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Gesellschaft+Psychologie

Warum der Gorilla verloren geht

Nicht alles, was ins Auge fällt, kommt auch im Gehirn an. Erst die Hirnfunktion „Aufmerksamkeit “ macht das Gesehene bewusst. Diese Filterfunktion bewahrt uns vor einem Nachrichten-Chaos. Sie kann aber auch tödliche Auswirkungen haben.

Manchmal sind die Folgen des Phänomens komisch: Bei Philadelphia teerten Arbeiter über einen toten Hirsch hinweg, der gut sichtbar am Straßenrand lag. Sie hatten ihn nicht bemerkt.

In anderen Fällen sind die Folgen tragisch: Vor fünf Jahren rammte ein amerikanisches U-Boot einen japanischen Fischkutter und tötete neun Menschen. Der U-Boot-Kommandant hatte das Gewässer vorher durch das Periskop gemustert, aber den Trawler nicht gesehen.

Auch Piloten entgeht leicht Entscheidendes. Bei einem Test im Simulator versuchten selbst erfahrene Flugzeugführer zu landen, obwohl vor ihren Augen eine andere Maschine gut erkennbar die Landebahn versperrte.

Im Cockpit des Testfliegers wurden die Instrumente in die Frontscheibe eingespiegelt, so dass die Piloten gleichzeitig die Anzeigen und das Geschehen draußen, auf dem virtuellen Rollfeld, verfolgen konnten – jedenfalls in der Theorie. In der Praxis blickten die Piloten direkt auf das Hindernis und steuerten dennoch darauf zu. Hinterher gaben sie zu Protokoll, dass sie das Hindernis überhaupt nicht gesehen hätten. Die virtuellen Bruchpiloten widmeten ihre Aufmerksamkeit offenbar den Instrumenten. Das im Ernstfall fatale Flugzeug direkt vor ihrer Nase verpassten sie.

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Psychologen nennen dieses Phänomen „Blindheit mangels Aufmerksamkeit“ (Inattentional Blindness). Es genügt nicht, dass die Augen oder Ohren etwas einfangen und ans Gehirn weitergeben. Erst die Aufmerksamkeit sorgt dafür, dass uns etwas bewusst wird. Sie arbeitet wie ein Scheinwerfer, der bei einem Konzert den Sänger erfasst und die Begleitmusiker im Dunkeln lässt.

Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Menschen scheitern häufig, wenn sie mehrere Dinge gleichzeitig wahrnehmen. „Bei den Folgen dieses Phänomens kann es um Leben und Tod gehen“, warnt die Psychologie-Professorin Arien Mack von der New Yorker New School University: Deshalb sei es beispielsweise „eine ausgesprochen schlechte Idee, am Steuer zu telefonieren“. Daran ändert auch eine Freisprech-Einrichtung nichts – siehe Kasten „Eigenwillige Konsequenz“.

Zwar war schon Aristoteles klar, dass Menschen „nicht sehen, was vor ihre Augen geführt wird, wenn sie in Gedanken versunken sind, verängstigt sind oder ein lautes Geräusch hören“. Aber diese Erkenntnis des Philosophen hat sich nicht durchgesetzt. Arien Mack spottet: „Die meisten Leute haben den Eindruck, dass sie das sehen, was da ist, wenn sie nur ihre Augen aufmachen.“

Doch Psychologen haben in teils spektakulären Experimenten mit vielen Tausend Teilnehmern nachgewiesen: Schauen nützt nichts, wenn die Aufmerksamkeit woanders weilt.

Anfang der Siebzigerjahre entwarf Ulric Neisser von der Cornell University einen der ersten Versuche dazu. Seine Testpersonen starrten auf einen Bildschirm, auf dem zwei durchscheinende, übereinander gelegte Filme gleichzeitig abliefen. Der erste zeigte ein Hände-Klatsch-Spiel in Großaufnahme. Der zweite präsentierte ein Basketballspiel.

Die Teilnehmer mussten zählen, wie oft der Ball von einem Spieler zum anderen wechselte. Viele merkten nicht, dass während ihrer Zählarbeit die Hände das Klatschen aufgaben und einander schüttelten. Neisser war damals einer der renommiertesten Denkpsychologen der Welt. Doch dieses Ergebnis ignorierten seine Kollegen, weil es nicht zu ihren simplen Wahrnehmungstheorien passte.

