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Gesellschaft|Psychologie

Zwei Gläser Auf das Glück!

Politiker und Ökonomen schreiben neuerdings nicht mehr schnödes Wirtschaftswachstum auf ihre Fahnen, sondern die größtmögliche Beglückung der Massen. Doch Glück gibt es nicht auf Rezept.

Überall in unserer Gesellschaft wird mit großem Geschrei Glück verkauft: Drogendealer und Pharmakonzerne wetteifern um den Markt der chemischen Stimmungsmacher. Motivationstrainer und Lottogesellschaften bieten ihre Form der Verheißung feil. Die Werbung verspricht den Himmel auf Erden, und in den Buchhandlungen türmen sich gedruckte Glücksrezepte. An einer Heidelberger Schule wird bereits das Fach „Glück“ gelehrt. 2005 rief der damalige britische Premier Tony Blair eine Arbeitsgruppe ins Leben mit dem Auftrag, die Nutzbarmachung von Glückskonzepten für die Politik zu untersuchen. „Es gibt mehr im Leben als Geld“, erklärte auch David Cameron, Führer der britischen Konservativen, „und es ist an der Zeit, eine Erhöhung der Lebenszufriedenheit anzustreben.“ Die Macher, die an den Schrauben der Gesellschaft drehen, berufen sich dabei gern auf die Ergebnisse der Wissenschaft. Denn die Kenntnisse über die Ursachen von Glück und Wohlbefinden haben in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Die Pionierarbeit leisteten amerikanische Soziologen und Wirtschaftsforscher. Anfang der Neunzigerjahre sprang der Funke auf Europa über. Der Soziologe Alfred Bellebaum gründete in der rheinischen Kleinstadt Vallendar ein Institut für Glücksforschung, und Ruut Veenhoven, ein Wegbereiter der empirischen Glücksforschung in Europa, entwickelte an der Universität Rotterdam die „World Database of Happiness“. Sie umfasst heute 3000 Umfragen und Studien aus 68 Ländern.

Das Überraschende dabei: Aus der großen Zusammenschau, aus Meta-Analysen und der Auswertung großer Datenbestände, ergeben sich heute völlig neue Deutungen, die nicht nur die Glücksrezepte von vorgestern, sondern auch die von gestern über den Haufen werfen. Alte Dogmen sind widerlegt, aber auch moderne Mythen der Glücksforschung sind ins Wanken geraten.

Mythos 1: Geld macht nicht glücklich

Für die wohlstandsverliebten US-Amerikaner und alle Völker, die ihnen nacheifern, war es ein Schock, was der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin 1974 herausfand: Obwohl sich ihr Pro-Kopf-Einkommen seit Ende des Zweiten Weltkriegs gut verdreifacht hatte, waren die US-Bürger im Schnitt keinen Deut glücklicher geworden. 2005 schlug der Londoner Ökonom Richard Layard, Berater der britischen Regierung, mit seinem Bestseller „Glückliche Gesellschaft“ in die gleiche Kerbe. „Wir brauchen eine ganz neue Vision dessen, was politisch richtig ist.“ Laut Easterlin und Layard gibt es in unserer Psyche versteckte Mechanismen, die jeden materiell bedingten Glücksgewinn, der über einer bestimmten Marge liegt, aufzehren: Da wir uns nur dann wohlfühlen, wenn wir mindestens so viel verdienen wie die, mit denen wir uns vergleichen, müssen wir umso heftiger in die Mühle treten, je wohlhabender die anderen werden.

Außerdem verfügt unser seelischer Apparat über eine psychohygienische Schutzvorrichtung, die alle stärkeren emotionalen Reaktionen entschärft. Die insbesondere von den amerikanischen Psychologen Philip Brickman, George Loewenstein und Daniel Gilbert erforschte „hedonische Adaption“ nivelliert mit überraschender Geschwindigkeit den belohnenden Effekt der Glücksfälle und die Pein von Schicksalsschlägen. So fühlten sich Querschnittsgelähmte in einer Studie ein halbes Jahr nach dem Trauma fast genauso gut wie Lottogewinner ein halbes Jahr nach dem Volltreffer.

