Von Büropapier bis Arbeitskleidung Wie nachhaltig kauft der Staat ein? - wissenschaft.de
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Von Büropapier bis Arbeitskleidung

Wie nachhaltig kauft der Staat ein?

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Foto: © Kzenon - Fotolia.com
140 Milliarden Euro gibt der Staat jedes Jahr aus: für Büromaterialien, Fahrzeuge, Kantinenessen und Arbeitskleidung, etwa von Feuerwehrleuten. Wie sehr wird beim Einkauf auf Nachhaltigkeit geachtet? Ein Interview mit Ralf Grosse von der Projektgruppe „Umsetzung nachhaltige Beschaffung“ (PG NB) beim Bundesinnenministerium

Fotolia_49898907_XS_250.jpgnatur: Es hat eine Weile gedauert bis ich auf der Suche nach den nachhaltigen Beschaffungsrichtlinien im öffentlichen Einkauf auf Ihre Seite gestoßen bin. Kennt man Sie in Bund, Ländern und Gemeinden überhaupt?
Grosse:Wie bekannt wir derzeit bei unserer Zielgruppe sind, also den Einkäufern im öffentlichen Auftrag und den Entscheidungsträgern auf Bund-, Länder und Kommunalebene, kann ich nicht sagen. Unsere Projektgruppe „Umsetzung nachhaltige Beschaffung“ (PG NB) und die Kompetenzstelle nachhaltige Beschaffung (KNB) versuchen jedoch durch den Aufbau eines Netzwerks unseren Bekanntheitsgrad kontinuierlich zu steigern. Dafür nutzen wir auch die Zusammenarbeit mit Organisationen, wie die Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe oder die verschiedenen Stellen der „Eine-Welt-Landesnetzwerke“.

Bereits 1997 ergab eine Befragung des Bundesumweltministeriums, dass mehr als 90 Prozent der Bundesbehörden den Umweltschutz beim Einkauf berücksichtigen, nun wurde Ihre Projektgruppe ins Leben gerufen. Heißt das, dass doch noch einiges besser werden kann beim öffentlichen Einkauf?
Diese Studie ist hier nicht bekannt. Dass Bundesbehörden den Umweltschutz beim Einkauf besonders beachten, können unsere bisherigen Erfahrungen bestätigen. Dennoch meinen wir, dass insbesondere angesichts des schnellen technischen Fortschritts Verbesserungen möglich und notwendig sind Da der Umfang der Beschaffungen auf Landes- und Kommunalebene den auf Bundesebene nicht unwesentlich übertrifft sind vor allem erstere in unserem Fokus.

Wer kann sich alles an Sie wenden?
Personen, die verantwortlich im öffentlichen Auftrag einen Bedarf ermitteln  und einkaufen.

Wie viele Anfragen bekommen Sie pro Tag, von wem kommen die meisten?
Zurzeit haben wir nur vereinzelte Anfragen. Unser Schwerpunkt liegt momentan mehr auf dem Aufbau und Betrieb einer online-Informationsplattform. Sie soll  für die öffentlichen Auftraggeber als zentrales Eingangsportal dienen und alle Informationen enthalten, die sie bei der nachhaltigen Beschaffung unterstützen,  unter anderem Praxisbeispiele, Leitfäden und Handlungshilfen. Auf Grund der unterschiedlichen vergaberechtlichen Regelungen sollen die Bundesländer die Möglichkeit erhalten, eine eigene Seite mit Ihren Informationen zum Thema bereitzustellen. Weiterhin werden auf die jetzt schon bekannten Seiten zum Thema der nachhaltigen Beschaffung wie zum Beispiel die Seiten des Umweltbundesamtes oder des Kompass-Nachhaltigkeit verweisen. In einem weiteren Schritt soll ein Diskussionsforum eingerichtet werden, das einen Gedankenaustausch der Zielgruppe ermöglicht und die Qualität und Quantität der nachhaltigen Beschaffung steigert. Dies wird auch für zusätzliche Bekanntheit sorgen und das Anfragevolumen erhöhen.

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Schätzungen zufolge beträgt das Volumen öffentlicher Beschaffungen pro Jahr rund 160 bis 360 Mrd Euro.
Es wurden auch schon Schätzungen von weit über 400 Milliarden Euro genannt. Aber unabhängig von der Höhe machen die Zahlen deutlich, dass die öffentlichen Auftraggeber eine nicht unerhebliche Marktmacht besitzen die der politischen und gesellschaftlichen Forderung nach einer nachhaltigeren Beschaffung Nachdruck verleiht.

Die Beratungspalette umfasst vom nachhaltigen Bauen über die Anschaffung von Fahrzeugen und die Büroausstattung bis hin zur Arbeitskleidung der Mitarbeiter der Müllabfuhr. In welchem Bereich, würden Sie sagen, werden nachhaltige Kriterien bereits gut oder weitgehend berücksichtigt?
Nach unseren Erkenntnissen werden nachhaltige Kriterien insbesondere im Bereich der Energieeffizienz berücksichtigt. Dies schließt die Informations- und Kommunikationstechnik ebenso ein wie den Bereich der Beschaffung von Fahrzeugen.