Erst vor ein paar Jahren griffen andere Psychologen Neissers Experimente auf. Sie montierten zwei spielende Basketball-Teams übereinander – eines in schwarzen Trikots, eines in weißen. Wieder bestand die Aufgabe darin, die Ballwechsel zu zählen, aber nur die des einen Teams. Das verlangt Konzentration. Plötzlich spazierte eine Frau mit einem aufgeklappten Schirm durchs Bild. Niemand, der die Filmmontage ohne Aufgaben gezeigt bekam, übersah die Schirmherrin. Doch zwei Dritteln der Versuchspersonen, die ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Ballwechsel richteten, entging sie.

Weil das so gut klappte, wurden Daniel Simons von der University of Illinois und sein Harvard-Kollege Christopher Chabris übermütig. Der Psychologie-Professor startete eine Studie, die später unter der Überschrift „Gorillas in unserer Mitte“ veröffentlicht wurde.

Er verwendete ein Video, in dem die Spieler nicht mehr durchscheinend waren, sondern realistisch gezeigt wurden. Nach einer halben Minute mischte sich eine als Gorilla kostümierte Frau unter die Spieler, drehte das Affenhaupt plötzlich zur Kamera und trommelte sich mit beiden Pfoten auf die behaarte Brust. Sie war neun Sekunden lang im Bild, bevor sie zur anderen Seite wieder abtrat. Die Hälfte der Bälle zählenden Versuchspersonen nahm sie überhaupt nicht wahr. Als die Versuchsleiter ihnen hinterher erklärten, wer da durchs Video marschiert war und es auch noch einmal zeigten, riefen einige Teilnehmer ungläubig: „Das habe ich übersehen?!“

Was wie ein lächerliches Versagen aussieht, ist in Wirklichkeit eine wichtige Leistung des Gehirns: Das knappe Gut Aufmerksamkeit wird nicht für etwas verschwendet, das im Moment unwichtig ist: Die Teilnehmer verpassten den Gorilla besonders oft, wenn sie die Ballwechsel des weiß gekleideten Teams verfolgten. Der Gorilla war schwarz, er wurde mit den schwarzen Spielern ignoriert. Achteten die Teilnehmer dagegen auf die schwarzen Spieler, entging er ihnen bloß halb so oft.

Nur wenn die Aufmerksamkeit mit der aktuellen Aufgabe nicht ausgelastet ist, kümmert sie sich um das, was sonst noch so los ist: Versuchspersonen, die genügend Übung hatten, die Ballwechsel einer Sorte Trikotträger zu zählen, bemerkten die Frau mit dem Schirm doppelt so oft. Dies widerlegt den gegen die Experimente vorgebrachten Einwand, das Übersehene komme einfach zu überraschend.

Das Phänomen Aufmerksamkeit wirft allerdings ein scheinbares Paradoxon auf: Wenn wir etwas sehen wollen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. „Aber um die Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, muss man doch bereits wahrnehmen, worauf man seine Aufmerksamkeit richten will“, lockt der Philosoph Alva Noë auf die falsche Fährte. Natürlich kennt Noë die Lösung: Unser Gehirn verarbeitet viele Seh-Eindrücke, ohne dass wir das bewusst mitbekommen. Es sortiert vor und richtet den Schweinwerfer der bewussten Aufmerksamkeit nur auf das Wichtigste.

Die Vorstellung einer unbewussten Wahrnehmung widerspricht all unseren Empfindungen. Doch die Forschung hat zahllose Belege zusammengetragen. Ein schlagendes Beispiel sind die Experimente zum so genannten Priming (von englisch „to prime“, etwas scharf machen). Dabei wird auf einem Bildschirm ein Wort so kurz gezeigt, dass es nicht bewusst zu erkennen ist. Doch wenn Versuchspersonen anschließend die ersten Buchstaben dieses Worts gezeigt bekommen und raten müssen, wie es weiter gehen könnte, fällt ihnen öfter als zu erwarten das ursprüngliche Wort ein.