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Aber vernichten Abstumpfungs- und Vergleichsprozesse wirklich jeden Glücksgewinn durch Wirtschaftswachstum, wie Layard behauptet? „Seine Argumentation ist ja nicht schlecht“, sagt Veenhoven. „Aber sie stimmt nicht gut mit den Daten überein.“ Die Daten, auf die sich Veenhoven bezieht, sind repräsentative Umfragen aus 91 Ländern, die zwei Drittel der Weltbevölkerung abdecken. Sie wurden immer nach dem gleichen Schema erhoben: Der kleinste gemeinsame Nenner des Glücks ist eine zehnstufige Skala, auf der die Befragten ankreuzen sollen, wie zufrieden sie im Allgemeinen mit ihrem Dasein sind – von 1 (extrem unzufrieden) bis 10 (extrem zufrieden). Danach hat zwar die Lebenszufriedenheit in ärmeren Staaten wie Brasilien und Ägypten am meisten zugelegt. Aber auch in den USA und in den acht EU-Nationen, die seit 1973 an diesen Umfragen teilnehmen, ist der statistische Glücksquotient um 0,3 Punkte gestiegen.

Das Bild wird noch deutlicher, wenn man die Steigerung der Lebenserwartung in Rechnung stellt. Dazu multiplizierte Veenhoven die Zahl der durchschnittlichen Lebensjahre mit dem statistischen Maß der Lebenszufriedenheit und ermittelte so die „happy life years“. Ergebnis: Der durchschnittliche Amerikaner kann heute erwarten, 62 Jahre seines Lebens im Zustand der Zufriedenheit zu führen. Den EU-Bürgern winken 51 glückliche Jahre, und selbst die vergleichbar tristen Japaner bringen es auf 47 Jahre. „Das ist sehr viel mehr als die 13 Glücksjahre, mit denen sich die Bürger von Simbabwe begnügen müssen“, sagt Veenhoven. In der EU sind in den letzten 30 Jahren 6,2 Glücksjahre pro Person dazugekommen. „ Die Bewohner der entwickelten Industrienationen sind die glücklichsten Kreaturen, die je über die Oberfläche dieses Planeten gewandelt sind“, bringt es der amerikanische Historiker Darrin M. McMahon auf den Punkt.

Mythos 2: Gleichheit macht glücklich

Experten wie Layard plädieren dafür, das Lebensgefühl in reichen Staaten durch staatliche Geld-Umverteilungsaktionen aufzupäppeln: mehr staatliche Wohlfahrt für die Armen, mehr Urlaub für die Arbeiter und höhere Steuern auf Luxusgüter, um die Reichen zu schröpfen und die unselige Gier nach Prestigegütern zu bremsen.

Doch Veenhoven, der selbst zeitweise mit dieser Idee liebäugelte, wendet sich jetzt energisch davon ab: Egal, ob die Ausgaben für Soziales gekürzt oder erhöht wurden, das Glücksniveau änderte sich in seinen Datensätzen nicht. Zwar brillieren einige skandinavische Länder durch große Lebensfreude, aber nicht wegen ihrer vielen Sozialleistungen, sondern weil dort großes Vertrauen und Zuversicht herrschen. „Die Isländer sind zum Beispiel viel glücklicher als die Schweden, obwohl sie nur halb so viel für Sozialleistungen ausgeben“, sagt Layard. Womit er richtig liegt: Arbeitslosigkeit macht unglücklich. Aber dieses Unglück lässt sich auch durch eine üppige Arbeitslosenunterstützung nicht wettmachen. Die Hoffnung, die Menschen durch den Abbau sozialer Ungleichheit beglücken zu können, ist vermutlich schon im Grundsatz unbegründet. In Ländern mit geringen sozialen Differenzen kursiert sogar etwas mehr Unzufriedenheit, las der dänische Ökonom Christian Bjørnskov aus der internationalen Datenbasis heraus.

Lateinamerikaner, die mit viel Ungleichheit leben müssen, fühlen sich besonders wohl, während das Lebensgefühl in den gleichheitsbesessenen Ostblockstaaten während der kommunistischen Herrschaft total daniederlag. Nur politisch links Stehende nehmen jedwede Ungleichheit in ihrer Gesellschaft tragisch, lautet die Diagnose Christian Bjørnskovs: „Je weiter links eine Person in ihrer politischen Einstellung steht, desto unglücklicher ist sie – und umgekehrt.“

