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„BILDUNG IST DIE BESTE IMPFUNG“

Lässt sich die ganze Welt medizinisch gut versorgen? Wie beugt man Zivilisationskrankheiten vor? Kann man Gesundheit messen? Detlev Ganten stellt Themen und Ziele des World Health Summit vor. Das Gespräch führte Judith Rauch Detlev Ganten Jahrgang 1941, machte eine Ausbildung zum landwirtschaftlichen Gehilfen, bevor er in Würzburg, Montpellier und Tübingen Medizin studierte. Sein Spezialgebiet ist die Pharmakologie. Forschungserfolge erzielte er bei der Aufklärung der molekularen und genetischen Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, besonders des Bluthochdrucks. Von 2004 bis 2008 leitete Ganten die Berliner Charité, seit 2005 ist er Vorsitzender des Stiftungsrats der Charité-Stiftung.

bild der wissenschaft: Herr Professor Ganten, Sie haben 2009 den ersten Weltgesundheitsgipfel in Berlin mit veranstaltet. Wie kamen Sie auf eine so ambitionierte Idee?

Detlev Ganten: Wir wollten zur 300-Jahr-Feier der Charité etwas Besonderes machen, was über die akademischen Feiern hinaus aus der Vergangenheit in die Zukunft weist. In der Vergangenheit hatten wir in Berlin viele große Forscher, die die Medizin geprägt haben.

Einer von ihnen war Ihr Vorbild Rudolf Virchow, der im 19. Jahrhundert fast 50 Jahre lang an der Charité tätig war …

Ein hervorragender Grundlagenforscher, der die naturwissenschaftliche Medizin in Deutschland eingeführt hat. Aber Virchow hat auch die Verbindung von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft gesehen: Seine Forschung wäre nicht möglich gewesen ohne die Entwicklung der Mikroskopie. Außerdem war Virchow ein mutiger Mann. Als er vom Kaiser nach Schlesien geschickt wurde, um nachzusehen, warum dort der Krankenstand so hoch ist und junge Leute so früh sterben, hat er gesagt: Das ist kein medizinisches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Hier hat die Politik versagt. Die Lebensbedingungen der Arbeiter, zum Beispiel der Weber, müssen verbessert werden. Diese Tradition, dass die Wissenschaft Verantwortung für gesellschaftliche und politische Aufgaben übernimmt, haben wir aufgegriffen und eine zukunftweisende Veranstaltung daraus gemacht: den Weltgesundheitsgipfel.

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In diesem Jahr heißt das Motto „Translation – Transition – Transformation“. Was bedeutet das?

Translation bedeutet die Übertragung wissenschaftlicher Ergebnisse vom Labor zum Krankenbett und dann zur Anwendung in der Breite der Bevölkerung. Transition heißt Wandel: Wir leben in einer sich schnell verändernden Welt. Der Klimawandel, der demographische Wandel, die Finanzkrise, die ja etwas mit der schnellen Globalisierung zu tun hat, fordern auch die Medizin heraus. Und Transformation bedeutet: Wir wollen aktiv eingreifen in die Gestaltung der Politik. Wir wollen Gesundheitssysteme und die Einstellung zur Gesundheit verändern – das ist natürlich das Anspruchsvollste.

Was waren für Sie als Gastgeber die wichtigsten Ergebnisse des ersten Gipfels?

In allen Diskussionen wurde eines deutlich: Bildung ist die beste Impfung, und sie ist Voraussetzung für Vorbeugung. Wer gebildet ist, achtet auf sich. Bildung befähigt zu einem selbstverantwortlichen Umgang mit der eigenen Gesundheit. Ein anderes wichtiges Ergebnis: Wir brauchen eine Umgestaltung des Gesundheitswesens von einem Krankenversorgungssystem zu einem die Gesundheit erhaltenden System. Das bedarf einer grundlegenden Neuorientierung auch in der Ausbildung der Mediziner. Das Werbeverbot für Ärzte muss ebenfalls überdacht werden, denn die dürfen sich ja eigentlich gar nicht an Gesunde wenden. Mein Zahnarzt traut sich kaum, mich an die Parodontose-Vorsorge zu erinnern … Ich bin nicht dafür, dass Ärzte aggressiv für ihre Praxis werben. Aber sie müssen doch auf die Menschen zugehen dürfen, bevor diese zu Patienten werden.