Überdies kann die unbewusste Wahrnehmung die bewusste beeinflussen, wie ein raffiniertes Experiment der Psychologie-Professorin Cathleen Moore von der Pennsylvania State University beweist. Sie zeigte ihren Versuchspersonen auf einem Bildschirm zwei ungefähr gleich lange gestrichelte Linien vor einem Punktmuster im Hintergrund. Dieses Raster aus schwarzen und weißen Punkten nahmen die Versuchspersonen jedoch kaum wahr. Die ganze Darbietung, nach der sie angeben sollten, welche der Linien länger war, dauerte nur eine fünftel Sekunde. Die Bestimmung der Linienlängen gelang den Teilnehmern normalerweise sehr gut. Doch wenn die Rasterpunkte im Hintergrund als schräge Linien hervorgehoben waren, die sich wie die Federn eines Pfeils an die Enden der geraden Linien hefteten, entstand eine optische Täuschung:

• Zeigen die schrägen Linien nach innen, erscheint die gerade Linie kürzer.

• Zeigen sie nach außen, erscheint sie länger.

Wie eine Nachbefragung ergab, sahen die Teilnehmer die schrägen Linien nicht bewusst. Doch ihr Wahrnehmungsapparat reagierte darauf und erzeugte die Längen-Illusion.

Egal ob wir bewusst hinsehen oder nicht: Das Gehirn ist pausenlos damit beschäftigt, den Input zu analysieren, den unsere Augen liefern. Das haben niederländische Forscher mit Hilfe eines Magnetresonanztomographen herausgefunden: Im Gehirnscan zeigen sich verräterische Aktivitäten auch bei Reizen, die nicht bewusst beachtet werden. Diese unbewussten Analysen fallen sehr detailliert aus: Taucht etwa irgendwo unbeachtet der eigene Name geschrieben auf, wird die bewusste Aufmerksamkeit unverzüglich alarmiert. Ist aber auch nur ein einziger Buchstabe falsch, bleibt das Geschreibsel unbemerkt.

Würden wir alles so ungefiltert sehen, wie unsere Augen es liefern, wäre ein Chaos unvermeidlich. Denn sie senden keineswegs ein so ununterbrochenes Bild wie eine Videokamera. Jede Sekunde springen sie drei oder vier Mal von einem Detail der Umgebung zu einem anderen. Diese Sprünge werden „Sakkaden“ genannt. Wir bemerken sie in der Wahrnehmung nicht, weil das Gehirn uns darüber hinwegtäuscht. Die Wahrnehmungslöcher sind einer der Gründe für ein Phänomen, das mit der Blindheit mangels Aufmerksamkeit eng verwandt ist: die so genannte Veränderungsblindheit (change blindness).

Die folgenden Sätze sollte eigentlich jeder unterscheiden können:

DiEs IsT eIn TeStSaTz.

dIeS iSt EiN tEsTsAtZ.

Kein einziger Buchstabe bleibt beim Wechsel vom ersten Satz zum zweiten gleich. In den siebziger Jahren glaubten die Wissenschaftler, der Wechsel müsse beim Lesen auch über Sakkaden hinweg zu erkennen sein: Ein Sehspeicher, so die Vorstellung, halte das erste Bild fest und ermögliche einen Vergleich mit dem zweiten.

Um das zu prüfen, konstruierte ein Team der University of Illinois um den Wahrnehmungsforscher George McConkie eine aufwendige Apparatur. Sie präsentierte die beiden Sätze auf einem Bildschirm und wechselte sie genau in dem Moment aus, in dem die Maschine eine Sakkade bei der Testperson registrierte. Ein Teammitglied sollte die Apparatur zunächst einmal prüfen – und verkündete, sie sei defekt: Man sehe keinen Wechsel. Die umstehenden Kollegen staunten: Sie hatten die Veränderung sehr wohl gesehen. Denn die Wechsel waren eben nicht auf ihre – anders getakteten – Sakkaden abgestimmt.

Es gibt also keinen Sehspeicher, der ein vollständiges Bild über eine Sakkade retten würde. Deshalb ist es unglaublich schwierig, die Veränderungen zwischen zwei Bildern zu erkennen, wenn die Wahrnehmung punktgenau in der Aufmerksamkeitslücke unterbrochen wird: Die Wissenschaftler in Illinois ließen Versuchspersonen ein Foto mit zwei Cowboys betrachten, die auf einer Bank saßen. Während einer Sakkade vertauschte der Computer die Köpfe der Cowboys. Die Hälfte der Betrachter merkte es nicht.

