Interview zum Berlinale-Film "Unter Menschen" - wissenschaft.de
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Interview zum Berlinale-Film

„Unter Menschen“

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Peters Hand
Vom Umgang des Menschen mit seinen nächsten Verwandten: Ein bewegender Kinofilm, der am 21. März anläuft, dokumentiert das Leben traumatisierter Schimpansen. Ein Gespräch mit den Filmemachern Claus Strigel und Christian Rost, die für ihre Geschichte tief in den Sumpf aus Tierhändlern, Pharmaindustrie und Regierungsstellen vorgedrungen sind.

Peters_Hand_250.jpgnatur: Herzlichen Glückwunsch zu dieser gelungenen Welturaufführung auf der Berlinale! Die Vorstellungen waren ausverkauft und die Zuschauer wollten nicht mehr aufhören zu diskutieren. Der deutsche Titel des Films „Unter Menschen“ wirkt ja zunächst eher dezent, bis einem im Lauf des Films immer deutlicher wird, welches Drama sich hinter diesen zwei Worten verbirgt…
Claus Strigel: …ja, weil „Unter Menschen“ doppeldeutig ist. Die Schimpansen sind unter die Menschen, unter die Räuber gefallen. Und es kann sehr gefährlich sein, unter die Menschen zu fallen. Mit einem kleinen Rhythmuswechsel gesprochen, klingt es plötzlich wie „Untermenschen“. Da sind wir beim Kernthema des Films. Eigentlich hat uns der Justitiar von Immuno, der Pharmafirma, die die Versuche mit den Schimpansen gemacht hat, auf diese zentrale Frage gebracht: Wer ist der jeweils andere, den wir ‚verwenden‘ dürfen? Wen bezeichnen wir als Untermenschen? Denn er hat uns zur Verteidigung der Tierversuche gesagt, es sei doch ein großartiger Fortschritt, dass heute keine Menschen mehr verwendet würden. In den 50er Jahren waren ‚die anderen‘ Verbrecher. Bei den Nazis waren es Juden, mit denen medizinische Versuche angestellt wurden. Wir wissen aus der Menschheitsgeschichte, dass man immer diejenigen, die nicht dazu gehört haben, indem man sie als ‚die anderen‘ definiert hat, alles antun konnte, was man sich selbst nie antun würde.

Der englische Titel „Redemption impossible“ bringt ein zweites Kernthema des Films zum Ausdruck: Wiedergutmachung ist unmöglich.
Strigel: Was diesen 40 Schimpansen angetan wurde, ist nicht wieder gut zu machen. Sie wurden in den 80er Jahren aus Afrika geraubt. Die meisten von ihnen als Babys. Und bevor sie überhaupt Zeit hatten, spielen oder klettern zu lernen, wurden sie im Labor einzeln in enge Gitterkäfige gesperrt, und als Versuchstiere für die Entwicklung von HIV- und Hepatitis-Medikamente gehalten. Auch wenn eine Wiedergutmachung unmöglich ist, gibt es dennoch diese ergreifende Geschichte des Versuchs der Wiedergutmachung. Denn die zentrale Story, die wir im Film erzählen, ist ja die der Tierpflegerinnen, die 1990 als 17jährige Praktikantinnen ihre Berufsausbildung zufällig in diesem Versuchslabor in Wien begannen und nun dieses weltweit wichtige Resozialisierungsprojekt leiten dürfen.

Im Film sagt eine Pflegerin über ihre Zeit im Labor: ‚Entweder du gehst raus und vergisst, was du gesehen hast, oder du bist gefangen für immer.‘ Sie spricht vom Blick der Schimpansen, der sagt: bitte hilf u ns ! Rost: … ja und gleichzeitig waren sie in dem Dilemma, als Helferinnen an den Versuchen mitzuwirken, indem sie die Tiere pflegten, fütterten, vorbereiteten für Narkosen oder Biopsien. Und dieselben Tierpflegerinnen sind nun an der Geburt der Affen beteiligt, das heißt, sie dürfen diese eingekastelten Wesen dabei unterstützen, endlich Affen zu werden!
Strigel: Ein geradezu mythologischer Stoff von Schuld, Verantwortung und Wiedergutmachung.

