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DER WAHN, HÄSSLICH ZU SEIN

Welche Nase entspricht schon den Idealmaßen, und welches Lächeln hält Hollywood-Kriterien stand? Jeder Mensch hat kleine optische Macken (siehe auch die bdw-Titelgeschichte „Das Naturgesetz der Schönheit“). Doch für Menschen mit einer Dysmorphophobie – der Angst, entstellt zu sein – werden sie zu einem großen Problem: Sie fühlen sich abgrundtief hässlich und trauen sich kaum vor die Tür. Aktuelle Untersuchungen gehen davon aus, dass etwa ein bis fünf Prozent aller Männer und Frauen in Deutschland unter der quälenden Störung leiden. „Die Erkrankung beginnt meist in der Pubertät, aber bis sie richtig diagnostiziert wird, vergehen im Durchschnitt 15 Jahre“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Claudia Mehler-Wex von der Universitätsklinik Ulm.

Bis dahin bevölkern die vermeintlich Hässlichen die Praxen von Hautärzten, Kieferorthopäden oder Schönheits-Chirurgen. Doch helfen können die ihnen kaum. Denn ist ein schiefer Zahn gerichtet, stört schon kurz darauf ein kleines Hautfältchen – irgendetwas findet sich immer. Außer mit ihrem Gesicht sind die betroffenen Frauen vor allem mit Busen und Beinen unzufrieden, die Männer mit Genitalien, Haaren oder ihrer Körpergröße. Stundenlang wird die Nase oder der Haaransatz im Spiegel begutachtet. Andere Patienten verhängen alle Spiegel in der Wohnung, weil sie ihren eigenen Anblick nicht ertragen. Fast alle meiden den Kontakt zu anderen Menschen, weil sie sich dann beobachtet und unsicher fühlen. Claudia Mehler-Wex: „Etwa 75 Prozent der Patienten leiden gleichzeitig an einer Depression, 30 Prozent tragen sich sogar mit Selbstmordgedanken.“ Vor allem Eltern und Ärzte sind gefordert, eine Dysmorphophobie rechtzeitig zu erkennen – bei der 18-Jährigen, die sich, angeregt durch fragwürdige TV-Vorbilder, eine Brust-Operation zum Abi wünscht, genauso wie bei dem Jungen, der sich wegen ein paar Pickeln nicht mehr unter die Leute wagt.

Schuld an der falschen Körperwahrnehmung könnte eine Störung im Serotonin-Haushalt sein. Gestützt wird diese Annahme durch Parallelen zu LSD: Die Droge verändert die Serotoninwirkung und geht in der Regel mit Halluzinationen einher, bei denen eigene Körperteile bizarr verändert erscheinen. Für diese These spricht auch, dass die meisten Dysmorphophobie-Patienten gut auf Psychopharmaka reagieren, die den Serotoninspiegel erhöhen. Für Claudia Mehler-Wex sind sie jedoch bloß eine Krücke bei der Behandlung. „Im Vordergrund steht immer die Psychotherapie.“ Die Ärztin will den Patienten zu einer anderen Selbstsicht verhelfen. „Für die Betroffenen gibt es nur Schwarz oder Weiß. Ihr Körper erscheint ihnen entweder perfekt oder hässlich entstellt. Nuancen dazwischen blenden sie aus. In psychotherapeutischen Gesprächen, bei einem Verhaltenstraining oder einer Gruppentherapie geben wir ihnen die Gelegenheit, ein neues Selbstwertgefühl aufzubauen und die sozialen Ängste zu reduzieren.“ Sechs bis zwölf Monate dauert eine solche Therapie in der Regel. Manche müssen dabei die alltäglichsten Dinge wieder lernen, die sie aus Angst vor anderen nicht mehr bewältigen können: Einkaufen, Bus fahren oder Behördengänge. Wichtig ist für die Menschen dabei die Erfahrung, dass sie trotz ihrer (eingebildeten) Hässlichkeit akzeptiert und mit Respekt behandelt werden. Dr. Ulrich Fricke

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KONTAKT

Prof. Claudia Mehler-Wex Universität Ulm Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/ Psychotherapie Steinhövelstraße 5 89075 Ulm Tel. 0731/500-61604 www.uniklinik-ulm.de

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INTERNET

Infos der Humboldt-Universität: www.koerperdysmorphe stoerung.de

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Ulrich Stangier HAUTKRANKHEITEN UND KÖRPERDYSMORPHE STÖRUNG Hogrefe Verlag 2002, € 19,95

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