Offensichtlich entgeht uns nicht nur mangels Aufmerksamkeit vieles. Selbst das, was wir bewusst sehen, ist oft schnell zu einem Großteil vergessen. Nur das Allerwichtigste – zwei Cowboys sitzen auf einer Bank – bleibt haften.

Wer denkt, ihm könne das – vor allem im Alltag– nicht passieren, könnte sich täuschen. Ein Student von Simons fragte einen Passanten nach dem Weg. Während sich der Gefragte mit einer Wegbeschreibung abmühte, trugen zwei scheinbar rücksichtslose Burschen eine Tür zwischen den Gesprächspartnern hindurch. In diesem Augenblick tauschte Simons den fragenden Studenten aus.

Als die Tür die Sicht wieder frei gab, hatte der Frager gewechselt: Der neue Mann trug eine andere Kleidung, hatte das Haar anders geschnitten und sprach mit veränderter Stimme – das alles irritierte jeden Zweiten der Erklärenden nicht im mindesten. Befragte Studenten merkten den Austausch am ehesten, ältere Passanten dagegen kaum. Wie weitere Versuche bestätigten, werden Angehörige der eigenen Gruppe vergleichsweise genau unterschieden. Die Älteren registrierten offenbar nur „ irgendeinen Studenten, der nach dem Weg fragt“ und schauten ihn sich nicht näher an.

Sich bloß mit dem Wesentlichen abzugeben, ist aus der Sicht von Daniel Simons äußerst sinnvoll. Auf einer belebten Straße etwa geschehe so viel gleichzeitig, dass ohne Konzentration nur „ blühende, brummende Verwirrung“ wahrzunehmen wäre.

Was für wen wichtig ist, zeigte sich sehr schön in einem Experiment, das der Psychologe Barry Jones an der University of Glasgow durchführte: Studenten sollten den Unterschied zwischen zwei Fotos erkennen, die sich auf einem Bildschirm schnell abwechselten. Dazwischen wurde der Monitor mit lauter „X“ gefüllt, was wie eine Sakkade die Wahrnehmung unterbrach. Ein Teil der Studenten trank gerne Alkohol, wie eine Befragung zuvor ergeben hatte. Im Vergleich zu den anderen merkten die Alkoholfreunde deutlich schneller, dass die Schnapsflasche auf dem einen Bild mit dem Etikett nach hinten statt nach vorne stand. ■

Jochen Paulus

Ohne Titel

Als der Fahrer aus dem Wagen stieg, mit dem er gerade das Auto seines Vordermanns gerammt hatte, hielt er das Handy immer noch ans Ohr. Episoden wie diese sorgen schon seit Längerem für Zweifel, ob Telefonieren beim Lenken und Verkehrssicherheit zusammenpassen.

Donald Redelmeier und Robert Tibshirani von der University of Toronto gingen dem Verdacht nach. Sie werteten die Protokolle von fast 700 Unfallfahrern aus. Dabei zeigte sich: Das Risiko eines Crashs steigt auf das Vierfache, wenn der Fahrer telefoniert. Die Ergebnisse wurden 1997 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Der deutsche Gesetzgeber hat aus solchen Erkenntnissen eine eigenwillige Konsequenz gezogen:

• Wer beim Autofahren mit Handy am Ohr geschnappt wird, zahlt 40 Euro.

• Wer dank Freisprecheinrichtung die Hände am Steuer lässt, darf plaudern – mit dem Segen des Gesetzes.

Diese Vorschrift könnte aus dem Rathaus von Schilda stammen. Denn alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen: Die Hand am Handy ist das kleinste Problem. Die wirklich fatale Störung entsteht im Kopf. Telefonierende Autofahrer sind oft mit Blindheit geschlagen, weil ihre Aufmerksamkeit dem Gespräch und nicht dem Verkehr gilt.

Frank Drews, ein deutscher Psychologie-Professor an der amerikanischen University of Utah, hält Freisprechanlagen deshalb für eine Farce. Darauf deuteten schon die Ergebnisse von Redelmeier hin. Den bis dato ausstehenden Beweis hat Drews nun mit seinem amerikanischen Universiätskollegen David Strayer geliefert. Die beiden ließen 121 Versuchspersonen im Simulator hinter einem anderen Auto herfahren. Wenn die Teilnehmer dabei telefonierten, rammten sie den Wagen des Vordermanns doppelt so oft wie bei ungestörter Fahrt. Ob sie das Gerät in der Hand hielten oder frei sprachen, spielte wieder einmal keine Rolle.