Wo ist die Sensibilität noch relativ gering?
Eine geringe Sensibilität ist nicht abhängig vom Beschaffungsgegenstand. Sie hängt oft von Entscheidern und Verantwortlichen ab. Viele Beschaffer wollen nachhaltiger tätig werden, scheitern aber, wie wir aus persönlichen Gesprächen erfahren, bislang noch an der Gesetzgebung, an den finanziellen Mitteln oder auch einem mangelnden Interesse auf verantwortlichen Ebenen.

Die öffentliche Hand ist zum Sparen angehalten, darf sie sich im Zweifelsfall für das/die teurere aber umweltfreundliche Produkt/Baummaßnahme entscheiden?
Hierbei gibt es klare gesetzliche Vorgaben. Das Vergaberecht und auch das Haushaltsrecht stellen die Wirtschaftlichkeit an die erste Stelle. Steuergelder müssen verantwortungsbewusst eingesetzt werden. Jedoch sind nachhaltige Beschaffungen nicht immer unwirtschaftlicher. Insbesondere unter dem Aspekt der sogenannten Lebenszykluskosten sind nachhaltige Beschaffungen oft deutlich wirtschaftlicher als weniger nachhaltige oder nicht nachhaltige Produkte und Dienstleistungen. Nicht nur was den Energieverbrauch des Produkts während der Nutzung anbelangt, sondern auch im Hinblick auf Entsorgung

Wie steht es mit den Vergaberichtlinien?
Mit der Änderung des Vergaberechts im Jahr 2009 wurde den Aspekten der Nachhaltigkeit eine größere Bedeutung zugemessen. Unsere Projektgruppe sieht zukünftig eine weitere Stärkung des Nachhaltigkeitsgedankens im Vergaberecht. Insbesondere vor dem Hintergrund der am 20.12.2011 von der Europäischen Kommission den Mitgliedsstaaten vorgelegten Vorschlägen zur Modernisierung des Vergaberechts erwarten wir eine erweiterte Betrachtung des Nachhaltigkeitsaspekts. Aber auch in den Vorgaben unterhalb der Schwellenwerte ist insbesondere auf Landes- und Kommunalebene der vermehrte Einzug von nachhaltigen Aspekten erkennbar.

Gibt es vorbildliche Behörden/Städte/ Kommunen und solche, die hinterher hinken?
Ein Ranking gibt es bislang nicht, dafür eine nicht unerhebliche Anzahl sehr guter Beispiele auf allen Ebenen für Beschaffungen mit einem nachhaltigen Aspekt. Grundsätzlich kann man zum Beispiel die Städte und Gemeinden nennen, die die Bezeichnung „Fairtrade-Town“ führen dürfen (Mehr als 140 Fairtrade-Towns gibt es mittlerweile in Deutschland, darunter Saarbrücken, Neuss, Dortmund und Marburg.) Aber auch Einzelprojekte wie eine energieeffiziente Stadtbeleuchtung, oder die Nutzung eines Verwaltungsgebäudes mit einem niedrigen Energieverbrauch sind vorbildlich.

Wie sieht es mit der Akzeptanz aus, beispielsweise Berufsbekleidung eines Ökoherstellers zu tragen die möglicherweise als weniger schick empfunden wird oder das Verwenden von Recyclingpapier?
Beispiele für „schicke“ und nachhaltige Bekleidung konnte ich auf der Messe FA!R 2012 in Dortmund sehen. „Schick“ ist allerdings immer eine subjektive Betrachtung. Wichtiger ist aus Sicht der PG NB und der Nutzer, dass die Bekleidung die Forderung der Funktionalität erfüllt. Wenn ein Mitarbeiter der Feuerwehr keinen ausreichenden Schutz durch seine Bekleidung im Einsatz erhält, ist die Frage nach nachhaltiger Beschaffung obsolet. Insbesondere bei Schutzbekleidung steht die Funktionalität immer im Vordergrund. Ziel muss es sein, dass beide Aspekte, Nachhaltigkeit und Funktionalität, erfüllt werden können. Recyclingpapier wird in einem nicht unerheblichen Maß in der Bundesverwaltung verwendet. Hier sind aber immer noch Potentiale zur Steigerung möglich. Problematisch erscheinen uns die Kosten bei hochwertigeren Recyclingpapieren. Diese sind gegenüber den anderen Papierprodukten noch zu hoch. Hier bedarf es einer umfangreichen Überzeugungsarbeit bei den verantwortlichen Stellen Ihren Anteil an Recyclingpapieren zu erhöhen.

Wie stehen wir im internationalen Vergleich da?
Objektiv lässt sich das derzeit nicht sagen. Ich kann hier nur auf den Fortschrittsbericht 2012 zur Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie verweisen. Solange wir mit dem Aufbau der Online-Plattform beschäftigt sind, sehen wir unsere Möglichkeiten begrenzt, übernationale Kontakte herzustellen.

Das Interview führte Doro Bitz-Volkmer.

Foto: © Kzenon – Fotolia.com

© natur.de – Doro Bitz-Volkmer
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