Alkoholprobleme: Neue Risikogene aufgedeckt - wissenschaft.de
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Gesundheit+Medizin

Alkoholprobleme: Neue Risikogene aufgedeckt

Alkoholprobleme basieren auf einer komplexen Mischung aus Veranlagung und Umfeld. (KatarzynaBialasiewicz/iStock)

Die einen haben ihren Alkoholgenuss gut im Griff – die anderen nehmen hingegen problematische Mengen zu sich. Bei dieser Neigung spielt neben den persönlichen Umständen auch die genetische Veranlagung eine Rolle, dokumentiert nun erneut eine Studie: Die Wissenschaftler haben den bisher zehn bekannten genetischen Risikofaktoren 19 weitere hinzugefügt, unter denen sich möglicherweise Kandidaten für die Entwicklung von Medikamenten befinden. In den Ergebnissen zeichnet sich zudem eine gemeinsame genetische Grundlage zwischen der Neigung zu Alkoholmissbrauch und anderen neuropsychiatrischen Problemen des Menschen ab.

Es handelt sich um ein persönliches und gesellschaftliches Problem von enormer Bedeutung: Alkoholkonsum kann im Extremfall zu einer körperlichen und geistigen Abhängigkeit mit fataler Zerstörungskraft für die Betroffenen und ihr Umfeld führen. Doch auch ohne Abhängigkeit kann ein überhöhter Konsum mit zahlreichen Negativeffekten verbunden sein, wie aus zahlreichen Studien hervorgeht: Übermäßiger Alkoholgenuss ist weltweit eine der wichtigsten Ursachen für Krankheiten, frühe Todesfälle und soziale Probleme.

Als Ursache für die Entwicklung von Alkoholproblem gilt eine komplizierte Mischung aus den individuellen Lebensumständen eines Menschen und seinen Veranlagungen. Der Untersuchung der genetischen Aspekte haben sich Wissenschaftler bereits zuvor gewidmet. Aus diesen Studien ging klar hervor: DAS Alkoholikergen gibt es nicht – die erblich bedingte Komponente der Neigung scheint hingegen auf einer komplexen Mischung zu basieren.

Genetischen Faktoren auf der Spur

Bisher waren der Wissenschaft zehn Risikogene im Zusammenhang mit Alkoholismus bekannt. Ein internationales Forscherteam hat sich nun auf die Suche nach weiteren Faktoren gemacht, um die Bedeutung der Genetik bei der Alkoholproblematik weiter auszuloten. Sie haben dazu eine sogenannte genomweite Assoziationsstudie durchgeführt. Das Ziel dieses Ansatzes ist es, bestimmte Formen von Genen zu identifizieren, welche gemeinsam mit einem bestimmten Merkmal auftreten. Im aktuellen Fall bedeutete das: Die Forscher wollten feststellen, welche Genvarianten bei Teilnehmern mit problematischem Alkoholkonsum häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung.

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„Man muss für diese Art der Untersuchung Zugang zu einer sehr großen Menge an DNA-Material in Form der vollständigen genetischen Profile von mehreren hunderttausend Personen haben“, sagt Co-Autorin Mette Nyegaard. „In unserem Fall waren es die Daten von insgesamt 435.000 Menschen“. Sie stammen aus drei Datenbanken, die neben den genetischen Sequenzen auch detaillierte Informationen über die Gesundheit und den Lebensstil der Teilnehmer umfassen. In einigen Fällen lag ein diagnostiziertes Alkoholproblem vor. In anderen Fällen konnten die Forscher anhand von Befragungsinformationen zuordnen, welche Personen einen Alkoholkonsum aufweisen, bei dem mit psychischen, sozialen und gesundheitlichen Schäden zu rechnen ist.

Wie die Forscher berichten, zeichneten sich in den Auswertungen 29 Gene ab, die mit einem problematischen Alkoholkonsum verknüpft zu sein scheinen. 19 von ihnen sind neu, die anderen waren die zuvor bereits identifizierten und konnten somit bestätigt werden. Unter den neuen Kandidaten, befinden sich auch Gene, bei denen eine Funktion im Gehirn beziehungsweise Nervensystem naheliegt – etwa eine Erbanlage, die für die Entwicklung eines Rezeptors für den Neurotransmitter Dopamin zuständig ist. Die neu identifizierten Risikogene bieten nun neue Einblicke in die biologischen Mechanismen, die an der Entwicklung von problematischem Alkoholkonsum beteiligt sind, resümieren die Wissenschaftler.

Es besteht die Hoffnung, dass diese Erkenntnisse langfristig zur Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit beitragen können. Welche der Kandidaten sich als Ansatzpunkte eignen, muss sich jedoch erst noch zeigen, sagen die Wissenschaftler. Prinzipiell zeichnet sich aber bereits Potenzial ab: Von einigen der Risikogene ist bekannt, dass sie mit Funktionen verknüpft sind, die sich durch bereits bekannte Medikamente beeinflussen lassen.

Gemeinsame genetische Grundlagen zeichnen sich ab

Im Rahmen ihrer Studie haben die Wissenschaftler zudem das Muster der Alkohol-Risikogene mit demjenigen von anderen neuropsychiatrischen Merkmalen beziehungsweise Störungen verglichen. So zeigte sich: Wer einen problematischen Alkoholkonsum aufweist, hat statistisch betrachtet auch häufig eine genetische Veranlagung für die Entwicklung von Depressionen, Angststörungen, ADHS und Schlaflosigkeit. Die Neigung ist zudem eng mit Drogenmissbrauch und Rauchen verbunden, geht aus den Auswertungen hervor. „Wir beginnen jetzt, die Umrisse einer genetischen Architektur zu sehen: Eine Form der Beziehung zwischen Alkoholmissbrauch und dem Missbrauch anderer Substanzen – und zwischen Alkoholmissbrauch und psychiatrischen Störungen. Mit anderen Worten, hier ist wohl eine grundlegende genetische Komponente im Spiel“, sagt Nyegaard.

Abschließend betont die Wissenschaftlerin allerdings erneut, dass die genetischen Veranlagungen nur eine Komponente bei der komplexen Entwicklungsgeschichte von psychiatrischen Schwierigkeiten und Alkoholproblemen sind. „Aus unseren Studienergebnissen geht erneut hervor, wie wichtig dabei das Umfeld eines Menschen ist“, so die Wissenschaftlerin.

Quelle: Aarhus Universität, Fachartikel: Nature Neuroscience, doi: 10.1038/s41593-020-0643-5

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