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DIE FATALE ALLIANZ

Diabetiker leiden häufig unter einer Depression. Langsam lichtet sich der Schleier, wie man ihnen helfen kann.

Chronische Krankheiten schlagen aufs Gemüt. Gerade die Zuckerkrankheit ist mit großen Ängsten verbunden, mit Selbstzweifeln und einem sorgenvollen Blick in die Zukunft. Keine andere chronische Krankheit erfordert vom Patienten so viel Mitarbeit und Disziplin: Mäßigung bei Tisch, viel Bewegung, häufige Medikamenten-Einnahmen, ständige Blutzucker-Messungen. In Deutschland gibt es knapp acht Millionen Diabetiker. „Sie leben oft mit massiven Einschränkungen“, bestätigt Michael Krichbaum, Psychologe am Diabetes Zentrum Mergentheim. Wenn dann noch Angst vor Erblindung, Amputation oder Herzinfarkt dazu kommen, ist der Weg in eine Depression nicht weit. Etwa jeder achte Diabetiker in Deutschland leidet an einer behandlungsbedürftigen schweren Depression, schätzen Experten. Rechnet man depressive Verstimmungen hinzu, ist wohl jeder Vierte betroffen – insgesamt sind das rund zwei Millionen Menschen.

Der Zusammenhang zwischen Gemütslage und Diabetes ist seit Jahren bekannt. Doch durch aktuelle Studien wissen Diabetes-Experten nun besser Bescheid, wie sich beide Krankheiten bedingen und mit welchen Behandlungen man das bedrohliche Doppel zähmen kann. So gilt unter Diabetes-Experten als weitgehend gesichert, dass die Angst vor Folgeerkrankungen, die sogenannte Progredienzangst, und die veränderte Lebenssituation bei Diabetikern zur Depression führen. Dafür spricht: „Ein unentdeckter Diabetes ist nicht so häufig mit einer Depression vergesellschaftet wie ein diagnostizierter“, erklärt Mark Peyrot, Verhaltenssoziologe an der Johns Hopkins University in Baltimore.

Umgekehrt haben depressive Patienten ein erhöhtes Risiko, einen Diabetes zu entwickeln. Das liegt daran, dass die psychische Störung oft mit einem ungesunden Lebenswandel einhergeht. „Depressive Menschen rauchen meist häufiger, bewegen sich seltener und essen ungesund“, erklärt Michael Krichbaum. Deswegen ist bei Depressiven das Risiko, an einem Diabetes zu erkranken, um gut ein Drittel höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Selbst wenn man weitere Risikofaktoren wie Übergewicht oder Bewegungsmangel herausfiltert, bleibt der Zusammenhang zwischen der Depression und dem erhöhten Diabetes-Risiko bestehen.

Cortisol und Zucker

Ein hoher Blutdruck etwa weist bei Depressiven auf ein verändertes vegetatives Nervensystem hin. Die Betroffenen reagieren besonders heftig auf Stress. Das heißt: Der Körper wird ständig mit Cortisol überflutet. Das Stresshormon fördert die Zuckerneubildung, was das Risiko für eine Insulinresistenz erhöht – die Vorstufe von Diabetes. Überdies führen Ängste und Depressionen zur Ausschüttung von sogenannten proinflammatorischen Zytokinen. Diese Stoffe fachen Entzündungsreaktionen im Körper an und fördern ebenfalls eine Insulinresistenz. Auch schwere Traumatisierungen erhöhen den Cortisol- und Blutzuckerspiegel. Das ergab eine Studie mit 15 bosnischen Kriegsflüchtlingen, die Johannes Kruse, Direktor an der Universitätsklinik Gießen und Marburg, veröffentlicht hat.

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Menschen, die von Diabetes und Depression betroffen sind, haben eine schlechte medizinische Prognose. Laut der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG) leiden depressive Diabetiker 11-mal so häufig unter Komplikationen an kleinen Blutgefäßen – beispielsweise an Augen und Nieren – wie optimistische Patienten. Die Gefahr von lädierten großen Gefäßen, die zu Durchblutungsstörungen und Herzinfarkt führen können, ist um das 2,5-Fache erhöht. All das hat Folgen für die Lebenserwartung: Eine Auswertung der US-amerikanischen Langzeiterhebung Nurses‘ Health Study, in der Frauen zwischen 54 und 79 Jahren untersucht wurden, offenbarte im Januar 2011: In der Gruppe der Teilnehmerinnen, die an Diabetes und Depressionen litten, gab es doppelt so viele Todesfälle wie in der Gruppe der Frauen, bei denen man nur eine der beiden Krankheiten diagnostiziert hatte.

