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Einsamer durch Schlafmangel?

Einsamkeit
Schlafmangel kann die soziale Isolation verstärken. (Foto: Antonio Guillem/ iStock)

Schlafmangel macht nicht nur müde, unkonzentriert und auf Dauer krank – er beeinflusst auch unser Sozialverhalten, wie ein Experiment belegt. Demnach reicht schon eine schlaflose Nacht aus, um uns zurückgezogener und sozial isolierter werden zu lassen. Gleichzeitig reagieren auch andere Menschen unbewusst eher negativ auf unausgeschlafene Zeitgenossen – selbst wenn sie von deren Schlafmangel nichts wissen. Sozial gesehen könnte ein anhaltendes Schlafdefizit damit zu einem wahren Teufelskreis werden, warnen die Wissenschaftler: Betroffene ziehen sich immer mehr zurück und werden gleichzeitig auch eher gemieden.

Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen. Sind wir sozial isoliert oder fühlen und dauerhaft einsam, dann macht uns dies buchstäblich krank. „Individuen, die sich sozial isoliert fühlen, haben höhere Raten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alkoholismus und Suiziden und leiden häufiger unter stressbedingten Krankheiten und Immunschwäche“, erklären Eti Ben Simone von der University of California in Berkeley und seine Kollegen. Auch Schlafstörungen gehören zu den typischen Folgen der Einsamkeit. „Ob aber umgekehrt ein Schlafmangel Menschen dazu bringt, sich einsamer zu fühlen, war bisher unbekannt“, sagen die Forscher. „Vielleicht ist es kein Zufall, dass in den letzten Jahrzehnten die Einsamkeit stark zugenommen hat und gleichzeitig die Schlafdauer drastisch zurückgegangen ist.“

Rückzug von anderen Menschen

Um das herauszufinden, haben die Wissenschaftler in mehreren Experimenten getestet, wie Schlafmangel das Sozialverhalten und im Speziellen das Gefühl der Einsamkeit beeinflusst. Im ersten Experiment unterzogen sie 18 Studienteilnehmer einem klassischen Annäherungstest: In einem Video sahen die Probanden Menschen mit neutralem Gesichtsausdruck direkt auf sich zukommen. Wenn ihnen die Person gefühlt zu nahe kam, sollten sie einen Button klicken. Gleichzeitig beobachteten die Forscher ihre Hirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT). Die Hälfte der Teilnehmer hatte eine Nacht mit ausreichend Schlaf hinter sich, die andere dagegen hatten 24 Stunden nicht geschlafen.

Es zeigte sich: Diejenigen, die unter Schlafmangel litten, fühlten sich schon erheblich früher von den herankommenden Personen bedrängt. Sie klickten den Stopp-Button, wenn die Person 18 bis 60 Prozent weiter entfernt war als bei den ausgeschlafenen Probanden. „Die Teilnehmer erzwangen damit einen größeren sozialen Abstand zu anderen, wenn sie eine Nacht nicht geschlafen hatten“, berichten die Forscher. Parallel dazu verstärkte sich bei den schlaflosen Teilnehmern die Aktivität im sogenannten Nahfeld-Netzwerk ihres Gehirns – einem Schaltkreis, der vor der Annäherung potenziell bedrohlicher Mitmenschen warnt. Gleichzeitig wurde ein Gehirnbereich inaktiver, der uns normalerweise die Intentionen und Handlungen anderer verstehen lässt. „Dieses ‚Theory of Mind‘-Netzwerk zeigt auch eine verringerte Aktivität bei Menschen, die unter Einsamkeit leiden“, berichten Ben Simone und seine Kollegen. „Je größer das subjektive Gefühl der Einsamkeit ist, desto stärker ist dieses Netzwerk gehemmt.“

Nach Ansicht der Wissenschaftler belegen diese Ergebnisse, dass sich Schlafmangel direkt auf unser Sozialverhalten auswirkt: „Ein Mangel an Schlaf bringt Personen dazu, anderen eher aus dem Weg zu gehen und eine größere soziale Distanz zu wahren“, erklären sie. Ein Schlafdefizit könnte demnach durchaus dazu beitragen, einen Menschen sozial zu isolieren.

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Sich selbst verstärkende Reaktion

In einem zweiten Experiment wollten Ben Simone und sein Team wissen, wie andere auf einen unter Schlafmangel leidenden Menschen reagieren. Dafür zeigten sie 1033 nicht in den Studienzweck eingeweihten Online-Teilnehmern vier kurze Videoclips, die jeweils eine Gruppe von Probanden in einer Diskussion über aktuelle Themen zeigte. Die Zuschauer wussten nicht, dass einige dieser Personen unter Schlafentzug litten, andere dagegen nicht. In einem Fragebogen sollten die Online-Zuschauer anschließend ihre Einschätzung zur Stimmung und dem sozialen Status der gesehenen Diskussionsteilnehmer angeben. Auch ihr eigenes Gefühl vorher und nachher erfragten die Forscher.

Das Ergebnis: Ohne es zu ahnen, stuften die Zuschauer die unausgeschlafenen Probanden relativ einhellig als einsamer und weniger sozial attraktiv ein als die ausgeschlafenen. „Die Teilnehmer gaben an, dass sie weniger geneigt waren, mit diesen Personen zu interagieren oder zu kollaborieren“, berichten die Forscher. „Der Zustand des Schlafmangels wirkt demnach eher sozial abschreckend.“ Damit könnte Schlafmangel sogar einen wahren Teufelskreis der Einsamkeit auslösen: „Je weniger Schlaf man bekommt, desto weniger will man mit anderen interagieren. Umgekehrt nehmen einen andere als unsozialer wahr und verstärken damit noch die soziale Isolation“, erklärt Co-Autor Matthew Walker von der University of California. „Schlafmangel macht uns zu sozialen Aussätzigen.“

Hinzu kommt, dass das vom Schlafmangel ausgelöste Gefühl der Einsamkeit ansteckend sein kann: Nachdem die Online-Teilnehmer die Videos gesehen hatten, verschlechterte sich auch ihre soziale Stimmung, wie die Befragung ergab. Obwohl nichts in den Videos oder den dort gezeigten Diskussionsthemen mit Einsamkeit zu tun hatte, fühlten auch sie sich hinterher sozial isolierter als vorher, wie die Forscher berichten. „Das deutet auf eine fast schon virale Übertragung des Gefühls der sozialen Isolation bei Schlafmangel hin“, so Ben Simone und seine Kollegen. Immerhin gibt es auch eine gute Nachricht: Schon eine Nacht mit ausreichend langem Schlaf reicht aus, um diese Effekte rückgängig zu machen, wie die Forscher erklären. „Danach wird man sich wieder offener und sozial zugänglicher fühlen und das wird wiederum andere anziehen“, so Walker.

Quelle: Eti Ben Simone (University of California, Berkeley) et al., Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-018-05377-0

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Ba|la|ni|tis  〈f.; –, –ti|den; Med.〉 = Eichelentzündung [zu grch. balanos ... mehr

ba|sisch  〈Adj.; Chem.〉 1 alkalisch, auf eine Base bezüglich 2  〈Geol.〉 ~e Gesteine G. mit sehr niedrigem Kieselsäuregehalt ... mehr

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