Es gab auch Kritik am Gipfel. Es kam sogar zu einer Gegenveranstaltung von Kritikern der Gesundheits- und Entwicklungspolitik. Was waren die Gründe dafür?

Einige Gruppierungen der Zivilgesellschaft mit verschiedenstem Hintergrund waren der Meinung: Da trifft sich die Elite der etablierten Institutionen – Universitäten, Max Planck, Helmholtz, Pharma-Industrie und so weiter – und entscheidet über die Köpfe der Kranken hinweg, was sie künftig machen will. Möglicherweise will sie sogar Geld damit verdienen. Wir haben das positiv aufgenommen, sind schon im Vorfeld auf diese Organisationen zugegangen und haben sie eingeladen. Wir sind auch zum „ Gegengipfel“ gegangen, haben mit den Leuten gesprochen, und zwei ihrer Vertreter haben 2010 das Programm mitgestaltet.

Wenn man nicht mit nationalem Blick, sondern aus Sicht der Weltgesundheit die Medizin betrachtet – was ändert sich?

Die wichtigste Frage ist doch: Wohin geht die Medizin? Wir haben eine Weltbevölkerung von sieben Milliarden. Wir versorgen etwa eine Milliarde Menschen auf höchstem Niveau, in Europa, Nordamerika, Japan und Privilegierte in anderen Ländern. Sechs Milliarden Menschen werden schlecht oder gar nicht medizinisch versorgt. Wir werden es nicht schaffen, ein Finanzierungssystem auch nur anzuvisieren, das sieben Milliarden Menschen so betreut, wie es der Stand der Wissenschaft erlaubt.

Was ist zu tun?

Wir werden grundsätzlich über die gesundheitliche Gesamtversorgung der Menschheit nachdenken müssen. Und da gilt: Prävention – Erhaltung der Gesundheit! Vermeidung von Zivilisationskrankheiten da, wo sie noch nicht so vorherrschend sind wie bei uns! Aber wir erleben genau das Gegenteil: In Afrika, Südamerika, Indien werden süße Kunstgetränke und Junk-Food aggressiv vermarktet. Schon der Geschmack der Kinder wird entsprechend konditioniert, anstatt dass man sich auf sauberes Wasser konzentriert, das häufig nicht verfügbar ist. Es ist natürlich auch eine Frage wirtschaftlicher Interessen. Dabei will die Wirtschaft ja gar nicht Schlechtes verkaufen, sie will Geld verdienen. Vielleicht kann man die Firmen überzeugen, dass sich das auch anders erreichen lässt.

Indem Coca-Cola gesündere Getränke anbietet, beispielsweise?

Ja. Auf jeden Fall müssen wir diskutieren, wie man Massenmarktprodukte so gestalten kann, dass sie nicht krank machen. Wobei wir nicht als Weltverbesserer auftreten wollen.

Nein?

Natürlich wollen wir die Welt verbessern. Aber mit einem Anspruch, der die Realität im Auge behält. Nicht als Missionseiferer. Davon gibt’s schon zu viele.

Wird sich auch für die Forschung etwas ändern? Neue Themen, neue Methoden?

Was bedeutet denn Forschung? Forschung heißt, kritisch und selbstkritisch zu sein, das Alte abzulegen, wenn es sich gegenüber dem Neuen als nicht mehr gut genug erweist. Eine neue Richtung in der Medizin ist beispielsweise die Versorgungsforschung: Forschung, die klärt, wie viel vom medizinischen Fortschritt beim Patienten ankommt. Wir haben in Deutschland leider eine komplett unterentwickelte Versorgungsforschung. Sie ist fast nicht existent. Epidemiologische Daten müssen verbessert werden. Wenn wir nach Afrika gehen und dort medizinische Maßnahmen einleiten, müssen wir prüfen: Was erreichen wir damit? Ein großes Thema auf dem nächsten Gipfel ist deshalb „Health Metrics“, das Messen von Gesundheit. Dabei müssen wir diskutieren: Was wird gemessen? Wie viele Menschen werden in die Studien einbezogen? Über welche Zeiträume? Und wann ist eine Maßnahme wirklich ein Erfolg?

Eine völlig andere Forschung also als Gen-Forschung oder Laborversuche mit Modellorganismen?

Alles zusammen ist wichtig! Gute Wissenschaft auf allen Gebieten – so entsteht interdisziplinärer Fortschritt. Es muss auch für die Versorgungsforschung Anreize und Geld geben. ■

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