Mythos 3: Glück ist planbar

Wenn Glücksforscher wie der Regierungsberater Richard Layard ganze Nationen beglücken wollen, indem beispielsweise an den Schulen „Glücksethik“ unterrichtet wird, dann gehen sie davon aus, dass die Menschen recht genau wissen, was sie glücklich machen wird und was nicht. Doch zumindest auf der individuellen Ebene stimmt das nicht, wie der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert in den letzten fünf Jahren mit zahlreichen Experimenten gezeigt hat: Nach seinen Untersuchungen hat der Mensch verblüffend oft ganz falsche Vorstellungen davon, wie glücklich ihn die Erfüllung mancher Wünsche machen wird. So fragte Gilbert seine Probanden, wie glücklich sie nach dem Sieg ihrer bevorzugten Fußballmannschaft oder politischen Partei sein würden. In beiden Fällen sagten sich die Betreffenden unrealistisch intensive und lange Glücksgefühle voraus, verglichen mit den später tatsächlich gemessenen Reaktionen.

Selbst im privatesten Bereich nimmt das „Miswanting“ seinen Lauf: So versprechen sich viele Ehepaare eine große Bereicherung von ihrem ersten „Wonneproppen“. Doch wie der Psychologe Wassilios Fthenakis von der Universität Bozen mit der wohl größten Studie zum Thema zeigte, verschlechterte sich bei immerhin rund 80 Prozent der Eltern nach dem ersten Kind das Beziehungsglück.

Auch das Eingehen einer Ehe verschafft nicht den erhofften Dauersegen, konzediert der Psychologe Ed Diener von der University of Illinois, der über fast 20 Jahre hinweg 20 000 Probanden verfolgte. Seine ernüchternde Quintessenz im Jahr 2003: Sofern das Heiraten der Seele überhaupt Auftrieb gab, schwand dieser meist rasch im Alltagstrott (siehe auch „Don’t marry, be happy“ im Beitrag „Glückssplitter“).

Was wirklich glücklich macht

Glück auf Rezept scheint es also nicht zu geben. Wo aber ist es verborgen? Aus den Daten von Ruut Veenhoven lassen sich die Antworten herauslesen: Zu den dauerhaften Glücksbringern in seinem Ländervergleich gehören Freiheit und ein gut funktionierendes, nicht von Korruption und Willkür geplagtes Staatswesen. Demokratie macht glücklich. Wirtschaftliche Freiheit macht glücklich, in ärmeren Ländern sogar etwas mehr als in reichen. Persönliche Freiheit ebenfalls – hier führt Veenhovens Heimat Holland die Rangliste an. Und ein interessanter und selbstbestimmter Beruf mit vielen erfüllenden Momenten („ Flow-Erlebnissen“) geht genauso positiv in die Glücksbilanz ein wie zwei Gläser Wein am Tag. Letzteres kam heraus, als Veenhoven die Lebenszufriedenheit mit der Neigung zu mehr oder weniger ausgiebigem Alkoholkonsum korrelierte. Wir sollten also öfter ein Glas auf unsere Freiheit trinken. Und ein zweites auf unser wachsendes Glück. ■

Rolf Degen

Ohne Titel

Überall in der Welt haben Forscher Menschen gefragt, wie zufrieden sie mit ihrem Leben im Großen und Ganzen sind. Adrian White von der University of Leicester hat aus den Daten die erste Weltkarte des Glücks erstellt. Dunkelrot bedeutet dabei hohe Werte auf der Glücksskala. In den meisten Ländern reichte die Skala von 0 (unzufrieden) bis 10 (zufrieden), andere Erhebungen wurden in diese Skala umgerechnet. Spitzenwerte (8,2) weisen Dänemark und die Schweiz auf. Gelb bezeichnet die unglücklichsten Nationen (Tiefstwert 3,0 für Burundi). Deutschland belegt in Europa mit 7,2 Punkten einen guten Mittelplatz, düster sieht es dagegen in Russland (4,3), Weißrussland (4,0) und der Ukraine (3,6) aus. Vergleiche mit anderen Statistiken zeigen: Wichtigste Voraussetzung für das Glück ist Gesundheit, gefolgt von Geld und – gleichauf – Bildung. Am wohlsten fühlen sich die Menschen folgerichtig in westlichen Industrieländern. Die Klagen der Reichen hält White für Gejammer auf hohem Niveau. JP

Kompakt

· Die Menschen in den westlichen Industrienationen sind am glücklichsten – und sie sind in den letzten Jahren noch ein wenig glücklicher geworden.

· Freiheit und Selbstbestimmung sind für das Glück der Massen wichtiger als Gerechtigkeit.

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