Unter_Menschen_Plakat_250.jpgWenn die Geschichte nicht so traurig wäre, könnte man sie als spannenden Politthriller über eine österreichische Mafia sehen. Wie schwierig war es, in diesem Sumpf zu recherchieren?
Strigel: Zunächst hatten wir den Tipp bekommen, einen Regierungsbeamten aufzusuchen. Wir dürfen jetzt an vielen Stellen keine Namen nennen. Das erste, was dieser Mensch sagte war: ‚Sie waren nie bei mir und ich habe nichts gesagt. Und ich werde nicht zitiert.‘ Das Zweite, was er sagte war: Er habe immer gewusst, dass diese ganzen Machenschaften irgendwann einmal ans Tageslicht kämen. Dieser Beamte hatte 30 Jahre darauf gewartet, dass sich jemand für diese Geschichte interessiert. Er hat uns hoch interessante Dokumente überlassen. Leider können wir es ihm im Film nicht danken. Diese Erfahrung, dass uns jemand beim Recherchieren half, aber auf keinen Fall genannt werden darf, hat sich durchgezogen.
Rost: Und bei allen, die wir kontaktiert haben, schlugen die Emotionen hoch. Als ich zum Beispiel die ehemalige Artenschutzbeauftragte der Stadt Wien angerufen und sie auf die Laboraffen angesprochen habe, ist sie sofort in Tränen ausgebrochen. Nach 30 Jahren! Auch sie sagte, sie hätte immer gewusst, dass diese Geschichte sie eines Tages wieder einholen würde. Sie hatte viele brisante Unterlagen gesammelt und fand erst nach so langer Zeit den Mut, die Kiste wieder zu öffnen. Sie hatte all die Papiere damals heimlich auf dem Dachboden ihrer Mutter deponiert, weil sie solche Angst hatte, dass man bei ihr einbricht, ihr nachstellt, die Unterlagen raubt. Es hatte sich ein Kartell des Schweigens gebildet und wir hatten zunächst nur die Ahnung, dass da vieles illegal gelaufen war. Aber wer mit wem genau was eingefädelt und zu verantworten hatte, das kam erst Schritt für Schritt ans Tageslicht.

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Und wer hat mit wem genau?
Strigel: Es war ein Triumvirat aus dem Tierhändler und Schmuggler Sitter aus Sierra Leone, dem österreichischen Honorarkonsul Bieber und einem Gutachter Hofrat Schweiger.

Diese drei Herren haben noch 1986, als Österreich längst dem Washingtoner Artenschutzabkommen beigetreten war, dafür gesorgt, dass 20 Kisten mit Schimpansenbabys nach Wien verfrachtet wurden, um sie der Pharmafirma Immuno für ihre Versuche zu übereignen.

Dazu wurde mit Gutachten getrickst, wurden Einfuhrpapiere gefälscht, Politiker geschmiert und bestochen. Übrigens kannten sich die drei: Sie waren Kriegskameraden und schlugen, so berichten Zeugen, bei der Begrüßung die Hacken aneinander.

Und die Artenschutzbeauftragte Wiens stand auf der anderen Seite…
Rost: Ja. Mit noch einigen anderen engagierten Menschen. Zum Beispiel hatte der WWF damals einen Experten beauftragt, diese Importe zu untersuchen, hat dann aber den eigenen Mann im Regen stehen lassen.

Wie das?
Rost: Immuno hat Daniel Slama, so heißt der ehemalige Mitarbeiter des WWF, mit Prozessen bedroht, die einen Millionenschweren Streitwert hatten, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als aufzugeben. Der besonders perfide Schachzug war, ihn als Privatperson zu verklagen. Und der WWF hat nicht seine schützende Hand über ihn gehalten!

Das heißt, der WWF hat den Mann zunächst losgeschickt und als er mit brisanten Ergebnissen zurückkam, kalte Füße bekommen?
Rost: So war es. Im Film bezeichnet der Artenschutzbeauftragte der Steiermark, Josef Schmuck, den WWF als Mollusken-Organisation, also einen Verband ohne Rückgrat, weil Pharmafirmen beim WWF als Sponsoren Einfluss nähmen und Lobbyarbeit betrieben. Slamas Recherchen gingen ja ganz massiv gegen ihr Interesse, weiterhin ungehindert Tierversuche machen zu können. Slama hat übrigens lange gezaudert, ob er überhaupt vor die Kamera treten soll.
Strigel: Sein erster Satz zu uns war: Da werde ich mir aber viele Knoten in die Zunge machen, wenn ich spreche. Jede Menge Zeugen kommen im Film übrigens gar nicht vor, weil sie nicht vor laufender Kamera reden wollten.