Die virtuelle Schadensbilanz ist kein Wunder: Die schwatzenden Fahrer brauchten fast 20 Prozent länger, um auf die Bremse zu treten. Die Reaktionszeit der 20-Jährigen entsprach der von ungestörten 70-Jährigen.

Beim Telefonieren sehen die Augen das Geschehen zwar, doch das Gehirn nimmt es nicht mehr richtig auf. Das Problem liegt dabei weniger in der Konversation an sich, sondern in der speziellen Variante des Fernsprechens. Wer mit seinem Beifahrer redet, verfehlt die richtige Abfahrt viel seltener als der Telefonierer, so ein weiteres Ergebnis. Denn Beifahrer sehen den Verkehr. Sie geben sinnvolle Hinweise oder halten wenigstens den Mund, wenn der Fahrer sich konzentrieren muss.

Auch Radios sind harmlos, denn sie erwarten keine Antworten. Beim Gesprächspartner am Telefon ist das anders. „Da muss ich überlegen, was ich an klugen Sachen sagen kann“, kommentiert Drews, „und das erfordert wesentlich mehr kognitiven Aufwand als das passive Zuhören.“

COMMUNITY Internet

Das Labor von Daniel Simons zeigt Video-Demonstrationen inklusive Gorilla:

viscog.beckman.uiuc.edu/djs_lab/ demos.html

Englischsprachige Aufsätze von Daniel Simons und seinen Mitarbeitern:

viscog.beckman.uiuc.edu/reprints/ index.php

Video von der Verleihung des Ig-Nobel-Preises an Daniel Simons und Christopher Chabris. Die Gorilla-Passage beginnt bei Laufzeit 1 Stunde, 4 Minuten:

www.improb.com/ig/2004/ 2004-live-webcast.html

LESEN

David Strayer, Frank Drews

PROFILES IN DRIVER DISTRACTION: EFFECTS OF CELL PHONE CONVERSATIONS ON YOUNGER AND OLDER DRIVERS

Human Factors, Vol. 46, No. 4 Winter 2004, S. 640–649

Arien Mack, Irvin Rock

INATTENTIONAL BLINDNESS

MIT Press/Bradford Books 2000

ISBN 0262133393

ca. € 25,–

Ohne Titel

• Unsere Augen und Ohren sind einem Trommelfeuer von Informationen ausgesetzt.

• Würde alles ungefiltert ins Gehirn dringen, gäbe das ein unbrauchbares Nachrichten-Chaos.

• Die Schleuse „Aufmerksamkeit“ lässt deshalb nur die wichtigen Eindrücke passieren.

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frus|trie|ren  auch:  frust|rie|ren  〈V. t.; hat; Psych.〉 jmdn. die Befriedigung eines Bedürfnisses versagen, jmds. Erwartung enttäuschen ... mehr

Bar|ben|kraut  〈n. 12u; Bot.〉 = Laichkraut

Was passiert eigentlich wenn radioaktiv verstrahlte Personen Kinder kriegen wollen? Kommen die dann mit Mutationen und Erbkrankheiten zur Welt? Haben die eine erhöhte Chance, selber Krebs zu bekommen? Das Ganze sind nicht nur hypothetische Fragestellungen für Überlebende von Hiroshima und Nagasaki, Liquidatoren von Tschernobyl und Arbeitern aus Fukushima, sondern ganz konkrete Problemstellungen für mich und andere Leute nach überstandener medizinischer Strahlentherapie.

Bei meiner Strahlentherapie habe ich doppelt so viel Strahlung abbekommen wie der durchschnittliche Arbeiter in Tschernobyl. Das gilt auch für viele andere Personen, die eine medizinische Strahlentherapie hinter sich hatten, ist aber in der aktuellen Weltlage so ziemlich die einzige Möglichkeit genug Strahlung abzubekommen, damit die obige Fragestellung relevant wird. Die Menschen, die durch einen Strahlenunfall aktuell eine deutlich hohe Dosis abbekommen haben, kann man dagegen weltweit an einer Hand abzählen. Wenn man eine Zahl im zweistelligen (oder höheren) Bereich haben will, dann muss man zu den großen historischen Unfällen gehen, die ich weiter oben erwähnt habe.

