Wiegt Schuld- oder Schamgefühl schwerer? - wissenschaft.de
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Gesellschaft+Psychologie

Wiegt Schuld- oder Schamgefühl schwerer?

Bedrückende Gedanken über Geheimnisse können aufs Gemüt schlagen. (Bild: PeskyMonkey/iStock)

„Das soll niemand über mich wissen!“ Vielen Menschen lasten Geheimnisse auf der Seele, die mit Schuld- oder Schamgefühl verbunden sind. Oft kreisen trübe Gedanken um diese manchmal nur vermeintlich dunklen Punkte. Dabei wiegt offenbar Scham schwerer als Schuldgefühl, geht nun aus einer psychologischen Studie hervor: Geheimnisse in Verbindung mit Schamgefühl führen demnach zu mehr problematischer Grübelei. Dieses Ergebnis könnte nun in psychologiche Ratschläge und Strategien einfließen, sagen die Forscher.

Fast jeder hat Geheimnisse – Menschen empfinden sie allerdings unterschiedlich und gehen anders mit ihnen um. Im Extremfall können sie die Lebensqualität stark beeinträchtigen – die Geheimnisse schlagen den Betroffenen aufs Gemüt, verändern ihr Verhalten und verursachen Ängste. Dadurch können Beziehungen leiden und Depressionen entstehen. Kurzum: Das Thema Geheimnis und die damit verknüpften Emotionen haben große Bedeutung in der Psychologie. „Welche Faktoren genau zu den schädlichen Effekten führen, ist bisher allerdings unklar“, sagt Michael Slepian von der Columbia University in New York. Er und seine Kollegen haben nun die Bedeutung von zwei Aspekten untersucht, die häufig mit Geheimnissen verknüpft sind: Scham und Schuld.

Gefühlen rund um Geheimnissen auf der Spur

Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher 1000 anonyme Probanden nach ihren Geheimnissen und den damit verbundenen Gefühlen befragt. Durch bestimmte psychologische Verknüpfungen ließen die Antworten Rückschlüsse darauf zu, inwieweit die Studienteilnehmer eher Scham oder mehr Schuld im Zusammenhang mit ihrem Geheimnis empfanden. Die Probanden berichteten zudem darüber, wie oft sie über das Geheimnis nachgrübeln und wie häufig sie es aktiv verbergen müssen.

Die Auswertung der Befragung ergab: Probanden, die sich beschämt fühlten, dachten deutlich häufiger über ihre Geheimnisse nach als solche, die sich schuldig fühlten. Offenbar basiert dieser Unterschied auf den verschiedenen Effekten der beiden Emotionen, die sich in den Befragungsergebnissen ebenfalls widerspiegelten. Wer sich schämte, fühlte sich demnach oft wertlos oder machtlos, während Schuldgefühle eher dazu führten, dass die Betroffenen Reue oder Druck empfanden. Letztere Gefühle führen aber offenbar nicht so sehr dazu, dass eine Person über ein Geheimnis nachdenkt wie das Gefühl, wertlos zu sein, resümieren die Wissenschaftler.

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Scham führt zu mehr Grübelei

Interessanterweise zeichnete sich hingegen kein Unterschied beim Verheimlichen des Geheimnisses ab: Das Gefühl von Schande führte etwa zur gleichen Häufigkeit der Geheimhaltung wie Schuld, ging aus den Befragungen hervor. „Die Häufigkeit des selbst empfundenen aktiven Verbergens hängt weitgehend davon ab, wie oft jemand mit Menschen oder Gruppen zu tun hat, vor denen die Person das Geheimnis versteckt und offenbar nicht damit, welche Gefühle der Betroffene mit dem dunklen Punkt verknüpft“, erklärt Slepian.

Doch welche Botschaften gehen nun aus dem Ergebnis für die Psychologie hervor? Generell muss man Menschen häufig deutlich machen, dass sie nicht so hart mit sich selbst umgehen sollten, wenn sie über ihre Geheimnisse nachdenken, betonen die Forscher. Wie sie erklären, scheint ein wichtiger Unterschied zwischen dem Effekt von Schuld und Scham zu sein, dass es bei Schuld eine Perspektive gibt. „Schuldgefühle richten den Blick der Menschen auf das, was in Zukunft zu tun oder zu lassen ist“, sagt Slepian. Letztlich kann man dies aber auch auf Scham übertragen: „Wenn einen ein beschämendes Geheimnis bedrückt, sollte man versuchen, es nicht persönlich zu nehmen, sondern sich bewusst machen, dass es die eigene Wahrnehmung reflektiert, die sich oft ändern lässt“, sagt Slepian. „Die Abkehr vom Prinzip der Scham in Richtung des Konzepts des Schuldgefühls könnte Menschen helfen, mit ihren Geheimnissen besser umzugehen und den Blick nach vorn zu richten“, so der Psychologe.

Quelle: American Psychological Association, Emotion, doi: 10.1037/emo0000542

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