Die fatale Allianz von Diabetes und Depression beschleunigt den Krankheitsverlauf: Depressive kümmern sich oft nicht sorgfältig um ihren Blutzuckerwert, vernachlässigen ihre Sozialkontakte, bewegen sich zu wenig. Das verschlechtert die Blutzuckerwerte, was wiederum auf die Stimmung schlägt und weiteren Erkrankungen Tür und Tor öffnet. Weil diese beiden Krankheiten gemeinsam großes Unheil anrichten, forderten im Herbst 2010 Experten der Deutschen Diabetesgesellschaft ein jährliches Screening für Diabetiker, um psychische Störungen möglichst frühzeitig aufzuspüren. Bislang kommt die Diagnose meist sehr spät – wenn depressive Tendenzen sich bereits verfestigt haben.

DepRESSIOnen sind behandelbar

Fachleute gehen sogar davon aus, dass die Depression bei jedem zweiten Diabetiker unerkannt bleibt. Würde man das Augenmerk stärker darauf legen, könnte man die Lebensqualität vieler Diabetiker steigern. Denn Depressionen sind behandelbar. Bei 80 Prozent der Patienten lassen sich die Symptome langfristig lindern: Bei milden Formen der Depression genügt mitunter ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis. „Wenn ein Diabetiker zum Arzt kommt, sollte dieser regelmäßig emotionale Belastungen ansprechen. Das allein kann schon die Symptomatik verbessern“, sagt Krichbaum. Diabetes-Schulungen tun jedoch nur dann der Seele gut, wenn der Patient sie aktiv unterstützt. So zeigte eine Studie von Richard Rubin und Mark Peyrot, dass der Anteil depressiver Diabetiker nach einer sechsmonatigen Schulung von 38 auf 13 Prozent rutschte. Nach schnödem Frontalunterricht, also reiner Wissensvermittlung – wie sie in den Diabetes-Schulungen hierzulande meist üblich ist –, verzeichneten die Fachleute dagegen kaum eine Veränderung der Depressionsrate.

Wenn Gespräche mit dem Arzt oder Schulungen beim Patienten nicht anschlagen, plädieren Diabetes-Experten schon bei einer milden Depression für eine kognitive Verhaltenstherapie, wobei die Wirksamkeit nicht eindeutig bewiesen ist. Bei klinischer Depression, der stärkeren Form, ist die Faktenlage besser: Die Psychotherapie mildert Depressions-Symptome. „Man wirkt depressionsfördernden Gedanken und Einstellungen entgegen, etwa indem der Patient zu Aktivitäten wie Spazierengehen und Schwimmen motiviert wird“, sagt Andrea Benecke, Psychodiabetologin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. „Zudem versucht man beim Patienten das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken und negative Überzeugungen zu lockern.“ Bisher gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass eine Psychotherapie auch den Blutzuckerwert wieder ins Lot bringt. „Ein Paradox, das wir uns bislang nicht erklären können“, gesteht Bernd Kulzer, Psycho- diabetologe am Diabetes Zentrum Mergentheim. Schließlich müssten theoretisch die von der Depression geheilten Patienten auch wieder einen günstigeren Lebenswandel führen.

Unklar ist auch, ob Sitzungen beim Psychodiabetologen die Lebenszeit verlängern. Immerhin: Vor einigen Jahren hat die US-amerikanische PROSPECT-Studie mit rund 500 Teilnehmern offenbart, dass die Sterblichkeit depressiver Diabetiker durch einen sogenannten Managed-Care-Ansatz in fünf Jahren auf die Hälfte gesenkt werden kann. Dabei wird die interpersonelle Therapie mit Arznei und Wissensvermittlung kombiniert. So versuchen Psychologen vor allem, die Kommunikationsweise der Patienten zu verbessern und dadurch negative Beziehungsmuster zu ändern. Allerdings kann man aus der Studie nicht folgern, dass Psychotherapie alleine für das Plus an Lebensjahren verantwortlich ist. In Deutschland sucht man solche Ansätze fast vergeblich. Bislang gibt es lediglich ein Programm, das in der Diabetes-Schulung neben der reinen Wissensvermittlung auch mit Elementen aus der Verhaltenstherapie arbeitet. Auch an psychologischen Therapieangeboten mangelt es hierzulande. „Wir brauchen dringend moderne Schulungsprogramme. Zudem müssen psychologische Therapien vermehrt in Diabetes-Zentren angeboten werden“, fordert Psychologe Bernd Kulzer. „Das sind wichtige Maßnahmen, um die Versorgung von Diabetikern zu verbessern.“ ■

von Kathrin Burger

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