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Gesundheit+Medizin

Eine vage Option

Stammzellen aus der Nabelschnur haben bereits vielen Menschen das Leben gerettet. Aber lohnt es sich, die Zellen von Neugeborenen fürs spätere Leben einfrieren zu lassen?

Vor der Geburt eines Kindes müssen werdende Eltern viele Entscheidungen treffen: von der Wahl des Namens bis zur Art der Entbindung. „Doch das Beste für Ihr Kind tun Sie, wenn Sie sein Nabelschnur-Blut aufbewahren lassen“ – das wird künftigen Müttern und Vätern in bunten Broschüren suggeriert, die im Wartezimmer mancher Frauenärzten ausliegen. Private Unternehmen wie die Leipziger Firma Vita34 oder basiccell aus Bad Oeynhausen bieten an, die in der Nabelschnur enthaltenen Zellen einzufrieren – als eine Art biologische Lebensversicherung, falls das Kind später im Leben erkranken sollte. Denn diese Zellen könnten zur Heilung der verschiedensten Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Immunerkrankungen verwendet werden, versprechen die Firmen.

Doch nicht nur private Unternehmen haben Interesse an dem Nabelschnur-Blut von Neugeborenen – inzwischen bitten auch manche Geburtskliniken darum, das Nabelschnur-Blut zu spenden. Was sollen Eltern tun?

Die Nabelschnur ist medizinisch tatsächlich wertvoll aufgrund ihrer „fötalen Stammzellen“, die eine Stellung zwischen embryonalen und adulten Stammzellen einnehmen. Zwar sind solche Zellen nicht mehr so wandlungsfähig wie die embryonalen Stammzellen, doch dafür haben sie zwei andere wichtige Vorteile:

• Man muss keinen menschlichen Embryo zerstören, um sie zu erhalten – sie sind also ethisch unbedenklich.

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• Im Unterschied zu den embryonalen Stammzellen entstehen nach bisherigen Erkenntnissen aus ihnen keine Tumore. Außerdem sind fötale Stammzellen wandlungsfähiger und vermehren sich besser als adulte Stammzellen aus dem Knochenmark von Erwachsenen.

Seit Ende der Achtzigerjahre verwenden Mediziner fötale Blutstammzellen zur Therapie von Krankheiten – vor allem Leukämien, aber auch Lymphdrüsenkrebs, und genetisch bedingten Blut- und Stoffwechselerkrankungen. Wenn normale Chemotherapie oder Bestrahlung bei Blutkrebserkrankungen nicht ausreichen, zerstören die Ärzte das gesamte erkrankte blutbildende System und ersetzen es mithilfe gesunder Stammzellen von Spendern. Das Problem: Häufig wird kein passender Spender gefunden, denn die Zellen von Empfänger und Geber müssen in mindestens sechs Gewebemerkmalen übereinstimmen. Hier kommen die fötalen Stammzellen ins Spiel: Nabelschnur-blut-Zellen sind verträglicher und müssen nur in vier Gewebemerkmalen übereinstimmen.

Weltweit erhielten bisher rund 5000 Patienten eine Transplantation mit fötalen Zellen. Je mehr Zellen einem Patienten übertragen werden, umso größer ist die Chance, dass sie sich in seinem Körper ansiedeln und neues, gesundes Blut bilden. Mindestens 30 Millionen Stammzellen pro Kilogramm Körpergewicht werden benötigt. Für Erwachsene enthält ein Nabelschnur-Präparat nicht genügend Zellen. Deshalb sind zwei Drittel der mit fötalen Zellen behandelten Patienten Kinder. Inzwischen haben Forscher um John Wagner aus Minneapolis jedoch eine Technik entwickelt, mit der erwachsenen Leukämie-Patienten die Zellen aus zwei Nabelschnurblut-Präparaten gleichzeitig übertragen werden können.

Weltweit gibt es rund 40 öffentliche Nabelschnur-Banken, an die Eltern das Nabelschnur-Blut ihres Kindes spenden können – in Deutschland sind es sechs Banken. Die größte davon befindet sich an der Universitätsklinik Düsseldorf: Sie hat 9000 Nabelschnurblut-Präparate eingelagert. „Um jedoch allen etwa 4000 Patienten, die in Deutschland jährlich an Blutkrebs erkranken, geeignete fötale Stammzellen zur Verfügung zu stellen, bräuchte man etwa 100 000 bis 200 000 Spenden“, sagt Gesine Kögler, Leiterin der Düsseldorfer Bank.

Wissenschaftler wie Kögler hoffen auf mehr Präparate – auch für die Forschung –, denn die Erwartungen an fötale Zellen sind hoch gesteckt. Weltweit arbeiten Forscher daran, aus ihnen Gewebe wie Knochen, Fett, Nerven, Muskeln oder Herzmuskeln zu züchten, die dann zur Heilung von Krebs, Herzinfarkten, Knochendefekten oder Gehirnschäden eingesetzt werden sollen. Erste Forschungsergebnisse in Tierversuchen stimmen hoffnungsvoll, doch bislang ist der Einsatz bei kranken Menschen Zukunftsmusik: „Es kann noch Jahrzehnte dauern, bis aus Nabelschnur-Blut tatsächlich Medikamente gewonnen werden“, sagt Kögler.

