterzugeben.

„Dass wir mit unseren Prognosen mitunter danebenlagen, ist manchmal sogar gut“, sagt Kerstin Cuhls. „Denn bei der Delphi-Studie ging es nicht nur darum, möglichst präzise Vorhersagen zu machen, sondern auch um eine gemeinsame und konstruktive Gestaltung der Zukunft.“ Im Klartext: Die Forscher wollten mögliche Entwicklungen aufzeigen. Vor allem gute, in einigen Fällen schlechte – manchmal mit der Hoffnung, dass sich die negativen Trends, etwa durch politische Weichenstellungen, doch noch abwenden lassen. So wird es für viele beruhigend sein, dass sich eine Einschätzung nicht bewahrheitet hat: dass nämlich ab 2008 Versicherte, bei denen Gentests ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krankheiten gezeigt hätten, höhere Krankenkassenbeiträge zahlen müssten. In anderen Fällen wäre es aber gut gewesen, wenn die Erwartungen der Delphi-Experten sich erfüllt hätten oder übertroffen worden wären – etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente gegen Krebs, Aids oder Diabetes. ■

von Ralf Butscher

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LESEN

Holger Rust ZUKUNFTSILLUSIONEN VS Verlag, Wiesbaden 2008, € 19,90

Holger Rust ZURÜCK ZUR VERNUNFT Gabler Verlag, Wiesbaden 2001, € 34,–

John Naisbitt MEGATRENDS Warner Books, Clayton (USA) 1982, vergriffen

INTERNET

Homepage von Holger Rust: www.ish.uni-hannover.de/Dateien/staff/hr/pers_hr.html

Zukunftsinstitut in Kelkheim: www.zukunftsinstitut.de

Trendbüro in Hamburg: www.trendbuero.de

Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Berlin: www.izt.de

Homepage von John Naisbitt: www.naisbitt.com

Liste der Prognosen von Ian Pearson (British Telecom, 2005): btplc.com/Innovation/News/timeline/TechnologyTimeline.pdf

Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, Karlsruhe: www.isi.fhg.de

Delphi-Studie von 1998 als pdf: www.isi.fhg.de/publ/downloads/isi98b07/delphi98-daten.pdf

Österreichischer Delphi-Report: archiv.bmbwk.gv.at/forschung/ materialien/delphi/delphi_report_ austria4227.xml?style=print

Infos zum Foresight-Prozess des BMBF: www.bmbf.de/de/12673.php

DELPHI-THESEN – ÜBERPRÜFT

2007 „Ein einheitliches, unverrauschtes globales Satelliten-Navigationssystem (integrierter Nachfolger von GPS, GLONASS) mit einer Genauigkeit von unter 0,5 Metern wird genutzt.“

Die Europäische Union plant mit „Galileo“ ein solches System. Doch es wird wohl nicht vor 2013 einsatzbereit sein.

2008 „Emissionsfreie Fahrzeuge werden entwickelt, weil lokale Zonen ausgewiesen sind, in denen nur solche Fahrzeuge zum Verkehr zugelassen sind.“

An der Entwicklung von emissionsfreien Fahrzeugen, etwa Elektroautos, arbeiten Ingenieure längst. Doch die für andere Autos gesperrten Zonen gibt es nicht.

2007 „Ein Heiz- und Kühlsystem mit einer Wärmepumpe auf der Basis der Nutzung von Solarenergie wird in Deutschland eingesetzt.“

Die Technologie, um Gebäude mithilfe von Sonnenenergie zu kühlen, steht heute zur Verfügung. Als Kühlgeräte lassen sich auch Wärmepumpen nutzen.

2004 „Sehr präzise Flachbildschirme, die nicht durch elektrische Wellen gestört werden, einen niedrigen Energieverbrauch haben und ohne Braun’sche Röhre arbeiten, sind weit verbreitet.“

Robuste Flachbildschirme verdrängen die herkömmlichen Röhrenmonitore – am Computer und in TV-Geräten.

