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Ernährungssünden wirken noch auf die Urenkel

Ernährung
Die Ernährung der Mutter beinflusst noch ihre Urenkel. (Foto: andriano_cz/iStock)

Fastfood und Süßigkeiten sind ungesund – das ist altbekannt. Doch jetzt haben Forscher in einer Studie mit Mäusen festgestellt, dass sich die Ernährungssünden der Mütter vor und während der Schwangerschaft nicht nur auf sie selbst und ihre Kinder auswirken, sondern sogar noch bis auf die Urenkel. Selbst wenn die Folgegenerationen ganz normales, gesundes Futter bekamen, neigten sie und ihre Nachkommen zu Übergewicht, Diabetes und sogar suchtanfälligem Verhalten.

Ob Pizza, Wurst, Pommes oder Kuchen: Fast alles, was uns besonders schmeckt, ist dummerweise eher ungesund – zu fett, zu kohlehydrathaltig, zu süß. Essen wir zu viel und zu häufig Fastfood und andere fettreiche Kost, dann wirkt sich dies nicht nur negativ auf unsere Figur aus, sondern beeinträchtigt auch unseren Stoffwechsel. Als Folge drohen dann unter anderem Übergewicht, Diabetes und Gefäßerkrankungen. Studien belegen, dass sogar schon eine einzige Ernährungssünde zu schädlichen Veränderungen in Blut und Gefäßen führen kann – allerdings sind diese zunächst noch umkehrbar. Deutlich langfristiger und folgenreicher ist es dagegen, wenn eine schwangere Frau sich ungesund ernährt: Weil das ungeborene Kind quasi „mitisst“, verändert sich auch sein Stoffwechsel und das kann später im Leben zu einem erhöhten Risiko für Übergewicht, Diabetes und möglicherweise sogar einigen Krebsarten führen.

Wie viele Generationen reicht der Effekt?

Doch wie weit reicht der Einfluss der mütterlichen Ernährungssünden? Schon früher haben Studien mit Mäusen und Ratten Indizien dafür geliefert, dass zumindest die Kinder und Enkel dadurch ihrerseits einen Hang zu ungesunder Lebensweise und Übergewicht erben könnten. Durch welche Mechanismen dies geschieht, ist noch nicht vollständig aufgeklärt, Wissenschaftler haben aber bei den Folgegenerationen Veränderungen der Darmflora, der Genaktivität und auch des Gehirnstoffwechsels nachgewiesen. „So kann eine fettreiche Diät der Mutter das Belohnungssystem des Nachwuchses so programmieren, dass dessen Nahrungspräferenzen beeinflusst werden“, erklären Daria Peleg-Raibstein von der ETH Zürich und ihre Kollegen. Mit anderen Worten: Liebt die Mutter Fastfood und Co, tun dies auch ihre Kinder und vielleicht Enkel.

Jetzt haben die Forscher untersucht, ob dieser Einfluss der mütterliche Ernährungssünden auch bis zu den Urenkeln reicht und welche Folgen sie für diese haben. „Das ist die erste Studie, die sich die Folgen der mütterlichen Ernährung noch bis zur dritten Generation anschaut“, sagt Peleg-Raibstein. Für das Experiment fütterte ihr Team neun Wochen lang weibliche Mäuse mit fettreicher Nahrung – vor der Paarung, während der Schwangerschaft und während der Stillzeit. Alle Nachkommen dieser Weibchen wurden jedoch normal und gesund ernährt. Nachdem dann Mäusejungen erwachsen waren, paarten sie diese mit Weibchen aus einer Kontrollgruppe mit normaler Fütterung, ebenso verfuhren die Forscher dann mit den Enkeln. In allen drei Nachkommengenerationen – Kindern, Enkeln und Urenkeln untersuchten die Wissenschaftler Körpergewicht, Fressverhalten, den Insulinstoffwechsel und die Suchtanfälligkeit gegenüber Alkohol und Kokain.

Klare Veränderungen auch bei den Urenkeln

Es zeigte sich: Hatte die Mäusemutter viel fettreiche Kost konsumiert, wirkte sich dies noch auf ihre Enkel und Urenkel aus. Die Enkel hatten ein höheres Körpergewicht und mehr Körperfett und auch ihr Blutzuckerspiegel war gegenüber Kontrolltieren erhöht. Die Mäuse aller Generationen zeigten zudem gegenüber Drogen wie Alkohol und Kokain eine erhöhte Suchtanfälligkeit, wie die Forscher berichten.
Die Ursache dafür fanden sie im Gehirn der Tiere: „Die Übergewicht und Sucht-fördernden Verhaltensweise der zweiten und dritten Nachkommengeneration spiegelte sich in anhaltenden neuroanatomischen und neurochemischen Veränderungen des Dopamin-Systems wider“, berichten Peleg-Raibstein und ihre Kollegen. „Dopamin spielt eine wichtige Rolle im Belohnungssystem des Gehirns und ist eng verknüpft mit Zwangsverhalten wie dem übermäßigen Nahrungskonsum oder Süchten.“ Bei den Urenkeln gab es allerdings geschlechtsspezifische Unterschiede: Die Weibchen waren zwar ebenso suchtanfällig wie die Männchen, aber nur die Männchen wurden fettleibig.

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Nach Ansicht der Wissenschaftler belegen ihre Ergebnisse, dass die Folgen einer zu fettreichen Ernährung noch bis in die dritte Nachkommengeneration reichen. Über welchen Mechanismus diese „Vererbung“ vonstattengeht, ist allerdings noch offen. Denn bei Vergleichen der epigenetischen Anlagerungen am Erbgut der Spermien aller Generationen konnten die Forscher kaum signifikante Unterschiede nachweisen. Sie vermuten daher, dass andere Einflussfaktoren auf die Genaktivität wie die Histonhülle der Chromosomen oder auch nichtkodierenden RNA-Abschnitte für die Übertragung der Merkmale auf die Nachkommen verantwortlich sind. „Natürlich ist es ein großer Schritt von der Maus zum Menschen und unsere Ergebnisse können sicher nicht eins zu eins auf Menschen übertragen werden“, betont Peleg-Raibstein. Aber weil es beim Menschen zu viele Störfaktoren für solche Untersuchungen gibt, komme man auf diese Weise einer Antwort zumindest näher.

Quelle: Gitalee Sarker (ETH Zürich) et al., Translational Psychiatry, doi: 10.1038/s41398-018-0243-2

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