Allergierisiko: Mamas Keime schützen - wissenschaft.de
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Allergierisiko: Mamas Keime schützen

Schwangerschaft
Das bakterielle Umfeld im Mutterleib beeinflusst offenbar das spätere Allergierisiko des Kindes. (Bild: Janulla/ istock)

Schon im Mutterleib werden die Weichen für die spätere Gesundheit des Kindes gelegt. Dies gilt auch für das Allergierisiko: Studien legen nahe, dass die Zusammensetzung der mütterlichen Darmflora eine wichtige Rolle dabei spielt. Nun haben Forscher ein Bakterium identifiziert, das in diesem Zusammenhang offenbar entscheidend ist. Die Anwesenheit dieser Mikrobenart scheint den Nachwuchs demnach vor Nahrungsmittelallergien zu schützen: Je zahlreicher die mikrobiellen Mitbewohner bei der Mutter sind, desto geringer ist das Risiko für Allergien gegen Erdnuss und Co.

Asthma, Heuschnupfen oder Nahrungsmittelallergien: Allergische Erkrankungen manifestieren sich oft schon im Kindesalter – und sie werden immer häufiger. Mediziner vermuten, dass dazu auch für moderne Gesellschaften typische Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung oder eine unausgewogene Ernährungsweise beitragen. Auch der fehlende Kontakt mit bestimmten Bakterien könnte für die Entstehung von Allergien eine Rolle spielen. Von Bedeutung ist dabei wahrscheinlich nicht nur die Mikroben-Zusammensetzung im Kinderzimmer. Schon das bakterielle Umfeld im Mutterleib könnte das Allergierisiko beeinflussen, wie Studien nahelegen. So ist schon länger bekannt, dass die mütterliche Darmflora die Entwicklung des kindlichen Immunsystems mitstimuliert. Doch welche Keime sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig?

Dieser Frage haben sich nun Peter Vuillermin von der Deakin University im australischen Geelong und seine Kollegen gewidmet. Konkret konzentrierten sie sich dabei auf das gramnegative Bakterium Prevotella copri. „Die Gattung Prevotella ist als bakterieller Mitbewohner in westlichen Bevölkerungen deutlich seltener als in traditionellen, nicht-industrialisierten Gesellschaften“, erklären die Forscher. Das Interessante: Diese Mikroben fermentieren Ballaststoffe in unserem Darm zu Acetaten – kurzkettigen Fettsäuren, die antientzündliche Wirkungen haben und die Entwicklung bestimmter Immunzellen fördern können. Bei schwangeren Mäusen hat sich bereits gezeigt, dass solche von Darmbakterien produzierten Substanzen die Plazenta passieren können und so auch die Immunabwehr des Nachwuchses beeinflussen. Aber gilt dies auch beim Menschen?

Darmmikroben von Schwangeren im Visier

Um das herauszufinden, hat Vuillermins Team Daten von einer australischen Probandengruppe mit 1.064 Müttern ausgewertet. Die Frauen und ihr Nachwuchs wurden während der Schwangerschaft sowie das erste Jahr nach der Geburt begleitet. Für ihre Studie suchten sich die Forscher nun gezielt 58 Mütter heraus, deren Kinder eine ärztlich nachgewiesene Lebensmittelallergie entwickelt hatten. Zusätzlich wählten sie 258 weitere Mutter-Kind-Paare nach dem Zufallsprinzip aus. Würde sich ein Zusammenhang zwischen der Darmflora der Frauen während der Schwangerschaft und dem frühkindlichen Allergierisiko offenbaren?

Die Analysen ergaben: Bei 80 Prozent der Schwangeren war Prevotella copri in den untersuchten Stuhlproben nicht zu finden – das Bakterium fehlte in der körpereigenen Mikrobengemeinschaft. Genau dies wirkte sich offenbar tatsächlich auf die spätere Anfälligkeit der Kinder für Allergien aus. Dies galt insbesondere für Nahrungsmittelallergien, beispielsweise gegen Ei, Erdnuss, Cashewnuss oder Kuhmilch. „Die Präsenz und die Menge von P. copri war bei Müttern von Kindern ohne Nahrungsmittelallergien substanziell höher als bei Müttern von Kindern mit Allergie“, berichten die Wissenschaftler. Dieser Zusammenhang zeigte sich selbst dann noch, als sie andere mögliche Einflussfaktoren mitberücksichtigten. Wie das Team feststellte, schien der schützende Effekt von P. copri auch abhängig von der Ernährungsweise der Mütter zu sein. Bei Frauen, die sich fett- und ballaststoffreich ernährten, war er demnach besonders hoch.

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Der Einfluss von Antibiotika und Haushaltsgröße

Doch was beeinflusst überhaupt, ob und wenn ja wie zahlreich Prevotella copri in der Darmflora schwangerer Frauen vorhanden ist? Auch darauf fanden die Forscher Hinweise: Zum einen hing die Anwesenheit dieser Bakterienspezies davon ab, ob die werdenden Mütter während der Schwangerschaft Antibiotika genommen hatten. War dies nicht der Fall, waren die Mikroben häufiger und zahlreicher in den Stuhlproben nachweisbar. Darüber hinaus schien auch die Größe des Haushalts eine Rolle zu spielen. Dabei galt: Je größer, desto besser. Wie Vuillermin und sein Team erklären, ist schon länger bekannt, dass das Leben in Haushalten mit vielen Personen vor Allergien schützen kann. Eine mögliche Erklärung dafür: Gemeinsam lebende Personen tauschen ihre mikrobiellen Mitbewohner untereinander aus und können so auch nützliche Keime weitergeben.

„Unsere Ergebnisse sind angesichts der durch Allergien verursachten Krankheitslast von großer Bedeutung für die öffentliche Gesundheit“, konstatieren die Wissenschaftler.
In Zukunft wollen sie die Rolle von P. copri für die Immunfunktion genauer unter die Lupe nehmen. Dabei wollen sie auch untersuchen, ob der Effekt dieser Mikroben womöglich von Stamm zu Stamm unterschiedlich ist und welchen Einfluss die Ernährungsweise hat. Ob P. copri eines Tages als Probiotikum oder als Biomarker für das Allergierisiko genutzt werden kann, werden erst solche weitergehenden Untersuchungen klären können. Schon jetzt leiten die Forscher aber klare Empfehlungen aus ihren Erkenntnissen ab: Um ihren Nachwuchs vor Nahrungsmittelallergien zu bewahren, sollten schwangere Frauen Antibiotika nur wenn unbedingt nötig einnehmen und auf ihre Ernährung achten.

Quelle: Peter Vuillermin (Deakin University, Geelong, Australien) et al., Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-020-14552-1

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