Dabei gibt es einen großen Unterschied zwischen Krebspatienten mit Strahlentherapie und Menschen, die nur Strahlung abbekommen haben. Denn so ziemlich alle Chemo-Medikamente wirken auch auf die Genetik der Fortpflanzung. Meine Gedanken dazu habe ich damals in meinem Tagebuch-Beitrag beschrieben und werde ich hier nicht nochmal durchkauen. Hier soll es nur um Menschen gehen, die ausschließlich ionisierende Strahlung abbekommen haben. Krebspatienten wenden sich bitte an ihre behandelnden Ärzte.

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Also bekommen verstrahlte Leute nun Babys mit höherem Krebsrisiko oder anderen Mutationen? Die verblüffende Antwort darauf ist ein klares ‘Nein’. Nach allem, was wir heute wissen, gibt es kein signifikant erhöhtes Risiko für Kinder von verstrahlten Menschen.

Die größte Studie dazu ist wohl wieder mal die LSS – Life Span Study, basierend auf den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki [1]. Hier wurden über 120.000 Überlebende lebenslang medizinisch begleitet und ihre Gesundsheitslebensläufe dokumentiert. Dabei wurde herausgefunden, dass es keinerlei statistisch signifikanten erhöhten Krebsraten oder Krankheiten bei den Kindern der Atombombenüberlebenden gibt. Wobei die Untersuchungen immer noch andauern, weil die Kinder der Überlebenden aktuell eben maximal 70 Jahre alt sind und somit ihre gesamt Lebensstatistik noch nicht erfasst worden ist.

Letzteres ist streng genommen nicht nur eine akademische Einschränkung, denn die 70 jährigen Kinder der Atombombenabwürfe sind jetzt gerade in dem Alter, in dem Menschen normalerweise an altersbedingten, normalem Kreb erkranken. Aber die Betreuer der Studie(n) erwarten da eigentlich keine größeren Überraschungen mehr, auch wenn man formal die Beobachtung erst in ca. 30 Jahren abschließen kann.

Wie kommt es nun zu dieser recht klaren Beobachtung, die der vorherrschenden Meinung in Popkultur, Romanen und Science-Fiction Büchern widerspricht?

Nun ja, die vorherrschende Meinung findet halt Gefallen an dreiäugigen Fischen, Godzilla-artigen Echsen und dreibrüstigen Nutten vom Mars. Das ist eine der wenigen Möglichkeiten, Mutationen in Film oder Literatur darzustellen, weil man eben etwas zeigen muss, was Leute sehen können und eine Chromosomentranslokation zwischen 9 und 22 gehört halt leider nicht dazu. Mutationen lösen in der Realität halt eben nur Krebs aus und machen keine Extraorgane oder Superfähigkeiten… leider.

Dieses komische, auf den ersten Blick unnötig komplizierte Prinzip mit der Eizelle, die einmal im Monat reift und den Millionen Spermien, die zu einem Wettrennen aufbrechen, ist anscheinend genau dazu da, um zu verhindern, dass radioaktiv verstrahlte Personen mutierte Kinder bekommen. Denn wenn nun eine Eizelle durch radioaktive Strahlung mutiert ist, dann wird in dem ganzen komplizierten Prozess von Reifung, Befruchtung und Zellteilung ein solch großer Fehler passieren, dass die Zelle abstirbt und es nicht zu Nachkommen kommt. Wenn Spermien mutiert sind, dann können sie nicht vernünftig schwimmen und werden somit das Wettrennen gegen gesunde Spermien verlieren.

Das ist jetzt extrem vereinfacht ausgedrückt, aber grundsätzlich das Prinzip, mit dem unser Körper die Menschheit vor unkontrollierten Mutationen schützt. Während es in unserer Evolution als Einzeller noch von Vorteil war, möglichst viele Mutationen in kürzester Zeit zu bekommen, so hat sich dies geändert, als wir den Status von Mehrzellern erreicht hatten. Von da an mussten unsere gallertartigen Vorfahren Mechanismen entwickeln, um sich vor Radioaktivität zu schützen und diese komplizierte Art der Fortpflanzung ist eine Möglichkeit, eben dies zu tun.

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