Babys Augen lügen nicht - wissenschaft.de
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Babys Augen lügen nicht

Blicke und Bewegungen eines Säuglings verraten, ob sich das Kind später normal entwickeln wird. Forscher arbeiten an Tests, damit eine nötige Therapie möglichst früh beginnen kann.

Charlotte dreht die Spielzeuggiraffe zwischen ihren winzigen Fingern. Sie nimmt erst den Kopf in den Mund, dann die Füße. Die Psychologin Andrea Wittke reicht ihr ein graues Kaninchen aus Plastik. Charlotte betrachtet es für ein paar Sekunden und wirft es dann auf den Boden. Mit jedem weiteren Plastiktier schwindet die Aufmerksamkeit des neun Monate alten Mädchens. Dann gibt Wittke dem Baby einen orangefarbenen Spielzeugmüllwagen. Plötzlich ist Charlotte hellwach. Sie rollt das Fahrzeug auf dem Tisch hin und her, tastet die Räder ab und steckt sie in den Mund. Eine Kamera in der Ecke des Babylabors am Universitätsklinikum in Heidelberg hat die Szene aufgezeichnet. Weil die Plastiktiere einander gleichen, nimmt Charlottes Interesse mit jedem Exemplar ab. „Habituation“ nennen Psychologen diesen Effekt. Das Auto gehört als Fahrzeug zu einer anderen Kategorie. Nach der eintönigen Tierparade erregt es Aufmerksamkeit, eine „Dishabituation“ findet statt. Charlottes Blickverhalten liefert Wittke Erkenntnisse über die geistige Entwicklung des Babys. Das legen bisherige Erkenntnisse nahe.

Gesunde Säuglinge können ab vier Monaten gezielt ihre Aufmerksamkeit auf ein neues Objekt richten, auch wenn ein zweites in ihrem Blickfeld ist. Taucht etwa auf einem Monitor neben einem Gesicht ein blinkender Balken auf, richten die Babys ihren Blick nur darauf, beobachtete die Psychologin Janette Atkinson vom University College in London.

Mühsame Entscheidung

Säuglinge mit geistiger Beeinträchtigung wie Down- oder Williamssyndrom können sich in dem Test dagegen nicht so gut auf den blinkenden Balken konzentrieren. Auch Frühgeborene tun sich damit schwer, wie Atkinson in der Fachzeitschrift „Archives of Disease in Childhood“ 2008 publizierte. Und: Je mühsamer die Entscheidung zwischen den Gegenständen fällt, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Geistesgaben der Kinder später hinterherhinken. Diese Erkenntnis können Therapeuten nutzen.

„Bisher fallen kognitive Probleme erst ab dem zweiten Lebensjahr auf, beim Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom sogar oft erst in der zweiten Klasse“, bedauert Atkinson. Tests bei Babys könnten solche Defizite viel früher aufdecken. Zurzeit versuchen die Forscher, aus Blick- und Körperbewegungen auf die künftige Entwicklung zu schließen. „Eine frühe Diagnose ist wichtig, um die Kinder von Anfang an optimal zu fördern“, bestätigt Joachim Pietz, Leiter der Klinik für Neuropädiatrie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin in Heidelberg.

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Dass die Motorik von Säuglingen Auskunft über deren Entwicklungsmöglichkeiten gibt, entdeckte der Wiener Neurologe Heinz Prechtl in den 1990er-Jahren und wurde damit weltbekannt. Er analysierte das Gestrampel von Neugeborenen und leitete aus ihren Bewegungsmustern ab, wie das Nervensystem wächst. Seine Erkenntnis: Wenn kleine tänzelnde Bewegungen der Gelenke in der 6. bis 20. Woche nach der Geburt fehlen, und die Motorik vielmehr starr und monoton ist, lässt sich das als Frühwarnzeichen deuten. 95 Prozent dieser Kinder fielen später neurologisch auf, brachte Prechtl 1997 im Fachjournal „Lancet“ zu Papier. Oft litten sie an einer Entwicklungsstörung, nicht selten an einer Zerebralparese, die sich in spastischen Lähmungen und unkoordinierten Bewegungen äußert.

