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Gesellschaft+Psychologie

Twitter zeigt sozialen Jetlag

Schläfst du noch oder twitterst du schon? Tweets verraten erstaunlich viel über den Takt unseres Alltags. (Foto: hocus-focus/ istock)

Man muss nicht ins Flugzeug steigen, um an Jetlag zu leiden: Wenn der Arbeitsrhythmus und das Freizeitverhalten der inneren Uhr zuwiderlaufen, zeigen sich ganz ähnliche Symptome wie nach der Durchkreuzung mehrerer Zeitzonen. Wie Forscher nun berichten, lässt sich dieser sogenannte „soziale Jetlag“ sogar an den Aktivitätsmustern in dem sozialen Netzwerk Twitter ablesen. Die öffentlichen Tweets offenbaren demnach erstaunlich viel – von verschobenen Schlafrhythmen bis hin zu möglichen Gesundheitsfolgen.

Unsere Lebensweise steht dem natürlichen Takt der inneren Uhr oft entgegen. So führt der hierzulande übliche frühe Schulbeginn etwa dazu, dass Jugendliche aufstehen müssen, wenn ihr interner Taktgeber noch auf Schlafmodus steht. Noch drastischer ist der Effekt bei Arbeitern im Schichtdienst. Auch Freizeitaktivitäten folgen in unseren modernen Gesellschaften häufig einem Rhythmus, der die innere Uhr des Körpers ignoriert. Dieser sogenannte „soziale Jetlag“ stellt ein echtes Gesundheitsrisiko dar: Studien zeigen, dass ein ständiges Leben gegen den Biorhythmus unter anderem Übergewicht und Stoffwechselstörungen fördern kann. Wie viele Menschen in der Bevölkerung vom sozialen Jetlag betroffen sind und ob sich dieses Problem womöglich weiter verschärft, sind daher Fragen, die Gesundheitsforscher zunehmend beschäftigen.

Werktag oder Wochenende?

Um dieses Phänomen genauer zu untersuchen, rekrutieren Wissenschaftler in der Regel Probanden, die sie beispielsweise zu ihrem Schlafverhalten befragen oder mit speziellen Aktivitätstrackern ausstatten. Doch offenbar geht es auch einfacher. Wie Eugene Leypunskiy von der University of Chicago und seine Kollegen berichten, lässt sich der soziale Jetlag erstaunlich gut an den Aktivitäten in einem allseits bekannten sozialen Netzwerk ablesen: Twitter. Die Forscher haben zwischen 2012 und 2013 die Tweets von rund 240.000 Nutzern aus über 1.500 US-Countys ausgewertet – und die mit Geo-Tags versehenen Veröffentlichungen genutzt, um Muster im Nutzungsverhalten zu dokumentieren.

Die Auswertung dieser Daten gewährte interessante Einblicke: So zeigte der tägliche Rückgang der Tweets nicht nur, wann es auf den Abend und damit die Schlafenszeit zuging. Das Team konnte an den Daten sogar ablesen, ob gerade ein Werk- oder Wochenendtag war. „Ohne frühen Schulbeginn und Busplänen, die die Aufstehzeit diktieren, schlafen Eltern und Schüler länger und loggen sich auch später auf Twitter ein – und sind damit wahrscheinlich mehr im Einklang mit ihrer inneren Uhr“, schreiben die Wissenschaftler. Wie stark die Nutzungszeiten zwischen Werk- und Wochenendtagen schwankten, unterschied sich dabei je nach Jahreszeit: In den meisten Countys war der soziale Twitter-Jetlag im Februar am stärksten und im Juni und Juli am schwächsten ausgeprägt. Wie das Team berichtet, scheint dies vor allem mit den langen Sommerferien zusammenzuhängen, die für viele weniger soziale Verpflichtungen auch unter der Woche bedeuten.

Zusammenhang mit Übergewichtsraten

Besonders interessant auch: Der Blick auf Twitter bestätigte sogar die aus anderen Untersuchungen bekannten Zusammenhänge zwischen sozialem Jetlag und bestimmten Gesundheitsproblemen. Denn neben der Rate der Schichtarbeiter korrelierten die Nutzungsmuster auch mit dem Anteil von Dicken in der Bevölkerung, wie die Forscher berichten. In Countys mit hohen Übergewicht- und Fettleibigkeitsraten war demnach auch der von Twitter ablesbare soziale Jetlag größer als in Regionen mit prozentual mehr normalgewichtigen Bürgern.

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„Ich war beeindruckt, wie viel wir von diesem vollkommen öffentlichen Datensatz erfahren konnten, der ja eigentlich gar nicht darauf ausgelegt ist, etwas über Schlaf und die innere Uhr zu verraten“, konstatiert Leypunskiys Kollege Michael Rust. Trends wie die Verschiebung des Schlafrhythmus können demnach mithilfe bereits vorhandener Daten aus sozialen Netzwerken erforscht werden – wenn die dafür nötigen Informationen zugänglich sind. So profitierten Leypunskiy und sein Team bei der Erhebung auch von einem für die Nutzer eher ärgerlichen Umstand: In der Twitter-App war damals
die Freigabe der Standortinformation automatisch angeschaltet. Dies ist inzwischen nicht mehr der Fall, sodass Forschern weniger öffentliche Tweets mit Geo-Tags zur Verfügung stehen dürften.

Quelle: Eugene Leypunskiy (University of Chicago) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2018.10.016

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