Die meisten sind von Schuldgefühlen geplagt, weil sie sich damals haben einschüchtern lassen. Weil die Immuno jeden, der die Importe oder die Haltung der Affen kritisiert hat, mit teuren Prozessen überzogen hat. Immuno war exzellent darin, ein Klima der Angst zu erzeugen.

Im Übrigen wirkt diese Angst heute immer noch, wenn auch auf andere Art. Denn die Resozialisierung der Schimpansen wird finanziert von Baxter, der Pharmafirma, die Immuno 1999 übernommen hat, und von der damals mauschelnden Landesregierung. Man ist also abhängig von den Verursachern des ganzen Skandals, auch wenn das heute andere Personen sind.

Da wären wir bei der Organisation des Affenprojektes. Der prominente Tierretter Michael Aufhauser von Gut Aiderbichl, der ein ganzes Konsortium von Gnadenhöfen betreibt, hat das Schimpansen-Refugium in seinen Verbund aufgenommen. Die Tierpflegerinnen durften nicht an der Podiumsdiskussion auf der Berlinale teilnehmen, obwohl sie eingeladen waren. Offenbar hat Aufhauser das nicht zugelassen. Warum?
Strigel: Weil Aufhauser auf keinen Fall die Geldgeber verstimmen möchte, indem er oder seine Angestellten etwas Negatives sagen, er hat eine Art Schweigegebot erlassen.
Rost: … wobei dieses Verhalten auch sehr gut zum Gesamtkonzept der Aiderbichler Gnadenhöfe passt. Da wird der schlechten Welt eine gute entgegengesetzt. Aufhauser sammelt als perfekter PR-Profi immense Summen an Spenden ein, um gequälte, geschlagene oder alte Tiere einen schönen Lebensabend zu schenken. Nur das Helfen, Retten und Streicheln wird kommuniziert. Und so ist es nun eben bei den Schimpansen auch: nicht über den Skandal der Laborversuche und die Machenschaften von Regierungsbeamten soll gesprochen werden, sondern Presse und Fernsehen sollen  bitt’schön über die Eröffnung des Freigeheges und die Erfolge der Resozialisierung berichten!

Diesem Wunsch ist „Unter Menschen“ ja offensichtlich nicht nachgekommen. Hat Michael Aufhauser versucht, auf den Film Einfluss zu nehmen?
Strigel: Ja, das hat er. Es ist ihm aber nicht gelungen.

Eigentlich ist Resozialisierung ja das falsche Wort. Sozialisierung wäre zutreffender, denn diese Tiere hatten doch nie die Chance, soziale Wesen sein zu dürfen.
Strigel: Noch schlimmer, ein Affe ist ohne andere Affen eigentlich gar kein richtiger Affe.

Was wir bei den Dreharbeiten gelernt haben, ist, dass diese Schimpansen den ganzen Tag nichts anderes machen als Politik.

Ein dauerndes Abchecken, was macht der andere? Was ist meine Position? Wie reagiere ich, weil der da drüben dieses macht? Was ist, wenn sich zwei umarmen? Fühle ich mich ausgeschlossen? Gehe ich dazwischen oder umarme ich einen anderen? Den ganzen Tag kümmern sich die Affen um das Wesentliche: um Beziehungen. Es geht ihnen darum, ihr soziales Gefüge zu pflegen, es in Ordnung zu halten und Konflikte zu vermeiden.

Wenn die Tierpflegerin Renate von Johannes erzählt, geht einem das sehr nahe. Johannes hat nach Jahrzehntelanger Einzelhaft eine Agoraphobie entwickelt, fürchtet sich also vor großen Räumen und freien Flächen.
Rost: Ja, diese Szene ist wirklich eine besondere. Wir haben immer wieder nach persönlichen Verhältnissen zu einem einzelnen Affen gefragt. Aber Renate hatte stets betont, dass es keine besondere Beziehung zu einzelnen Affen gäbe, die Pflegerinnen liebten alle Affen gleich. Mir kam das vor, wie eine Mutter, die über ihre Kinder redet, und es nie ein Kind gibt, das bevorzugt wird. Doch dann passierte folgendes: Wir gehen beim Dreh mit ihr an ein Gehege, und in der Sekunde als Johannes sich zu ihr gesellt, wird auf einmal mit wenigen Gesten und Blicken deutlich, dass es da eine ganz  besondere und intensive Liebesbeziehung gibt. Das war offenbar schon im Labor so. Johannes hatte ihr immer wieder ein Haar geschenkt, wenn sie ihn pflegte, wenn sie einander gegroomt, also gelaust haben. Wie sie über ihn spricht, über seine Ängste, oder darüber, dass er in kürzester Zeit das Dreifache an Muskelmasse zugelegt hat, weil er sich bewegen durfte – da blieb mir die Luft weg. Ja, es gibt echte Liebe zwischen Mensch und Affe.

