Der Bumerang-Effekt - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesundheit+Medizin

Der Bumerang-Effekt

„Zum ersten Mal weltweit ist ein Kind mit einer Leukämie mit dem eigenen Nabelschnurblut geheilt worden“, jubelte die private Nabelschnurblutbank Vita34 in Leipzig Anfang des Jahres. Kurz zuvor war in der Fachzeitschrift „Pediatrics“ ein Artikel über das mittlerweile sechsjährige amerikanische Mädchen erschienen, das im Alter von drei Jahren an Akuter Lymphoblastischer Leukämie (ALL) erkrankt war. Es hatte nach einem Rückfall Stammzellen aus seinem eigenen Nabelschnurblut zugeführt bekommen – Blut, das seine Eltern gegen eine Gebühr bei der US-Tochter von Vita34 hatten einlagern lassen.

Die Erfolgsmeldung kam den Leipzigern gerade recht – hatten doch sie und andere kommerzielle Blutbanken in den vergangenen Monaten einiges einstecken müssen: Experten bezweifelten öffentlich, dass sich der Aufwand lohnt. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass das eingefrorene Zellkonzentrat jemals gebraucht wird, sei sehr gering – und die Werbung der Blutbanken, die die Nabelschnurzellen mit der Heilung von Krebs, Diabetes und anderen Krankheiten in Verbindung bringen, irreführend. Außerdem gibt es Bedenken bezüglich der Qualität und Haltbarkeit der Präparate (bild der wissenschaft 6/2006, „Eine vage Option“).

Mit der Erfolgsmeldung hat Vita34 sich indes keinen Gefallen getan, meint Gesine Kögler, Leiterin der nichtkommerziellen Nabelschnurblutbank an der Universität Düsseldorf: Bei Leukämien habe sich die Transplantation eigener („autologer“) Stammzellen keineswegs bewährt. Aus gutem Grund ist die Transplantation von fremdem Knochenmark, das ebenfalls Stammzellen enthält, ein wichtiger Teil der Leukämie-Therapie: Immunzellen, die sich aus den übertragenen Stammzellen entwickeln, greifen noch vorhandene Leukämiezellen an – aber nur, wenn Spender und Empfänger genetisch nicht identisch sind. „Das ist ein hartes Argument gegen die Transplantation eigener Stammzellen bei diesen akuten Leukämien“, meint Kögler.

Warum ist das Mädchen dann überhaupt gesund geworden? Ursula Creutzig, Pädiatrische Onkologin an der Universität Münster und Geschäftsführerin der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie, unterstreicht, das sei eine ganz ungewöhnliche Konstellation gewesen: „Das Kind hatte einen isolierten Rückfall im Zentralnervensystem und war zuvor bereits mit einer Chemotherapie behandelt worden.“ In diesem speziellen Fall könne die Zufuhr eigener Stammzellen eine zusätzliche Maßnahme sein, um erneute Rückfälle zu vermeiden – „eine sehr, sehr seltene Ausnahme“, betont Creutzig.

Die Medizinerin rechnet vor: Jedes Jahr erkranken nur etwa 4 von 100 000 Kindern an ALL, und von ihnen werden 80 Prozent durch die Standard-Chemotherapie geheilt. Von den restlichen 20 Prozent wiederum erleiden nur die Wenigsten einen Rückfall im Zentralnervensystem, wie es bei dem amerikanischen Mädchen der Fall war. Für einen derartig seltenen Fall Nabelschnurblut einzufrieren, sei also eine extreme Überversicherung, die die Eltern immerhin bis zu 2000 Euro kostet.

Anzeige

Die deutsche Ärztekammer formuliert das in einer Leitlinie noch drastischer: „Für die Bevorratung von autologen Nabelschnurblut-Präparaten ist zurzeit keine medizinische Indikation bekannt.“ Der lauthals verkündeten Erfolgsmeldung von Vita34 folgten viele kritische Bewertungen in den medizinischen Fachmedien. „Das war wohl eher ein Bumerang“, resümiert Gesine Kögler. Eberhard Lampeter, Geschäftsführer von Vita34, nimmt die Kritik gelassen: Man habe mit der Meldung lediglich zeigen wollen, dass eigene Stammzellen bei bestimmten Leukämiekranken zur Heilung beitragen können.

Von dem ganzen Wirbel werden am ehesten die öffentlichen Banken profitieren. Eltern können ihnen die Nabelschnur ihres Kindes spenden – zum Wohl anderer, die an Leukämie erkrankt sind. Und das ganz kostenlos. Ilka Lehnen-Beyel ■

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Bat|ta|glia  auch:  Bat|tag|lia  〈[–talja] od. [–taja] f.; –, –gli|en [–taljn] od. [–tajn]; Mus.〉 klangmalerische Darstellung eines Kampfes, Aufmarsches o. Ä. ... mehr

Spa|get|ti|trä|ger  〈m. 3; Mode〉 schmaler Träger an ärmellosen Damenoberteilen; oV Spaghettiträger ... mehr

Gau|men|bo|gen  〈m. 4, süddt., österr., schweiz.: m. 4u; Anat.〉 zwei Falten seitl. des Gaumensegels, in das die Gaumenmandeln eingebettet sind

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige