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Gesundheit+Medizin

Anfälligen Mandeln auf der Spur

Mandelentzündung
Manche Kinder sind anfälliger für eitrige Mandelentzündungen als andere - aber warum? (Bild: mediaphotos/ istock)

Wenn Krankheitserreger über Mund oder Nase in den Körper eindringen, passieren sie automatisch die Mandeln. Ihre Aufgabe ist es, die oberen Atemwege vor Viren und Bakterien zu schützen. Vermehren sich Keime wie Streptokokken dort jedoch zu stark, kann eine unangenehme Mandelentzündung die Folge sein. Forscher haben nun untersucht, warum manche Kinder anfälliger für solche Beschwerden sind als andere. Sie fanden heraus: Neben immunologischen Faktoren scheinen auch die Gene eine Rolle zu spielen.

Wenn Kinder über Halsschmerzen und Schluckbeschwerden klagen, steckt oft eine Mandelentzündung dahinter. Dieses unangenehme Leiden wird mitunter von Viren verursacht – häufig sind aber auch Bakterien wie Streptokokken verantwortlich. Keime der Art Streptococcus pyogenes beispielsweise verursachen nicht nur Scharlach und gefährliche Hautentzündungen. Sie gehören darüber hinaus zu den häufigsten Ursachen einer eitrigen Mandelentzündung. In der Regel lassen sich diese Bakterien gut mit Antibiotika bekämpfen. Manche Kinder allerdings werden die Erreger einfach nicht los: Sie erkranken immer wieder und in kurzen Abständen an Tonsillitis. Als einziger Ausweg kommt in vielen Fällen dann nur noch eine Entfernung der Mandeln in Frage.

Kaum Antikörper

Warum aber sind manche Kinder derart anfällig für durch Streptokokken verursachte Mandelentzündungen, während andere mehr oder weniger immun zu sein scheinen? Um dieser bislang ungeklärten Frage nachzugehen, haben Jennifer Dan vom La Jolla Institute for Immunology in Kalifornien und ihre Kollegen sich die betroffenen Körperteile nun genauer angesehen. Sie verglichen Mandeln von 146 Kindern im Alter zwischen fünf und 18 Jahren, die die lymphatischen Organe entweder wegen Streptokokken-Infektionen und damit einhergehenden, wiederkehrenden Mandelentzündungen oder aus einem anderen Grund entfernt bekommen hatten.

Bei ihren Untersuchungen fielen den Forschern einige Unterschiede auf: Die häufig entzündeten Mandeln beherbergten signifikant weniger Immunzellen und hatten ein kleineres sogenanntes Keimzentrum – jener Bereich, indem nach einem Antigenkontakt B- und T-Lymphozyten miteinander interagieren und eine massive Vermehrung von B-Zellen stattfindet. Zusätzliche Blutanalysen zeigten, dass dieser Befund mit einer weiteren Besonderheit einherging: Im Blut der betroffenen Kinder fanden sich kaum Antikörper gegen ein von Streptococcus pyogenes-Bakterien produziertes Toxin namens SpeA. Bakterienstämme, die eine besonders potente Variante dieses Gifts absondern, sind die Hauptursache für Streptokokken-bedingte Mandelentzündungen. Die Kinder aus der Kontrollgruppe hatten dagegen große Mengen dieser Antikörper in ihrem Blut. Das deutet Dans Team zufolge darauf hin, dass sie den Keimen ausgesetzt waren, ohne krank zu werden.

Auch die Gene mischen mit

Für die beobachteten Unterschiede könnte zumindest zum Teil auch das Erbgut verantwortlich sein. So stellten die Wissenschaftler fest, dass wiederkehrende Mandelentzündungen bei den jungen Patienten häufig in der Familie zu liegen schienen und führten aus diesem Grund einige DNA-Tests durch. Tatsächlich zeigte sich: Zwei charakteristische Genvarianten im sogenannten humanen Leukozytenantigen-System (HLA) – einer Gruppe von Genen, die für die Funktion des Immunsystems von großer Bedeutung ist – scheinen das Risiko für wiederkehrende Mandelentzündungen zu erhöhen. Einige Kinder haben demnach offenbar eine gewisse genetische Veranlagung für Tonsillitis.

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„Trotz jahrzehntelanger Erfahrung mit dieser Erkrankung gab es bisher keine gute Erklärung dafür, warum manche Kinder immer wieder unter Hals- und Mandelentzündungen leiden“, sagt Dans Kollege Shane Crotty. „Wir liefern nun den ersten handfesten Beleg dafür, dass dabei sowohl eine immunologische als auch eine genetische Komponente eine Rolle spielt.“ Diese Erkenntnis könnte sich künftig nutzen lassen, um neue Präventionsstrategien zu entwickeln, wie der Forscher ergänzt: „Beide Komponenten scheinen zu einer unzureichenden Antikörperreaktion vor allem gegen SpeA zu führen. Möglicherweise kann eine Impfung, die das Immunsystem im Vorfeld trainiert, diesem Problem entgegenwirken – und wiederkehrende Mandelentzündungen verhindern.“

Quelle: Jennifer Dan (La Jolla Institute for Immunology, Kalifornien), Science Translational Medicine, doi: 10.1126/scitranslmed.aau3776

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