Im Film sind unglaublich berührende Szenen zu sehen, wie die Affen heute leben. Wie hat es sich für euch menschliche Primaten angefühlt, mit euren nächsten Verwandten zu drehen?
Strigel: Zunächst einmal war es schwierig, in dem Gehege überhaupt zu drehen, weil die Schimpansen es nicht gewohnt sind, dass da Fremde herumturnen. Man bringt ganze Gruppengefüge durcheinander und die Situation kann eskalieren, weil das Alphamännchen zeigen will, dass es Alphamännchen ist. Dann haut es einem anderen eine rein und plötzlich geht der absolute Terror los. Wir mussten deshalb sehr vorsichtig sein und haben mit einem winzigen Team gedreht. Einmal durften wir während der Reinigungsarbeiten in die Wohnräume der Schimpansen hineingehen. Es war natürlich toll, Aufnahmen von innen machen zu dürfen und die Tierpflegerinnen beim Futterverstecken zu begleiten. Das fand aber unter immensem Zeitdruck statt, weil die Affen, die in der Zeit draußen in Käfigen warten müssen, wieder rein wollen und einen Höllenlärm machen, der einem den Puls hochjagt. Es musste also alles ganz schnell gehen. Durch dieses Hetzen habe ich meine Jacke mit Sonnenbrille und Funkgerät im Gehege vergessen.

Darüber haben sich die Affen sicherlich gefreut…
Strigel: … Schimpansin Gabi nahm meine Jacke, roch daran, leerte alle Taschen aus, und stellte sich offensiv vor das Gitter, wo auf der anderen Seite eine Tierpflegerin mit einem Stock versucht hat, sie zurück zu angeln. Gabi hat das natürlich nicht zugelassen, sie hat alles sehr demonstrativ gemacht: Schaut her, das ist jetzt meine! Ach, ihr wollt die gerne wieder haben? Nein, nein, wo denkt ihr hin, die gehört jetzt mir. Dann nahm sie sehr interessiert meine Sonnenbrille aus der Tasche, später hat sie versucht, die Brillengläser am Beton zu schleifen und das Funkgerät wurde in sämtliche Einzelteile zerlegt. Meine Jacke ist nun übrigens Bestandteil von Gabis Nest.
Rost: Es gab beim Drehen auch eine brenzlige Situation, in der das Foto mit der Hand entstanden ist. Claus hatte versucht, die Hand von Johannes herauszulocken, indem er seine Finger vorsichtig durchs Gitter steckte. Claus blickte einen kurzen Moment zum Kameramann, ob er die Aufnahme im Kasten hat, da griff Johannes plötzlich zu, glücklicherweise um Millimeter daneben…
Strigel: … das Beeindruckende war die Geschwindigkeit…
Rost: … eine affenartige Geschwindigkeit! Schimpansen sind nicht nur ein Vielfaches stärker, sondern 10mal schneller als wir.

Auch wenn die Schimpansen nichts Böses im Sinn haben, sie rechnen einfach nicht damit, dass wir so empfindliche, zerbrechliche Wesen sind. Der Finger wäre ab gewesen.

Und wie zur Abschreckung haben die Pflegerinnen uns später einen abgerissenen Affenfinger und einen herausgerissenen Hoden gezeigt, in Formalin eingelegt. Diese Unfälle waren bei den ersten Gruppierungsversuchen passiert.