Zappelphilipp ist gesund

Seither haben viele Forscher an diesen spektakulären Befund des inzwischen emeritierten Professors aus Wien angeknüpft. Vor allem seine Schülerin Mijna Hadders-Algra, Kinderärztin am University Medical Centre im niederländischen Groningen, führt sein Werk fort. Sie legt bei ihren Untersuchungen Kleinkinder zwischen drei und sechs Monaten auf eine Matte und filmt zehn Minuten lang ihr Gestrampel.

„Normale kindliche Bewegungen bis zum vierten Monat sind sehr variabel und komplex. Das Kind probiert quasi alle Möglichkeiten aus, um die Gelenke des Körpers zu bewegen: beugen, strecken, nach innen und nach außen drehen“, erklärt Hadders-Algra. Kinder, die sich nicht normal entwickeln, neigen dagegen zu wiederholten einfachen Beug-Streck-Bewegungen. Ihr Bewegungsspektrum ist in Raum, Geschwindigkeit und vor allem in der Vielfalt eingeschränkt. Bei Kindern mit Zerebralparese wirken die Bewegungen abgehackt und steif. Hadders-Algra vermutet, dass auch autistische Kinder früh an gleichförmigem Strampeln zu erkennen sind. Bislang stehen dazu aber konkrete Untersuchungen aus.

Doch wenn sich ein Baby atypisch bewegt, muss das nicht zwingend ein Hinweis auf eine körperliche oder geistige Behinderung sein. Etliche Kinder, die im Film negativ auffielen, waren später gesund. „Das Nervensystem ist kreativ und kann Lösungen finden, die eine gesunde Entwicklung ermöglichen“, erklärt Hadders-Algra. Auch das spricht für eine möglichst frühe Förderung, die Kindern, bei denen sich das Problem nicht von alleine löst, auf die Sprünge hilft.

Die Bewegungsanalyse bei Säuglingen, „General Movement Assessment“ genannt, wird an immer mehr Kinderkliniken und in spezialisierten Kinderarztpraxen in Deutschland an frühgeborenen und entwicklungsphysiologisch auffälligen Kindern angewandt. Geschulte Beobachter werten dort zehnminütige Videos mit dem Gestrampel der Babys aus. „Man kann die Diagnose nur anhand des Films stellen, nicht indem man das Kind direkt beobachtet. Denn es gibt einen psychologischen Effekt“, erklärt Hadders-Algra. „ Aus unbewusstem Mitgefühl glaubt man oft, dass sich das Kind normal bewegt. Erst wenn man später das Videomaterial mit nüchternem Blick studiert, sieht man die Auffälligkeiten.“

simpel und effektiv

Die aufwändige Auswertung hat bislang verhindert, dass die Methode Einzug in Kinderarztpraxen hält. Verschiedene Forscher wollen die Bewegungsanalyse deshalb automatisieren. Ein Team um Joachim Pietz an der Kinderklinik und am Institut für Informatik der Universität Heidelberg ersann dafür ein System, bei dem die Säuglinge auf einer Matte liegen, unter der sich ein Magnetfeld befindet. Kleine Magnetsensoren werden mit Pflastern auf Arme und Beine geklebt. Ein Computer erfasst die Bewegungen des Kindes und errechnet daraus Variabilität, Winkel, Beschleunigung und Gleichmäßigkeit des Gezappels. Anhand dieser Daten kann anormales Verhalten schnell erkannt werden. „Das funktioniert genauso verlässlich wie die Diagnose eines geschulten Beobachters“, weiß die Heidelberger Psychologin Gitta Reuner. Trotzdem arbeitet bisher nur die Heidelberger Klinik mit dem System, denn mit mehr als 30 000 Euro ist es zu teuer für niedergelassene Kinderärzte.

