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Gesellschaft+Psychologie

Wie die Kirche unsere Psyche prägte

Traung in einem Kirchenfenster
Kirchliche Trauung, dargestellt in einem Fenster der St. Andreas-Kirche in Antwerpen. (Bild: Jorisvo/ iStock)

Die katholische Kirche und besonders ihre im Mittelalter etablierten Vorgaben für das Heiraten und die Familienordnung haben nachhaltige Spuren in der Psyche der westlichen Gesellschaften hinterlassen, wie nun eine Studie belegt. Demnach führte das strikte Verbot der Verwandtenehe dazu, dass die seit der Jungsteinzeit etablierten familienbasierten Gruppenstrukturen aufgebrochen wurden. Dies förderte für die westliche Gesellschaften bis heute typische Merkmale wie Individualismus, Unabhängigkeit und eine geringe Gruppenkonformität.

Wir Europäer und mit uns die meisten westlichen Gesellschaften haben ein ganz eigenes psychologisches Profil. „Westeuropäer und ihre kulturellen Abkömmlinge in Nordamerika und Australien neigen dazu, individualistisch, unabhängig, analytisch denkend und gegenüber Fremden prosozial zu sein“, erklären Jonathan Schulz von der George Mason University in Fairfax und seine Kollegen. „Gleichzeitig zeigen sie eine geringere Konformität, Bereitschaft zur Unterordnung und Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe und auch weniger Vetternwirtschaft.“

Vom Familienclan zur Kleinfamilie

In diesen Eigenschaften weichen wir Europäer nicht nur von den meisten Kulturen in Afrika, Asien oder Südamerika ab – auch mit unseren Vorfahren haben wir damit nur noch wenig gemein. Denn über weite Teile unserer Geschichte war die Gesellschaft vom Leben im Familienclan geprägt. „Die meisten europäischen Populationen umfassten patrilineare Clans, Verwandtengruppen, Heiraten von Cousins und Cousinen, Polygynie, Ahnenverehrung und Gemeinschaftseigentum“, erklären Schulz und sein Team. Der Zusammenhalt in der Verwandtschaft und das Zusammenleben selbst entfernter Verwandter unter einem Dach sorgte dafür, dass die Arbeit, aber auch das Aufziehen der Kinder gemeinsam von der erweiterten Familie übernommen wurden. Gleichzeitig führten diese familienbasierten Gemeinschaften zu einem stark kollektiv orientierten Verhaltenskodex.

Doch das änderte sich drastisch, als die katholische Kirche in Europa an Einfluss gewann: „Die katholische Kirche untergrub durch eine Kombination von religiösen Verboten und Vorschriften systematisch die intensiv familienbasierten Strukturen in Europa“, berichten die Forscher. Diese Entwicklung begann mit dem Verbot von Verwandtenehen, die sich im frühen Mittelalter sogar auf Cousins/Cousinen sechsten Grades erstreckte und auch Hochzeiten zwischen Stiefgeschwistern, Schwägern und Ziehkindern als Inzest untersagten. Gleichzeitig verbot die Kirche auch die Adoption, Wiederheirat und alle Formen der Polygamie.

Einfluss der Kirche prägte Wandel zum Individualismus

Das Ergebnis dieser Kirchendoktrin war ein tiefgreifender Wandel der Gesellschafts- und Familienstrukturen in Europa. Spätestens im Jahr 1500 dominierten in weiten Teilen Europas nun monogame Kernfamilien, späte Hochzeiten und die Sitte, dass Neuvermählte einen eigenen Hausstand gründeten, wie Schulz und sein Team berichten. Wie tiefgreifend dieser Effekt war und dass tatsächlich die Moralvorschriften der katholischen Kirche dahinterstecken, haben die Forscher durch vergleichende Analysen von 440 Regionen in 36 europäischen Ländern überprüft. Dabei zeigte sich: Je länger eine Region schon christianisiert ist und damit dem Einfluss der Kirche unterliegt, desto ausgeprägter ist der Wandel von der verwandtschaftsbasierten Clanstruktur zu Kleinfamilien mit nur losem Zusammenhalt.

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Parallel dazu veränderte sich auch die psychologisch-soziale Grundhaltung der Menschen: „Unsere Modelle zeigen, dass Europäer aus Regionen, die schon länger unter Kircheneinfluss stehen, auch stärkeren Individualismus, eine größere Unabhängigkeit, weniger Konformität und Gehorsam sowie mehr unpersönliches Vertrauen und Fairness zeigen“, berichten die Wissenschaftler. „Pro Millennium des kirchlichen Einflusses nehmen diese psychologischen Persönlichkeitsmerkmale um rund ein Zehntel Standardabweichung zu.“ Nach Ansicht von Schulz und seinen Kollegen deutet dies daraufhin, dass die modernen Eigenheiten der westlichen Gesellschaften bis ins Mittelalter zurückreichende Wurzeln haben.

In einem begleitenden Kommentar ergänzt Michele Gelfand von der University of Maryland: „Ein wichtiger Beitrag dieser Studie ist, dass sie unsere Denkweise zu Religion im kulturellen Kontext erweitert.“ Denn sie belege, dass nicht nur die Religion selbst, sondern auch die kirchlichen Strukturen und Vorschriften die menschliche Psychologie geprägt haben.

Quelle: Science, doi: 10.1126/science.aau5141

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