Die meisten von uns kennen Schimpansen nur aus Naturfilmen oder aus dem Zoo. Ihnen so nah zu kommen, dass man ihre Fingerspitzen berühren kann, das muss ein starkes Erlebnis sein.
Strigel: Ich hatte ja noch nie mit Schimpansen zu tun. Ich kenne Hunde sehr gut, und weiß, wie es sich anfühlt, in Hundeaugen zu blicken. Doch in die Augen von Schimpansen zu schauen, war eine unglaubliche Erfahrung. Der lange Blickkontakt – und die schauen einen auch wirklich an – hat mich erschüttert, weil da einerseits eine tiefe Verwandtschaft ist, die man da spürt und gleichzeitig eine ganz tiefe Fremdheit. Das scheint sich zunächst zu widersprechen, aber dann habe ich verstanden, dass es der Blick in die eigene, sehr weit zurück liegende Vergangenheit ist.

Umwerfend ist auch die Geräuschkulisse im Film.
Strigel: Die ist unter anderem der Grund für das extreme Gefühl, wenn man in diese absolut hermetischen Räume eintritt. Dort herrscht nämlich zunächst einmal ein Lärm, der einen fast in Panik versetzt. Wie bei einer Gefängnisrevolte schaukeln sich Stimmen und Geräusche allmählich hoch. Die Affen kommunizieren durchs ganze Gebäude, der Lärm pflanzt sich fort, dann wird es allmählich wieder stiller. Dann fängt wieder irgendwo irgendeiner an und es schaukelt sich wieder auf. In dem Zusammenhang vielleicht noch ein Wort zur Filmmusik: Der Groove kommt allein von den Affen! Die haben entdeckt, dass sie, wenn sie gegen die Gitter klopfen, einen riesigen Resonanzkörper haben. Mit den Füßen können die einen unglaublichen Bass erzeugen, mit tollem Rhythmus. Wie eine Bigband. Nur das Xylophon ist von unserem Musiker, der zu den Affen spielt.
Rost: Mit ihrem Krach zwingen die Schimpansen übrigens auch die Pflegerinnen in die Knie. Wir haben im Film die kleine Szene, in der eine von ihnen den Mund ganz weit aufmacht, um die Ohren wieder frei zu bekommen. Der Druck ist so stark wie beim Tauchen oder bei einer Flugzeuglandung, die Trommelfelle werden einem richtig in den Kopf gedrückt.

Im Film sieht man auch heftige Spuckszenen.
Strigel: Oh ja! Darunter hatte vor allem unser Kameramann zu leiden. Einmal hörten wir ihn plötzlich über Funk schimpfen und jammern, weil er, wie sich herausstellte, von Xsara bespuckt wurde. Sie kann das so gut, dass er danach pitschnass war. Er musste duschen, Kleider wechseln, alles. Es waren Fontänen! Xsara konnte auch präzise aufs Mikro spucken. Das machte ihr einen höllischen Spaß.
Rost: Eine artistische Leistung! Wir haben uns immer gefragt, wie kann so viel Wasser in dieses Maul passen?

Wie kommt es, dass es Schimpansen gibt, die im Labor geboren wurden? Die Tiere waren doch alle in Einzelkäfigen?
Strigel: Man hat versucht, den eigenen Bedarf zu züchten…
Rost: …nachdem keine Affen mehr importiert werden konnten, weil es immer schwieriger wurde, illegalen Handel mit Schimpansen zu treiben und Österreich sich eine Rüge der Artenschutzkonferenz in Toronto eingefangen hatte…
Strigel: … gab es bei Immuno zahlreiche Versuche, Affen zusammenzubringen.

Die Tierpflegerinnen mussten Pornos vorführen, um ihnen zu zeigen, wie es geht.

Das muss sehr bewegend gewesen sein, denn einerseits durften sie einsame, isolierte Affen zusammenbringen, aber andererseits wussten sie doch wofür. Die Tiere würden nach dem Akt ja wieder getrennt und mögliche Kinder wiederum für die Forschung in Käfigen sitzen. Die Pflegerinnen haben also gehofft, dass die Affendamen nicht schwanger würden!
Rost: Bei den meisten Affen hat es ohnehin nicht funktioniert. Sie waren gar nicht in der Lage, diese Nähe zuzulassen. Ein einziges Affenpaar hat sich gefunden, bei ihnen entstand so etwas wie Liebe und das Weibchen wurde tatsächlich schwanger. Diese Affenmutter brachte drei oder vier Babys zur Welt. Und es kam, wie es kommen musste: Sie wurden auseinander gerissen, was zu neuen Traumatisierungen der Tiere und der Pflegerinnen führte.
Strigel: Interessanterweise gibt es auch heute im Affenhaus keinen Sex. Auch nicht in den gemischtgeschlechtlichen Gruppen. Die Männchen schlagen lieber die Hände überm Kopf zusammen, als sich mit einem Weibchen einzulassen.
Rost: Sie haben es nie gelernt, denn auch Sex ist nicht nur Trieb, sondern hat etwas mit sozialer Beziehung zu tun, die man voneinander lernt. Was sie schon machen: sie masturbieren, aber das ist eben wieder eine Beschäftigung nur mit sich selbst. Man kennt zwar den eigenen Trieb, weiß aber nicht, wofür er da ist.