Catherine Disselhorst-Klug erfand deshalb ein Low-Budget-Gerät. Die Medizintechnikprofessorin am Helmholtz-Institut der RWTH Aachen verwendet vier Sensoren, die sie dem Kleinkind auf Arme und Beine klebt. Diese messen die Beschleunigung und die Bewegung im Raum. Sie wiegen nicht mehr als ein Gramm und beeinträchtigen das Kind nicht beim Strampeln. Ein eigens entwickeltes Computerprogramm erfasst den Bewegungsumfang, misst, wie Arme und Beine relativ zueinander bewegt werden und wie gleichförmig das geschieht.

„Wir konnten damit 90 Prozent der spastischen Störungen bei rund 50 Kindern, die wie untersucht haben, richtig klassifizieren“ , sagt Disselhorst-Klug. „Allerdings ordnet das System bis zu 17 Prozent der gesunden Kinder irrtümlich als krank ein. Deshalb ist es noch kein ausgereiftes diagnostisches Werkzeug.“ Doch selbst wenn einem gesunden Kind Physiotherapie verordnet wird, ist die falsche Zuordnung nicht problematisch, findet Disselhorst-Klug. Man dürfe den Eltern nur keine Angst vor einer Behinderung machen und müsse den positiven Effekt der Physiotherapie auf die Entwicklung des Kindes hervorheben. Etliche Kinderärzte und pädiatrische Zentren hätten bereits Interesse an der Erfindung gezeigt, die schon für 3000 Euro zu haben ist.

Gesunde Babys wollen neue Reize

Einstweilen sind noch geschulte Experten nötig, um das Verhalten der Säuglinge einzuordnen. Die Heidelberger Psychologinnen Gitta Reuner und Andrea Wittke beobachteten insgesamt 216 Kinder – 147 frühgeborene und 69 unauffällige Babys. Zurzeit werten sie die Daten aus. „Frühgeborene halten tendenziell länger an gleichförmigen Reizen fest – etwa an Spielzeugtieren –, während Babys sonst rasch abschweifen, wenn sie erkennen, dass nichts Neues geboten wird“, berichtet Reuner.

Brachten die Forscherinnen ein neuartiges Objekt ins Spiel, fiel es den Frühchen schwerer, sich darauf zu konzentrieren. Außerdem inspizierten sie das Spielzeug weniger ausgiebig. Je schlechter diese Fähigkeiten sind, desto schlechter sind auch die kognitiven Leistungen im Alter von zwei Jahren, fanden die Psychologinnen heraus. Doch für Charlotte und ihre Mutter haben sie eine gute Nachricht: Das Mädchen gehört nicht zu den auffälligen Kindern. ■

SUSANNE DONNER erfuhr bei ihrem Besuch der Heidelberger Frühgeborenen-Station 2010 von der Forschung an Säuglingen.

von Susanne Donner

Kompakt

· Entwicklungsstörungen werden häufig erst im Kleinkindalter erkannt.

· Mithilfe von Videoaufnahmen und Magnetsensoren gelingt die Frühdiagnose schon bei Babys.

· Kostengünstige Geräte sollen die Untersuchung in vielen Kinderarztpraxen ermöglichen.

Mehr zum Thema

Lesen

Marshall Klaus, Maria Andrea Das Wunder der ersten Lebenswochen Goldmann, München 2003, € 15,20

Heinz Prechtl Fetal Behaviour A Neurodevelopmental Approach John Wiley & Sons, Weinheim 2011,€ 137,58

Mijna Hadders-Algra Examination of the Child with Minor Neurological Dysfunction John Wiley & Sons, Weinheim 2010, € 60,–

Internet

Das Heidelberger Babylabor: www.klinikum.uni-heidelberg.de/Babylabor

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