Das hält Unternehmer nicht davon ab, mit dieser Hoffnung Geschäfte zu machen. Derzeit lagern weltweit in über 100 privaten Stammzell-Banken zirka 1,3 Millionen Nabelschnurblut-Präparate. In Deutschland bieten vier Firmen an, die Nabelschnur des Neugeborenen tiefgefroren für den Eigenbedarf aufzubewahren. Kosten für Entnahme, Transport, Einfrieren und Aufbewahrung: je nach Anbieter zwischen 1500 und 2000 Euro.

Was die Unternehmen gerne verschweigen: Weltweit gibt es erst 20 Patienten, denen eigene Stammzellen – so genannte autologe Transplantate – übertragen wurden. Sie litten an extrem seltenen Krankheiten wie einem Neuroblastom – einem Nervenzelltumor – oder aplastischer Anämie. Von privaten Banken sind etwa 60 Fälle bekannt, in denen aufbewahrtes Nabelschnur-Blut einem Geschwisterkind oder Verwandten übertragen wurde. Dass jemals Volkskrankheiten wie Herzinfarkt, Krebs oder Diabetes mit den eingelagerten fötalen Zellen geheilt werden können – eine Aussicht, mit der die Firmen für sich werben –, steht noch in den Sternen.

Manche Mütter und Väter glauben aufgrund der Werbung, die Stammzellen seien eine Art Allheilmittel. „Mich rufen häufig Eltern an, die die Stammzellen ihrer Kinder bei privaten Banken eingefroren haben und deren Kind nun an einer schweren Krankheit wie Diabetes oder einem Geburtsschaden wie der Lähmung aller vier Extremitäten leidet. Es macht mich traurig, wenn ich ihnen sagen muss, dass die Zellen ihrem Kind zurzeit nicht helfen können – und möglicherweise auch in Zukunft nicht“, sagt Kögler.

Oftmals lagern Firmen die Nabelschnur-Präparate auch dann ein, wenn gar nicht genügend Zellen für eine spätere Transplantation darin enthalten sind. Öffentliche Banken bewahren Präparate dagegen erst ab einer bestimmten Zellzahl auf. Sind zu wenige Blutzellen enthalten, werden diese Präparate aber nicht vernichtet, sondern für die Grundlagenforschung verwendet. Außerdem gibt es keine Garantie dafür, dass die Zellen überhaupt mehr als zehn Jahre Tiefkühlen unbeschadet überstehen. Es ist also fraglich, ob sich die Investition von teils 2000 Euro lohnt. Falls sich die Eltern zu diesem Schritt entscheiden, sollten sie bei der Wahl der Firma darauf achten, dass diese die Nabelschnur-Präparate im Inland lagert, damit die deutsche Gesetzgebung im Fall einer Insolvenz Zugriff hat.

„Es gibt Eltern, die mit dem Kindergeld die Raten für eine private Nabelschnur-Bank zahlen“, moniert Kögler. „Meiner Meinung nach wäre dieses Geld besser in einer guten Unfallversicherung angelegt. Denn die Gefahr, dass dem Kind im Straßenverkehr oder im Haushalt etwas zustößt, ist viel höher als die, dass es jemals an einer Krankheit leiden wird, die sich mit eigenen fötalen Stammzellen behandelt lässt.“

Sinnvoller erscheint es derzeit, die Nabelschnur an eine öffentliche Bank zu spenden. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Geburtsklinik an ein Entnahmezentrum angeschlossen ist. Die Spende ist kostenlos. Einen rechtlichen Anspruch auf das Nabelschnur-Blut des Kindes haben die Eltern zwar nicht. Wenn allerdings zum Zeitpunkt der Geburt schon bekannt ist, dass jemand in der Familie an einer Erkrankung leidet, die mit fötalen Zellen behandelt werden kann, dann nehmen öffentliche Banken das Blut als „gerichtete Spende“ entgegen und bewahren es kostenlos auf. ■

Evelyn Hauenstein

Ohne Titel

Nach der Entbindung wird die Nabelschnur vom Kind getrennt. Gleich danach punktiert der Arzt die Nabelschnur-Vene der Mutter mit einer Nadel. Das Blut aus dem Mutterkuchen und der Nabelschnur fließt in einen Sammelbeutel, der unverzüglich an eines der Verarbeitungszentren geliefert wird. In einem Reinraum-Labor wird das Blut zentrifugiert, um die Stammzellen abzutrennen. Dieses Zellkonzentrat wird tiefgefroren und in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad gelagert. Wenn ein Transplantationszentrum fötale Zellen für einen Patienten benötigt, wird weltweit bei den Nabelschnur-Blutbanken nach einem geeigneten Spender gesucht, und das Transplantat wird von der entsprechenden Blutbank angefordert. Nach dem Transport in die Klinik taut man es vorsichtig auf. Der Patient erhält die Zellen als Infusion. Die übertragenen Stammzellen ersetzen in seinem Körper das zerstörte oder geschädigte Blutbildungssystem. Je mehr fötale Zellen der Patient übertragen bekommt, desto größer ist seine Heilungschance.

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