Es gibt auf der Website zum Film folgenden Text: „Stell dir vor, du erwachst in einer Kiste. Immerhin so hoch, dass du stehen kannst. Man behandelt dich gut: täglich bekommst du durch die Klappe dein Essen. Jahrzehnte vergehen. Dein Aufenthalt dient einem höheren Zweck. Aber das kannst du nicht wissen.“ Dieser höhere Zweck wird im Film mehrfach als „im Dienste der Menschheit“ bezeichnet. Es kommt einem vor wie eine Sprachregelung, die getroffen wurde…
Strigel: … genau so ist es. Das Perfide an diesem ‚Dienstverhältnis‘ ist, dass die Tiere keine Chance haben, diesen höheren Zweck zu verstehen. Wenn Menschen etwas widerfährt, dessen Sinn sie nicht verstehen können, macht sie das verrückt. Und eben dieses macht auch Tiere verrückt.

Stehen Primaten eigentlich immer noch in unserem ‚Dienst‘?
Rost: Ja. Alleine in den USA werden dieses Jahr von 800 registrierten Schimpansen 169 ‚in Ruhestand‘ versetzt, sprich: aus den Pharmalaboren entlassen. Der Horror geht aber noch weiter. Das Europäische Patentamt hat im vergangenen Jahr drei Patente auf genmanipulierte Schimpansen erteilt, deren Immunsystem ‚humanisiert‘, also dem des Menschen angeglichen wurde, damit man an ihnen noch besser Medikamente testen kann.
Strigel: Auch ein Epilepsie-Affe wurde extra entwickelt, um ihn der Forschung anzubieten.
Rost: Es geht also heute nicht mehr um gefangene Affen aus dem Dschungel, sondern wir bauen uns wie Frankenstein ein Wesen, das aussieht wie ein Schimpanse, aber innerlich an den Bedürfnissen der Pharmaindustrie ausgerichtet ist.

Hat sich Eure Einstellung zu Tierversuchen durch die Arbeit am Film verändert?
Strigel: Nein, nur präzisiert. Ich würde nicht auf medizinische Errungenschaften verzichten, die in der Vergangenheit durch Tierversuche gewonnen wurden. Aber in die Zukunft gedacht, meine ich, müssen wir auf Fortschritte verzichten, die nur auf diesem Wege gemacht werden können. Vielleicht finden wir ja andere Wege. Wir sollten uns aber auch bewusst machen, dass Tierversuche insofern marginal sind, da sie zahlenmäßig verschwindend gering sind gegenüber den Nutztieren, die in der Massentierhaltung misshandelt werden. Es wäre also der viel effektivere und leichtere Weg, dort etwas zu ändern!

Am Ende des Films sieht man die ersten Schritte, die die Affen nach Jahrzehnte langer Haltung in Innenräumen, ins Gelände tun dürfen. Zum ersten Mal in ihrem Leben können sie den Himmel sehen und Gras unter ihren Füßen spüren.
Strigel: Mich hat ein Schimpansenmann am meisten beeindruckt, der sich hoch aufrichtete wie ein Mensch und los lief. Und ich wusste: So lange ist der noch nie in seinem Leben geradeaus gegangen. Er lief und lief. Ich habe seinen Genuss gespürt, einfach geradeaus laufen zu dürfen.

Das Interview führte Ilona Jerger.
Ilona Jerger konnte bei einer Filmszene kaum die Tränen zurückhalten, in der zwei Affendamen nach Jahrzehnten zum ersten Mal aus ihren Einzelkäfigen heraus dürfen. Ingrid und Pünktchen gehen verwundert aufeinander zu und umarmen sich. Minutenlang.

Alle Fotos: DENKmal-Film.

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© natur.de – Ilona Jerger
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