2007 „Die Mehrheit der Unternehmen entlohnt leistungsbezogen mit Unternehmens-Anteilscheinen (Aktien), weil es sich als motivations- und damit produktivitätserhöhend herausgestellt hat.“

Ende der Neunzigerjahre erlebte die Idee einer Entlohnung durch Aktien einen kurzen Boom. Nach dem Platzen der Internet-Blase ist das jedoch in den meisten Unternehmen kein Thema mehr.

2005 „Standardisierte Verwaltungs- und Büroroutinen werden von kompetentem Personal in Entwicklungsländern via Telearbeit vorgenommen.“

Vor allem in Indien arbeiten seit Jahren zahlreiche Menschen in Verwaltungsjobs für westliche Unternehmen – zum Beispiel in Call Centern.

2008 „Die Haustechnik und Wärmedämmung macht solche Fortschritte, dass gegenüber heute nur noch 20 Prozent der Energie in der Gebäudenutzung verbraucht wird.“

Zwar wurden bei der Haustechnik und Wärmedämmung Fortschritte gemacht – dennoch nahm der Energieverbrauch für Gebäude seit 1998 sogar etwas zu.

2006 „Die internationalen Mobiltelefonnetze sind flächendeckend ausgebaut und so weit standardisiert, dass der Nutzer weltweit mit einem Endgerät und einer einzigen weltweit gültigen und verfügbaren Telefonnummer kommunizieren kann.“

Die Kommunikation mit einer einzigen Telefonnummer klappt gut. Die Technologie der Mobilfunknetze ist zwar nicht einheitlich, doch viele Handys kommen mit allen Netzen weltweit zurecht.

2008 „Die optische Lithographie wird von der Röntgenstrahl-Lithographie als dem dominanten Fertigungsprozess abgelöst.“

Dank diverser technischer Kniffe schaffen es die Mikrochip-Hersteller nach wie vor, Prozessoren und Speicherelemente mit der optischen Lithographie zu fertigen.

2008 „Die vollständige Sequenz des menschlichen Genoms ist bekannt.“

Die Forscher waren schneller als erwartet: Sie schlossen die Entschlüsselung des menschlichen Genoms bereits 2001 ab.

2008 „Video-on-Demand ist weit verbreitet.“

Zwar gibt es in Deutschland inzwischen einige Anbieter von Video-on-Demand, doch deren Nutzerzahl ist noch gering.

2008 „Eine flächendeckende Datenvernetzung zwischen Stromerzeugern und Stromverbrauchern wird allgemein zum effizienten Energie- und Lastmanagement eingesetzt.“

In Deutschland kommen demnächst die ersten „intelligenten Stromzähler“ auf den Markt. Ab 2010 muss jeder Neubau damit ausgerüstet sein.

2007 „Gebührensysteme für die Benutzung von Fernstraßen (z.B. unter Einbeziehung von GPS) werden allgemein verwendet.“

In Deutschland wird Maut lediglich für Lkw verlangt. Konkrete Pläne für eine Pkw-Maut gibt es derzeit nicht.

2008 „Eine Aids-Therapie wird klinisch eingesetzt, mit der der Verlauf der Krankheit in einem frühen Stadium wirksam gestoppt werden kann und bei der die Langzeitfolgen beherrschbar sind.“

Durch Aids-Medikamente lässt sich der Verlauf der Krankheit bremsen. Allerdings sind die Nebenwirkungen gravierend: Es drohen etwa Nervenschäden sowie ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.

2009 „Neue Displaytechnologien wie ,leuchtende Kunststoffe‘ (beliebig formbar) werden reif für den praktischen Einsatz.“

Als „leuchtende Kunststoffe“ gelten heute OLEDs (Organische Leuchtdioden). Sie stecken zum Beispiel schon in Displays von Digitalkameras und Autoradios.

2007 „In Deutschland wird ein umfassendes epidemiologisch ausgereiftes Krebsregister etabliert.“

Bislang führen nur einzelne Bundesländer solche Register, darunter alle ostdeutschen Länder.

2020 „Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung (ohne Wasserkraft) überschreitet in Deutschland 10 Prozent.“

In diesem Punkt waren die Experten der Delphi-Studie zu pessimistisch. Denn die 10-Prozent-Marke beim Anteil von Wind, Biogas & Co am Strommix in Deutschland wurde schon 2007 überschritten.

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