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Depression: Zögern zeigt Rückfallrisiko

Viele Depressions-Patienten erleiden nach dem Absetzen von Medikamenten einen Rückfall. (Wavebreakmedia/iStock)

Oft wäre es besser gewesen, die Behandlung fortzusetzen – die Rückfallquote bei Depressionen ist hoch. Forscher haben nun eine Möglichkeit aufgezeigt, das Rückfallrisiko vorauszusagen: Es spiegelt sich demnach in langsamen Entscheidungen wider. Patienten mit schlechter Prognose zögern demnach in charakteristischer Weise bei Entscheidungen darüber, wie viel Anstrengung sie für eine Belohnung investieren möchten. Der Zusammenhang könnte zur Entwicklung eines Testverfahrens führen, sagen die Wissenschaftler.

Die Lebensqualität sinkt auf Null – niedergeschlagen und antriebslos schleppen sich Millionen von Menschen durchs Leben. In einigen Fällen helfen ihnen nur stimmungsaufhellende Medikamente. Aus Studien ist bekannt, dass diese Behandlung über das Abklingen der Symptome hinaus fortgesetzt werden sollte, um die Gefahr eines Rückfalls zu verringern. Doch wann die Medikamente abgesetzt werden können, lässt sich bisher kaum einschätzen. „Etwa 30 Prozent der Betroffenen erleiden in den ersten sechs Monaten nach dem Absetzen einen Rückfall. Das ist ein sehr hoher Anteil. Bisher gibt es kein etabliertes Instrument, mit dem sich dieses Risiko abschätzen lässt“, sagt Isabel Berwian von der Universität Zürich.

Im Rahmen ihrer Studie haben sie und ihre Kollegen nun ausgelotet, inwieweit sich eine bekannte Neigung von Depressions-Patienten als ein Indiz für das Rückfallrisiko nutzen lässt: Menschen mit Depressionen sind vergleichsweise wenig bereit, sich für eine Belohnung anzustrengen. „Stellen Sie sich vor, dass Sie an einem Abend bereits im Bett liegen. Dann rufen Freunde an und fragen, ob Sie sich mit ihnen in der Stadt zum Essen treffen wollen. Eine gesunde Person wird vermutlich aufstehen und hingehen. Ein depressiver Mensch bleibt dagegen eher im Bett, selbst wenn er glaubt, bei der Aktion Freude empfinden zu können. Der Grund: Die dazu notwendige Anstrengung erscheint zu groß“, erklärt die Wissenschaftlerin. Diese Denkweise spiegelt sich auch in der Zeit wider, die benötigt wird, um die Entscheidung für oder gegen die Aktion zu treffen.

Gibt es eine Signatur des Rückfallrisikos?

Im Rahmen der Studie haben die Wissenschaftler nun untersucht, inwieweit diese Neigung bei Patienten während einer erfolgreichen Behandlung erhalten bleibt und mit dem späteren Rückfallrisiko verknüpft ist. An der Studie nahmen 123 Patienten mit wiederkehrender oder schwerer depressiver Erkrankung teil. Durch eine Therapie waren sie weitgehend symptomfrei, nahmen aber noch weiterhin Antidepressiva ein. Allerdings hatten sie bereits entschieden, die Medikamente bald abzusetzen. Als Kontrollgruppe dienten 66 gesunde Vergleichspersonen.

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Alle Studienteilnehmer absolvierten im Rahmen der Studie eine Art Test-Spiel zur Messung ihrer Entscheidungszeit. Sie sollten dabei teils heftig eine Taste am Computer drücken, um Punkte zu gewinnen. Durch erfolgreiche Anstrengung wurde dann ein virtueller Ballon aufgeblasen, bis er schließlich platzte. Es gab bei den Durchläufen stets die Wahl zwischen zwei alternativen Strategien, die mit unterschiedlichem Erfolg, aber auch Anstrengung verknüpft waren. Die Probanden hatten fünf Sekunden Zeit, um sich zwischen diesen Alternativen zu entscheiden. Alle Teilnehmer absolvierten 60 Durchläufe. Die Depressions-Patienten wurden zudem sechs Monate lang weiter beobachtet, um zu erfassen, ob sie nach dem Absetzen ihrer Medikamente einen Rückfall erlitten.

Charakteristisch träge Entscheidungen

Die Auswertungen der Tests belegten zunächst eine grundlegende Tendenz: Die Entscheidungszeit bei den Depressions-Patienten war länger als bei den gesunden Vergleichspersonen: durchschnittlich 1,77 im Vergleich zu 1,61 Sekunden. Zudem wählten die Depressions-Patienten meist die am wenigsten anstrengende Option. Das wichtigste Ergebnis war allerdings: Innerhalb der depressiven Patientengruppe zeigte sich ebenfalls eine Verzögerungs-Tendenz: Personen, die nach dem Absetzen einen Rückfall erlitten, brauchten durchschnittlich 1,95 Sekunden für ihre Entscheidung. Den Forschern zufolge spiegelt sich darin wider, inwieweit die Depression nach wie vor asymptomatisch im Hintergrund präsent ist. Rückwirkend betrachtet konnten die Forscher anhand der Entscheidungszeit das Rückfallrisiko mit einer Quote von zwei zu eins richtig voraussagen.

Die Studie hat somit verdeutlicht, dass die Entscheidungszeit gewisse Prognosen zum Rückfallrisiko bei einer Depression ermöglicht. Was die Umsetzung des Verfahrens in einen Test betrifft, äußern sich die Forscher allerdings zurückhaltend, denn die Praxistauglichkeit der Methode erscheint ihnen zufolge bisher unklar. „Dieser Indikator ist vielversprechend, dennoch können wir aber noch nicht für uns beanspruchen, ‚die‘ Lösung gefunden zu haben. Unsere Ergebnisse müssen nun außerdem erneut durch umfangreichere Untersuchungen bestätigt werden“, betont Berwian. Die Ergebnisse geben aber zumindest Hoffnung: Es scheint Möglichkeiten zur Entwicklung von Nachweisverfahren zu geben, die Patienten das erneute Absinken in die Verzweiflung ersparen könnten.

Quelle: Schweizerischer Nationalfonds SNF, Fachartikel: Jama Psychiatry, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.4971

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